THE MUMMY / THE MUMMY RETURNS

Als Intrada vor einigen Monaten zum Mumien-Doppelschlag ausholte, war der „buy now“ Knopf ganz fix gedrückt. Nicht unbedingt wegen der filmischen Qualitäten dieser in bester Indiana Jones Manier gefärbten Abenteuerfilme, obwohl der erste, THE MUMMY (nicht zu verwechseln mit dem peinlichen Tom Cruise Dings von 2017), gut unterhält und durchaus spassig geraten ist, sondern weil hier zwei Komponisten am Werk sind, die, wenn in Hochform und der Film passte, damals mit zum Feinsten zählten was Filmmusik zu bieten hatte. Heute ist Alan Silvestri auch mit 68 noch fest im Sattel mit den Marvel Filmen und bei Robert Zemeckis – und einer der letzten immer noch tätigen Komponisten, die in den 80er Jahren bereits erfolgreich tätig waren. Jerry Goldsmith seinerseits verstarb 2004 im Alter von 75 Jahren.

Natürlich bietet uns Intrada hier das erwünschte Gesamtpaket, also zwei Mal den ganzen Filmscore. Auf THE MUMMY hatte es sogar noch Platz für das Originalalbum. Dazu reichte es bei THE MUMMY RETURNS nicht, war doch schon das Original satte 73 Minuten lang. Tatsächlich ist Silvestris Score länger ausgefallen als jener des Altmeisters, der immer Mut zur Lücke bewies und wusste, dass eine Stelle ohne Musik nicht weniger beeindruckend sein kann als eine Passage mit. Allerdings steuerte Goldsmith zu THE MUMMY eine ganze Menge Musik bei.

Seine Musik war eines der Highlights einer gut gemachten, genau richtig getimeten Hollywood-Produktion unter der Regie von Stephen Sommers (DEEP RISING, ebenfalls mit Goldsmith) und begeisterte damals, 1999, die Filmmusikgemeinde querbeet. Noch einmal blitzte Goldsmiths grossartiges Können auf und er erschuf einen bunten, beeindruckenden und extrem fleissigen Score voller Farben, Motiven, der gewohnt verspielten Art und Weise einzelner Sektionen des Orchesters sowie nicht ohne dem Score ein Lokalkolorit zu verleihen, das zwar nicht unbedingt „ägyptischer Natur“ ist, doch weder abgedroschen noch klischeehaft wirkt und keineswegs die dröge Ethnoschiene fährt, die nur ein Jahr später mit GLADIATOR auf uns niederregnete. Durchaus ähnlich gelagert ist übrigens 13TH WARRIOR und unter Goldsmith-Fans gibt es immer wieder interessante Diskussionen welche der beiden 1999 entstandenen Filmmusiken die bessere sei. Populärer scheint auf alle Fälle THE MUMMY, schade reichte es damit nicht eine weitere Oscarnomination für Goldsmith zu ergattern, wenn auch die Konkurrenz mit THE RED VIOLIN (Corigliano) oder ANGELA’S ASHES (Williams) keine zu verachtende war. Aber mit einem AMERICAN BEAUTY oder TALENTED MR. RIPLEY hätte es THE MUMMY zweifellos aufnehmen können.

Damit zur Frage aller Fragen: Muss ich THE MUMMY in der Langversion haben, wenn ich die alte CD besitze? Ja, denn es gibt einige furiose Actionpassagen und fast den gesamten letzten Akt, die bisher nur im Film zu hören waren. Ja auch, weil 90 Minuten Jerry Goldsmith immer gehen.

Alan Silvestri wusste, dass er mit der Fortsetzung in grosse Fussstapfen wird treten müssen, die so leicht nicht zu füllen sind. Durchaus klug deshalb die Entscheidung, kein Material von Goldsmith bei THE MUMMY RETURNS zu verwenden, auch wenn man als Filmmusikliebhaber gerne ein durchgehendes Hauptthema in der Filmreihe gehört hätte. Mit Sommers arbeitete Silvestri danach noch an zwei weiteren Produktionen, VAN HELSING und G.I. JOE: RISE OF THE COBRA, weder Filme noch Musik konnten aber wirklich Bleibendes hinterlassen (auch THE MUMMY RETURNS ist im Vergleich mit THE MUMMY ein eher enttäuschendes, wenn auch an den Kinokassen kein schlechteres Filmabenteuer geworden).

Silvestris THE MUMMY RETURNS ist gross und gewaltig, er startet mit einer Fanfare, die sich gewaschen hat und die bestes 50er Jahre Potential hat, ist dabei 22 Minuten länger als Goldsmiths Werk. Auch er verzichtet zumeist auf Ethnogefitzeleien und setzt mehr auf Epik, Bombast und grossartige Actionlandschaften, aber auch auf ein feines, ruhigeres zweites Motiv. Wie des öfteren bei Silvestri braucht es mehrere Anläufe um auf den Boden des Ganzen gelangen, versteckte Themenfetzen hören und das Ohr an oft kurze und knappe Motive gewöhnen zu können. Die 108 Minuten sind wortwörtlich überwältigend, derart viele Noten prasseln auf den Hörer ein. Der Zugang zu Goldsmiths THE MUMMY ist etwas einfacher zu finden. Silvestris Musik ist komplexer und komplizierter, ausserdem betrieb er fast wall-to-wall Scoring bei einem Film, der 124 Minuten dauert (THE MUMMY war nur 4 Minuten kürzer). Eigentlich sind es zwei durchaus unterschiedliche Musiken zu ein und dem selben Filmthema, wenn sie auch beide für grosse Abenteuer, ausladende Orchestrationen, Themen und Motive sowie packende Action stehen. Auch hier die Gretchenfrage, ob man sich den Silvestri denn zulegen sollte? Ja, wenn man die alte CD noch nicht besitzt und ja, wenn man an der alten CD gefallen fand. Schliesslich und endlich darf nun auch noch THE MUMMY mit THE MUMMY RETURNS verglichen werden: Gehaltvoller und mit eindeutig mehr Ohrwurmpotential ist Jerry Goldsmiths Score, wenngleich der Silvestri, wie es so schön vereinfacht heisst, mehr als nur „seine Momente“ hat. Also warum nicht den eingangs erwähnten Doppelschlag ausführen, gerade jetzt wo es ein wenig ruhiger ist am Filmmusikhimmel? Übrigens, damit das auch noch gleich erwähnt sei: Weder die Musik zum Spin-off THE SCORPION KING von John Debney noch die zum dritten Teil, TOMB OF THE DRAGON EMPEROR, von Randy Edelman können diesen beiden Filmmusiken das Wasser reichen.

Phil, 25.9.2018
THE MUMMY 

THE MUMMY RETURNS 

 

THE MUMMY

Jerry Goldsmith

Intrada Special Collection

CD 1: 
78 Min. / 32 Tracks
CD 2:
79 Min. / 20 Tracks

Limitiert

 

THE MUMMY RETURNS

Alan Silvestri

Intrada Special Collection

CD 1:
71 Min. / 29 Tracks
CD 2:
76 Min. / 22 Tracks

Limitiert