kurz und knapp 13

SENSORIA
Frank Ilfman (Moviescore Media)
Kürzlich konnte man mit Abulele (Intrada) des aus Israel stammenden Frank Ilfman hören, aber so richtig einschlagen wollte dieser Monsterfilm-Score nicht. Zu simpel, zu beliebig, nicht bleibend. Die Ankündigung mit Sensoria einen Horrorscore der alten Schule à la Rosemary’s Baby, The Omen (man streiche letzteren gleich wieder!) und mit einem Ohr auf die Hammer Filme zu komponieren, machte indes neugierig genug um in dieses Album reinzuhören, alleine es blieb eher bei den etwas grossmundigen Versprechungen. Es ist nicht zuletzt Labels wie Moviescore Media zu verdanken, dass diese Musiken heutzutage überhaupt veröffentlicht werden – was nicht heisst, alles von diesen kleinen Labels wäre auch wirklich „das Geld wert“. Doch kleinere Trouvaillen gibt es immer mal wieder. Nicht so ganz in letztere Kategorie möchte ich aber Sensoria einordnen, der zwar gerade zu Beginn gute Ansätze zeigt, dem aber wie Abulele der letzte Dreh fehlt, insbesondere in der Mitte zu beliebig wird und dessen Spieluhr-Motiv (vom Celesta oder Klavier intoniert) allzu oft präsentiert um gleich mehrmals in den Player geschoben zu werden. Die angesprochenen Ansätze sind in den (klein besetzten) orchestralen Stücken zu finden, in denen Ilfman oft auch eine grauslich schöne Frauenstimme benützt (zB. „Caroline’s Theme“).
3 Phil

THE TERMINATOR
Brad Fiedel (Milan)

Im Zuge der LP-Welle ist auch die CD von The Terminator bei Milan Records neu aufgelegt worden. Dieses Mal durfte Brad Fiedel, der irgendwann genug vom Hollywood Studiosystem hatte und sich von der Filmmusik zurückzog, selbst Hand anlegen und hat seine Musik zum grossen Erfolge von James Cameron mit Arnold Schwarzenegger als Bösewicht Vollmantelsoldat der aus der Zukunft kam (und unzählige Nachahmer nach sich zog) neu abmischen und mit einem frischen Mastering versehen, ausserdem, so heisst es, soll die Musik nun auch so repräsentiert worden sein, wie vom Komponisten eigentlich immer vorgesehen (der krude Re-Mix u.a., zu finden etwa auf den Edel Releases, entfällt nun also). In der Tat ist der Klang der CD wirklich hervorragend. Musikalisch hören wir einen „schwer metallisch“ anmutenden Synthiescore à la 1984, pfundig, roh und nichts für Liebhaber von ausschweifenden Melodien, aber zweifellos für die Fraktion elektronischer Musik der 80er Jahre. Das allseits bekannte und beliebte Terminator Thema übrigens kommt in Fiedels Score recht knapp bemessen (sehen wir mal von den beiden Schlusstracks ab) oder in Variationen vor („I’ll be back, Police Station & Escape“ ist dufte!). So richtig aufleben durfte es eigentlich erst in der Fortsetzung. Schade, dass man bei Milan an einem Booklet gespart hat.
3.5 Phil

ALTAMIRA
Mark Knopfler & Evelyn Glennie (EMI Records)
Altamira (2015) von Regisseur Hugh Hudson erzählt das Drama um die Entdeckung der Höhlen und Artefakten in Altamira im 19. Jahrhundert. Der Film wurde eher kontrovers aufgenommen, zumal er scheinbar die historischen Fakten arg manipuliert. Die Musik hierzu komponierten Mark Knopfler und Evelyn Glennie, welche sogleich auch als Gitarren- (Knopfler) und Perkussions- und Marimbasolisten (Glennie) fungieren. Der Score wurde für sehr kleine Besetzung komponiert (der „Choral“-Credit für Rupert Gregson-Williams im Booklet ist etwas irreführend ausgefallen, da der Choreinsatz kaum bemerkt wird). Das Ergebnis bietet über weite Strecken verträumte, entspannende, melancholische Musik, wobei Knopflers Gitarrenspiel, kombiniert mit ruhigem, dünnem Streicherteppich klar am prägnantesten und lieblichsten ausgefallen ist. Die beiden gänzlich von Glennie komponierten Stücke („Dream of the Bison“, „Farewell to the Bison“) sind mehr Sounddesign als Musik und entsprechend wenig attraktiv als reines Hörerlebnis. Die physische Veröffentlichung dieser Musik im heutigen Umfeld der um sich greifenden Digital-Download-Kultur wirkt kurios, zumal die Musik wenig spektakulär und das Album sehr kurz ausgefallen sind. Wohl nur etwas für Fans des Films und/oder der involvierten Komponisten. 
3 Basil

I… COMME ICARE
Ennio Morricone (Saimel)
Henri Verneuils Thriller um ein Attentat auf einen wiedergewählten Präsidenten eines fiktiven Staates (Ähnlichkeiten etwa zum JFK Attentat sind sicher nicht zufällig) und die nachfolgende Untersuchung ist ein höchst empfehlenswerter französischer Film mit Yves Montand in der Hauptrolle. Die kürzlich erschienene CD entspricht inhaltlich dem GDM Album von 2002, auf dem bereits 7 Tracks der alten LP enthalten waren. Wer diese Edition damals verpasste, kann nun mit der CD des spanischen Labels Saimel nachlegen, verzichten allerdings muss man auf die Liner Notes des kleinen Booklets, es sei denn man ist des Spanischen mächtig. 
Ennio Morricones Musik enthält fast alles, was man in seinem musikalischen Universum so finden kann. Ein quasi neo-klassisches Kleid „Prélude à Icare“ (Orgel), ein popig angehauchtes Liebesthema („Sentimental“, das sich im Verlauf des Scores immer pessimistischer zeigt) und Hauptthema („La vérité et le soleil“), einen typischen Spannungstrack mit Schlagzeug und Repetitionen wie später in The Untouchables zu noch mehr Popularität gereichend („Recherche obstinée“), die durchaus witzige Einbindung einer Schreibmaschine und jazziges in „Reflexion nocturne“, aber auch Marsch und Hymne („I comme Icare (Marche Allegre)“, „I comme Icare (Hymne majesteux)“). Für mich als Fan des Films eine schöne Erinnerung, rein musikalisch vielleicht nicht gerade der grosse Wurf des Italieners.
3 Phil

PAPER LANTERNS
Chad Cannon (Quartet Records)
Der Name Chad Cannon war mir bis anhin unbekannt. Als Quartet Records seine Musik zu Paper Lanternsherausbrachte, wurde ich wegen des Beschriebs neugierig und sprang ins kalte Wasser. Es hat sich gelohnt, erfroren bin ich dabei nicht. 
Cannon war an Orchestrationen unter der Leitung Conrad Pope für Howard Shore und Alexandre Desplat tätig, er ist aber auch Gründer des Asia/America New Music Institute. Paper Lanterns ist ein Dokumentarfilm, der über die Unnachgiebigkeit von Shigeaki Mori erzählt, zwölf amerikanische Kriegsgefangene, die während des Atombombenabwurfs bei Hiroshima starben, im Hiroshima Peace Museum eintragen zu lassen. Bis zu diesem Zeitpunkt wussten die Nachfahren nichts über den Verbleib dieser Männer. 
Cannons Musik hat einen leichten Carter Burwell Touch, wenn man so sagen darf, und natürlich auch einen japanisch-asiatischen Einfluss im ein oder anderen Track. Ein wirklich gelungener, teils schöner, durchaus aparter Score für ein kleines Ensemble geschrieben und vielleicht eine der angenehmen Überraschungen des Filmmusikjahres 2016. Enthalten ist übrigens auch ein Song, den die Tochter des japanischen Filmkomponisten Joe Hisaishi, Maj Fujisawa, interpretiert.
4 Phil

MACISTE CONTRO IL VAMPIRO
Angelo Francesco Lavagnino (Alhambra)

Maciste, der antiken Helden nachempfundene, italienische Muskelprotz aus der Feder von Gabriele D’Annunzio, erfreute sich erstmals in der Stummfilmzeit cineastischer Popularität und kam dann während des Peplum-Booms abermals gross in Mode. Und so gab es in den frühen 1960er-Jahren kaum einen italienischen Filmkomponisten, der nicht wenigstens einen Maciste-Streifen vertont hat. Im Fall von Lavagnino ist dies Maciste contro il Vampiro, ein ziemlich wirrer Genremix, in dem entgegen des Titels jedoch keine blutsaugenden Untoten, dafür aber sonst allerlei kurlige Kreaturen zu sichten sind. Seine unbestreitbaren Stärken zeigt dieser von Alhambra als Weltpremiere veröffentlichte Score beim heroischen, im Pulsschlag der Kesselpauken voranschreitenden Hauptthema, in exotischen, für den Komponisten typischen Strassen- und Tanzszenen sowie in einer vorzüglich eingesetzten Solo-Bratsche, die im tragischen, romantischen und sinnlichen, aber auch im dramatischen Bereich ihre nachhaltigen Akzente setzt. Als reine Hörstücke weniger attraktiv oder zumindest gewöhnungsbedürftiger sind jene, die den Antagonisten zugedacht sind. Hier geht es eher atonal zu und her, und es gibt etwa eine unheimliche Elektro-Orgel, Gitarren-Riffs, tiefe Klavier-Ostinati, Harfen-Glissandi und wiederum Kesselpauken zu hören. Unter dem Strich gehört der Score nicht zu den besten von Lavagnino, verfügt aber trotzdem über beachtliche Qualitäten. Und so dürften insbesondere Fans des Komponisten diese Veröffentlichung dennoch herzlich begrüssen und den Kauf auch nicht bereuen.
3.5 Andi

COLLATERAL
James Newton Howard
Von James Newton Howards komponierten 50 Minuten Musik fanden sich nur gerade 15 Minuten (im Booklet schwarz unterlegt) in Michael Manns Film über einen Auftragskiller (Tom Cruise in einer seiner besten Rollen), der sich in L.A. die Dienste eines unbescholtenen Taxifahrers (Jamie Foxx) zu Nutze macht – mit Heat wohl der beste Filme des Miami Vice Machers. 
Der Score beginnt zum Grossteil mit elektronischen Sounds, perkussiven Elementen und Gitarren, hie und da scheint schon mal das Orchester (meist die Sreicher) durch. Je länger die Musik dauert umso mehr nimmt der Auftritt der „echten“ Instrumente zu. Der Score erinnert atmosphärisch durchaus an die ebenfalls in Los Angeles spielenden FALLING DOWN und insbesondere GRAND CANYON, das englische Wort „brooding“ trifft es ziemlich genau. Ein ganz heisser Track übrigens, nicht zuletzt dank des Drumsets, ist „Max Steals Briefcase“.
Mit der Intrada CD bekommt man nun also Zugang zu einer Musik, die so bisher noch nicht zu hören war, weder auf der alten Hip-O Scheibe (die vor allem Manns eigene Selektionen präsentierte) noch, eben, im Film. Ein starker Score zu einem starken Film und eine mehr als willkommene Veröffentlichung!
4 Phil

HOMEWARD BOUND II: LOST IN SAN FRANCISCO
Bruce Broughton (Intrada)
Die Fortsetzung führt die drei tierischen Abenteurer dieses Mal in die Grossstadt, nachdem sie vom Flughafen ausgebüxt sind in der Meinung sie müssten wieder zurück an den Ort des ersten Ausbruchs – dabei will sie die Familie ganz einfach mit in die Ferien nehmen. Wieder mit von der Partie ist Bruce Broughton, dessen Musik zum ersten Film kürzlich ebenfalls bei Intrada veröffentlicht wurde. Für Teil 2 greift Broughton öfters auf seine Motive, das Americanafeeling und der Countryeinschlag von Teil 1 zurück, mitreissend in „Gimme another Chance/Airport Escape/They’ll Stop“, nicht aber ohne der Metropole auch musikalisch ein Zeichen zu setzen. Das klingt also durchaus mal etwas nach For Love or Money aka. The Concierge (Sopran Sax in „In the Park“), der ebenfalls in einer der grossen US-Städte spielte, oder auch mit einem Hauch West Side Story in „Dog Fight“ versehen. Ebenfalls neu ist das Thema für den weissen Welpen Delilah und daraus das Liebesthema („Thinking of Chance“) sowie Bluesiges für die Streetgang („Bungled Ambush“ Film Version). Insgesamt ist in Homeward Bound II auch wegen der Vielzahl an Motiven, die dazu kamen, mehr mickey mousing präsent als im ersten Score. Anspieltipp: das wunderbare „Heroic Deeds“.
Die Intrada CD präsentiert 69 Minuten Score plus drei zusätzliche Stücke, im Gegensatz zu den knapp 35 Minuten der 1996er Disney Disc.
3.5 Phil

26.6.2016