The Swarm (La-La Land)

COMA, DAMIEN: OMEN II, THE SWARM, THE BOYS FROM BRAZIL, MAGIC, THE FIRST GREAT TRAIN ROBBERY. 1978 sah einen Komponisten, der seine Genialität schon längst nicht mehr beweisen musste, auf seinem gewohnten, äusserst hohen Niveau. Sechs Filme unterschiedlicher Qualität, aber sechs erstklassige Scores; vielleicht nicht alles Klassiker, die aber nichtsdestotrotz im oberen Bereich von Jerry Goldsmiths Œuvre anzusiedeln sind und seine enorme Vielseitigkeit untermauern.

Den Bodensatz dieses Goldsmith-Jahrgangs bildet in filmischer Hinsicht eindeutig THE SWARM. Irwin Allens Ruf als «Master of Desaster» ist hierbei durchaus doppeldeutig zu verstehen. Läutete er als Produzent der sehr erfolgreichen THE POSEIDON ADVENTURE (1972) und THE TOWERING INFERNO (1974) das goldene Zeitalter des Katastrophenfilms ein, trug er das Genre durch seine Unzulänglichkeiten als Regisseur mit THE SWARM und BEYOND THE POSEIDON ADVENTURE (1979) gleich eigenhändig wieder zu Grabe.

Dabei wurde bei THE SWARM zumindest eine Erfolgsformel beibehalten, nämlich die des All-Star-Casts. Richard Widmark, Henry Fonda, Richard Chamberlain, Katharine Ross und Olivia de Havilland sind nur einige der vertrauten Namen, die sich wohl mit hohen Gagen bestechen liessen, bei diesem Streifen mitzuwirken. Und dann ist da noch Michael Caine, sozusagen der Jerry Goldsmith unter den Schauspielern, da er sich wie der Komponist nie zu schade war, jeden Murks, der seiner eigentlich nicht würdig war, zu akzeptieren. Ein kurzer Blick auf imdb zeigt übrigens, dass THE SWARM tatsächlich der einzige gemeinsame Film von Caine und Goldsmith ist.

Eigentlich wäre für die Musik von THE SWARM John Williams ‒ Allens Komponist des Vertrauens ‒ gewünscht gewesen, aber der war aus unbekannten Gründen nicht verfügbar. Zu vermuten ist, dass er mit dieser Gurke ganz einfach nichts zu tun haben wollte. So ging der Job an Goldsmith, und ‒ was soll man sagen ‒ die Welt wäre um einen denkwürdigen Score aus dessen Feder ärmer, wenn es nicht so gekommen wäre.

Dass die Story über südamerikanische (oder sind’s afrikanische?, wen kümmert’s) Killerbienen, die die USA heimsuchen, völlig frei von Verstand, Sinn und Logik ist, wird von Goldsmith meisterhaft kaschiert. Vollgepackt mit atemberaubender Action und auch in den Bereichen von Militär, Suspense und Trauer überzeugender Musik, packt der Komponist sein ganzes künstlerisches Potenzial in THE SWARM, wobei der Score zwar gerne mal Assoziationen zu THE BLUE MAX, CAPRICORN ONE oder ALIEN weckt, im Romantischen bisweilen in die Nähe der idyllischen Momente von THE OMEN rückt und durchaus auch bereits den Action-Goldsmith der Neunziger wie etwa von AIR FORCE ONE vorausahnen lässt, in entscheidenden Momenten dann aber doch seinen ureigenen Charakter aufweist.

Diesen verdankt er in erster Linie dem Hauptthema, einem Dreiton-Motiv, das Goldsmith als kleine Spielerei aus den Noten B-E-E formt und das besonders fies klingt, wenn ‒ wie als kurzer Vorgeschmack im «Main Title» ‒ sich überlappende Streicher und schwirrendes Blech das furchterregende Summen eines Bienenschwarms derart überzeugend nachahmen, dass auch das unwissende Ohr schnell erkennt, was da musikalisch dargestellt wird. Das ganze Spektakel überantwortet Goldsmith grösstenteils dem Orchester, Elektronik ist zwar auch im Einsatz, spielt aber keine nenneswerte Rolle. Das gilt auch für die Maultrommel, die die ständig lauernde Bedrohung da und dort noch zusätzlich akzentuiert.

Aus einer Vielzahl von erwähnenswerten Tracks seien hier nur drei hervorgehoben. In «The Bees‘ Picnic» erfolgt der erste Angriff der stechwütigen Viecher; inmitten der geschäftigen Bienenmusik glaubt man kurz auch das Hai-Motiv aus JAWS zu erkennen. Zufall oder kleine Ehrerbietung an einen Kollegen, der in Sachen Creature-Feature/Disaster-Movies ein glücklicheres Händchen hatte als Goldsmith? «Bees Inside» behandelt die letzte, alles entscheidende Schlacht von Mensch vs. Biene und lässt während 323 Sekunden das Herz eines jeden Fans von Goldsmith in blendender Action-Laune höher schlagen. Als stimmungsmässiger Gegenentwurf dazu dann «End Title», wo Goldsmith das zuvor so bedrohliche Bienenmotiv in einen jubilierenden 7/8-Ostinato-Rhythmus umwandelt, dessen geradezu ansteckender Optimismus den Hörer auch an schlechten Tagen mühelos aufzumuntern vermag. Es ist dies einer der markantesten Schlusstitel in Goldsmiths gesamter Karriere überhaupt.

La La-Land begnügt sich bei dieser bestechenden Edition nicht mit dem kompletten Score, sondern liefert auch den LP-Schnitt mit, der damit zum ersten Mal überhaupt auf CD erscheint. Bei diesem vom Komponisten zusammengestellten Programm handelt es sich zwar um keine extra dafür angefertigte Einspielung, aber es wurden teilweise andere Takes benutzt als bei der Filmversion. Ausserdem ordnete Goldsmith die Tracks nicht chronologisch an. Trotzdem ist dies ein toll anzuhörendes und auch in dieser Form ansprechendes Album, zu dem sich noch zwei Bonustracks mit Alternates gesellen.

Ein dickes Lob verdient im Übrigen auch das Booklet. Es überzeugt nicht nur mit vielen Infos und einer Track-by-Track-Analyse von Jeff Bond sondern enthält auch die lesenswerten, augenzwinkernden LP-Liner-Notes eines gewissen Tony Habeeb, dessen Nachname ulkigerweise das Wort «bee» enthält. War ihm irgendwie wohl vorbestimmt, der Job. Aber Spass beiseite, diese Doppel-CD stellt man sich ‒ egal, in welcher Form man THE SWARM bereits besitzt ‒ nur allzu gerne ins Regal und nimmt sie ebenso gerne immer mal wieder raus.

Andi 9.4.2020

THE SWARM

Jerry Goldsmith

La-La Land Records LLLCD1515

CD 1: 75:17 Min. / 30 Tracks
CD 2: 42:09 Min. / 12 Tracks
Limitiert auf 3000 Stk.