Fernando Velázquez: Eine Filmmusik-Reihe

von Klaus Post

Fernando Velázquez, der eher noch junge spanische Filmkomponist (Jahrgang 1976), der mit seinem Score zu EL ORFANATO 2007 seinen internationalen Durchbruch schaffte und für einige Aufmerksamkeit sorgte, ist den meisten Filmmusiksammlern längst ein Begriff. Nach ORFANATO war schnell klar, dass es sich um einen Komponisten handelt, der nicht nur hervorragend mit dem Orchester umzugehen versteht (Velázquez orchestriert oft selbst), sondern auch ein ausgeprägtes Gespür für Melodien besitzt. Üblicherweise schreibt er zwar neben dem Hauptthema keine weiteren Themen für den jeweiligen Score, meistens sind seine Themen aber komplex und anpassungsfähig genug, dass sie durch Variationen den jeweiligen Bedürfnissen angepasst werden können. Darüber hinaus passt das sehr gut zu Velázquez‘ eher klassischem Kompositionsstil, denn so ergeben sich in den meisten Fällen Scores wie aus einem Guss, die umso besser wirken, je ausführlicher man sie sich anhört.

Für seine Qualitäten spricht, dass er Bekanntheit erlangte, obwohl er seine meisten Arbeiten weiterhin fürs spanische Kino schreibt. Längst nicht so oft, wie man es bei einem derart talentierten Filmkomponisten vermuten könnte, macht er Ausflüge in internationale Filmproduktionen. Und selbst wenn das der Fall ist, ist in den meisten Fällen ein spanischer oder spanischsprachiger Regisseur an Bord.
Sollte sich das jemals ändern, bleibt zu hoffen, dass Velázquez auch dann seinen Stil und seinen virtuosen Umgang mit dem Orchester beibehalten kann und darf. Tatsache ist jedenfalls, dass Fernando Velázquez trotz seiner Bekanntheit und seiner hervorragenden Musiken auf unserer Homepage bis jetzt ziemlich unterrepräsentiert ist, wenn es um Besprechungen seiner Scores geht. Dem soll nun in Form einer dedizierten Fernando-Velázquez-Reihe abgeholfen werden.

Dazu werden in wahrscheinlich nicht ganz regelmäßigen Abständen Kurzrezensionen seiner auf CD erschienenen Soundtracks erscheinen.
Den Anfang in dieser Reihe machen der bereits erwähnte EL ORFANATO, THE IMPOSSIBLE sowie mit CONTRATIEMPO und THE ACCORDEONIST’S SON zwei seiner jüngeren Scores von 2017 bzw. 2019.

EL ORFANATO
Fernando Velázquez
Warner Music
47:25 Min.
16 Tracks

EL ORFANATO (THE ORPHANAGE) markierte 2007 nicht nur die erste Zusammenarbeit von Fernando Velázquez mit Regisseur J. A. Bayona sondern auch Velázquez‘ Durchbruch als Filmkomponist. EL ORFANATO ist ein Grusel-Thriller bester, alter Schule, der durch seine ausgeklügelte Handlung mit Tiefgang genügend Möglichkeiten für eine gute Filmmusik bietet. Und so sorgte Velázquez mit einem rundum gelungenen, dramatischen Suspense-Score, der nicht zuletzt von seinem grandiosen Hauptthema lebt, damals für Furore.

Die Musik zu EL ORFANATO offenbart Velázquez‘ Sensibilität, sein Einfühlungsvermögen und seine Fähigkeit zu komplexen Melodien. Das Hauptthema – in seiner Reinform am besten zu hören in Track 13 „Reunion and Final“ – vereint sehr viele unterschiedliche Emotionen in sich, wie Kindlichkeit, Vertrautheit, Wehmut, Liebe, große Tragik und am Ende auch Erlösung und wird dadurch zu einem ergreifendem Thema, das allein die Anschaffung des Albums lohnt.

Bis hin zu diesem Finale wechseln sich Momente der Spannung, der Angst, der Traurigkeit und des großen Dramas ab, welche allesamt kunstvoll orchestriert sind und trotz der Spannung, die sie erzeugen, nie wirklich dissonant werden. Die offensichtlichste Ausnahme hiervon ist Track 12 „La Casita de Tomas“, der Schlüsselszene des Films, in der Velázquez erst mit düster bedrohlichen Dissonanzen quälende Spannung aufbaut, bis er dann wieder zur harmonisch aber nichtsdestoweniger dramatisch klingenden Auflösung kommt.

Gerade bei den treibenden Passagen setzt Velázquez – wie sich auch in späteren Scores immer wieder zeigt – gerne einen prägnanten Streicher-Rhythmuslauf ein, der unter der eigentlich Melodieführung liegt. Ein Stilmittel, das trotz der Spannung und des Tempos nie die Melodik verloren gehen lässt.

Mit EL ORFANATO legte Velázquez also einen fulminanten Karrierestart hin, der Hoffnung auf mehr dieser Art machte.


THE IMPOSSIBLE
Fernando Velázquez
Quartet Records
52:30 Min.
18 Tracks

Fünf Jahre nach EL ORFANATO folgte für Fernando Velázquez die zweite Zusammenarbeit mit Regisseur J. A. Bayona: THE IMPOSSIBLE. Mit erschreckender Authentizität erzählt Bayona die unglaubliche aber dennoch wahre Geschichte einer Urlauber-Familie, die in Thailand den verheerenden Tsunami von 2004 erlebt und überlebt.

Zentraler Bestandteil des Scores ist auch hier wieder ein gleichermaßen komplexes wie wunderbares Hauptthema, mit dem Velázquez es erneut schafft, erstaunlich viele und auch gegensätzliche Emotionen in einem Thema zu vereinen:

Glück und Trauer zugleich, Fassungslosigkeit, Demut, Hoffnung, Dankbarkeit und schließlich überschwängliche Freude. Es drückt vieles aus, für das es kaum die richtigen Worte zu geben scheint.

Der größere Teil des Films beschäftigt sich damit, dass sich die auseinander gerissene Familie in all dem Chaos, der Zerstörung und der Verzweiflung der Überlebenden sucht. Auf Action ist Bayona zugunsten der Glaubwürdigkeit nie aus. Demzufolge ist auch Velázquez ‘ Musik ein eher ruhiger und melodischer Score. Dadurch, dass das Hauptthema so viel Substanz hat, kann der Score es immer wieder aufgreifen und seine Variationsmöglichkeiten nutzen, ohne es auch nur ansatzweise eintönig wirken zu lassen. Ein zusätzliches Thema ist gar nicht nötig, es wäre für die Geradlinigkeit und Homogenität der Musik sogar störend.

Das Ergebnis ist ein einfühlsamer und emotional intensiver Score, der betroffen macht und die emotionale Achterbahnfahrt der Familie greifbar macht.

Wie sehr Velázquez mit seiner Musik ins Schwarze trifft, zeigt sich auch in einem Youtube-Video aus den Scoring Sessions, die von der Mutter der echten Familie besucht werden. Diese bedankt sich unter Tränen bei Komponist und Orchester für Musik und Darbietung. Beim Einspielen des Hauptthemas schließlich kann auch eine Violinistin ihre Tränen nicht mehr zurückhalten…

Ein Velázquez in Höchstform also, die er immer dann zu erreichen scheint, wenn er mit J. A. Bayona zusammenarbeitet.


CONTRATIEMPO
Fernando Velázquez
Quartet Records
75:55 Min.
19 Tracks

Bei CONTRATIEMPO handelt es sich um einen sehr soliden spanischen Thriller, in dem ein prominenter Geschäftsmann einen tödlichen Unfall zu vertuschen versucht.

Enorm bereichert wird der Film durch den Score von Velázquez. Dieser zeichnet sich die meiste Zeit nicht etwa durch besondere Dramatik aus, sondern viel mehr durch eine sehr dichte und bisweilen fast herrmanneske Atmosphäre. Velázquez breitet einen sehr homogenen Suspense-Klangteppich aus, ohne dabei seinen melodischen Kompositionsstil außen vor zu lassen. Und obwohl bis auf die beiden letzten Stücke „El Invitado Invisible II“ und „Nadie Va a Venir a Buscarte“ eigentlich kein Track wirklich heraussticht, kommt beim Zuhören keine Langeweile auf. Mit diesen beiden Tracks zelebriert Velázquez genüsslich ein langsames Crescendo. Über Minuten hinweg steigert sich in „El Invitado Invisible II“ ein einfacher aber effektiver Melodielauf vor einem dominanten Rhythmusmuster über das Arrangement bis hin zum erlösenden Harmoniewechsel. Die gleiche Melodie und das Crescendo verarbeitet Velázquez dann in „Nadie Va a Venir a Buscarte“ zum Song für die End Credits. Diese beiden Stücke bilden das dramatische Finale und den unbestrittenen und absolut hörenswerten Höhepunkt des Scores.

Dieser Score ist sicher nicht jedermanns Sache und braucht vielleicht zwei bis drei Durchläufe, aber wer sich für atmosphärische Dichte begeistern kann, findet hier einen Leckerbissen.


THE ACCORDIONIST’S SON
Fernando Velázquez
Quartet Records
46:58 Min.
17 Tracks

Wenn schon ein Musikinstrument Bestandteil des Filmtitels ist, weckt das gewisse Erwartungen und man hofft auf einen besonderen musikalischen Leckerbissen. Erfüllt Fernando Velázquez diese Erwartung und beglückt uns mit einem speziellen, Akkordeon-lastigen Score? Leider nein. Es gibt zwar ein recht schönes Hauptthema, aber das erklingt – vom Akkordeon gespielt – in gerade einmal zwei Tracks („Infancia“ und dem Schlussstück „Paraíso“). Tröstet denn der restliche Score darüber hinweg? Auch diese Frage muss leider mit nein beantwortet werden.

Zwar hat Velázquez den melancholisch gehaltenen Score in seiner typisch melodischen Art fürs Orchester geschrieben, allerdings ist er bemerkenswert arm an dramatischen Höhepunkten. Einzige Ausnahme bildet „Arrabeto“, in dem Velázquez gleich zwei treibende Streicherläufe übereinander legt, einen tiefen für Celli und Bässe und einen hohen für Violinen. Aber leider ist diese angenehme Abwechslung nach nicht einmal zwei Minuten schon wieder vorbei.

Und so plätschert dieser Score 47 trübsinnige Minuten vor sich hin und muss als große Enttäuschung bezeichnet werden.