Cliffs of Freedom

Mit CLIFFS OF FREEDOM (2019) schuf Regisseur Van Ling ein Historienfilm, angelehnt an wahre Begebenheiten während des anbrechenden Unabhängigkeitskriegs zwischen den Griechen und dem Osmanischen Reich im Jahr 1821. Die Erzählung dreht sich um die Romanze zwischen Christina und Oberst Tariq – sie ist eine angehende Revolutionärin auf griechischer Seite, er ein aufsteigender, türkischer Heeresführer. Der sich Bahn brechende Konflikt beginnt schmerzliche Opfer zu fordern, wobei auch die Liebe zwischen Christina und Tariq zusehends unmöglich zu werden scheint. Mit CLIFFS OF FREEDOM, basierend auf dem Buch «Daughter of Destiny» von Marianne Metropoulos, liefert Van Ling sein Spielfilm-Regiedebüt ab. An den Kinokassen war dem Film leider kein Erfolg vergönnt, trotz beachtlichem Produktionsaufwand. Für die Filmmusik zeichnete der griechische Komponist George Kallis verantwortlich.

Kallis durfte mit einem 80-köpfigen Orchester, Chor und zahlreichen traditionellen Instrumenten aus Griechenland und aus der Türkei im ungarischen Radiostudio eine epische Filmmusik aufnehmen. Das Ergebnis ist beeindruckend und vermag über die gesamte Albumspielzeit von über 70 Minuten dank starken Musikthemen und einer schönen Narratologie bestens zu unterhalten. Damit empfiehlt sich George Kallis nach ebenfalls sehr gelungenen Kompositionen für GAGARIN: FIRST IN SPACE (2013), ALBION: THE ENCHANTED STALLION (2016), THE BLACK PRINCE (2017) und Disneys THE LAST WARRIOR (2017) erneut als «To-Watch»-Talent, der hoffentlich noch viele weitere vollorchestrale Partituren schreiben darf – idealerweise auch mal für Filme, denen international von einem breiteren Publikum mehr Aufmerksamkeit zukommt.

Die Filmmusik zu CLIFFS OF FREEDOM erfindet das Rad zugegebenermassen nicht gänzlich neu und es flackern auch immer mal wieder Passagen auf, die punkto Melodie oder Orchestration an frühere berühmte Soundtracks erinnern – bspw. hört man immer mal wieder Ähnlichkeiten zu Howard Shores THE LORD OF THE RINGS (2001–2003; das Stück «Cenotaph» scheint gar „Gandalf’s Farwells“ aus dem Stück «Khazad-dûm» aus THE FELLOWSHIP OF THE RING (2001) kurz zu zitieren), verschiedentlich erinnern Holzbläser-Einsätze und Sologesänge an James Horners AVATAR (2009) und BLACK GOLD (2011) – überhaupt wandelt Kallis punkto Schreiben unverblümt dramatischer Filmmusik auf Horners Spuren –, in den Action-Tracks scheinen in Bezug auf epische Percussion-Beats und Chor-Einsätze die Remote Control-Werke, darunter namentlich PIRATES OF THE CARIBBEAN: THE CURSE OF THE BLACK PEARL (2003) und «Narnia» (2005/2008), Paten gestanden zu haben. Ob dies auf Temptracking, Zufall oder Mutwilligkeit zurückzuführen ist, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Es tut dem Ergebnis auch kaum Abbruch, denn George Kallis bringt mit seinen prägnanten Themen – fünf an der Zahl, wie er dies in seiner «Composers Note» im Booklet schön aufzeigt – einen fest verwobenen Gesamteindruck zustande, der mal intim, mal episch orchestriert abwechslungsreich und meist klangschön ausgestaltet ist. Dabei scheut er nicht davon zurück, grosses Drama mit ebensolcher Musik selbstbewusst zu vertonen. Wenn man glaubt, es geht nicht mehr dramatischer, setzt er noch einen drauf – und statt dass dies peinlich berührt, geht einem schlicht und einfach das Herz auf und die ausladenden Themen nisten sich sofort und hartnäckig ins Ohr ein (ähnlich erging es mir auch bei Gregson-Williams’ «Narnia»-Kompositionen).

Im ersten Stück, «Fabric of History», werden zwei tragende Themen in einem verhaltenen Prolog präsentiert – Kallis nennt sie das «Freedom Theme» und das «Destiny Theme». Diese beiden Themen nehmen dann jedoch erst in der zweiten Hälfte des Albums wieder prominent Platz ein und erklingen oftmals in epischer, mitreissender Form. Im Stück «Valtetsi Village» wird das so genannte «Familiy Theme» eingeführt. Diesem Thema kommt anfangs der Löwenanteil der Aufmerksamkeit zu. Die beiden weiteren Themen sind das «Sorceress Theme» und dann natürlich das «Love Theme» (erstmals zu hören in «Can You Forgive»). Obwohl alle Themen eigene Stärken haben, sind es letztlich das «Freedom»- und das «Destiny»-Thema, die besonders lange nachhallen werden – nicht zuletzt wegen ihrer hohen Präsenz während der zweiten Hälfte des Albums. In der zweiten Albumhälfte fängt George Kallis denn auch an, die stetig sich steigernde dramatische Intensität musikalisch effektvoll voranzutreiben. Während anfangs des Albums die meisten Themen eher verhalten ihren Einstand haben, gewinnt die gesamte Komposition ab «Fog of War» immer mehr an Kraft. «Becoming a Legend» und «Freedom or Death» sind erste Höhepunkte, doch mit «Battle Preparations», «Battle of Veltetsi», «Let the Blade Find the Cut» und «Simply the Truth» holt Kallis zu einem gut 16-minütigen, gewaltigen, eindrücklichen Finale aus. Nach diesem fulminanten Abschluss folgt die Ballade «I’ll Wait For You», musikalisch basierend auf dem «Freedom»-Thema und damit direkt verlinkt mit der Orchestermusik, womit sie sich stimmig ins Gesamtbild einfügt.

Fazit: George Kallis liefert mit der Filmmusik zu CLIFFS OF FREEDOM eine beeindruckende Arbeit ab. Prägnante Themen und kräftig aufspielende Musikerinnen und Musiker sorgen für beste Unterhaltung. Damit dürfte CLIFFS OF FREEDOM wohl in so mancher Best-of-2019-Liste mitfigurieren, was definitiv gerechtfertigt wäre. Auf weitere Arbeiten von George Kallis darf man nicht, sondern muss man gespannt sein.

2.10.2019, Basil

CLIFFS OF FREEDOM

George Kallis

Aegean Entertainment

74:27 Min.
29 Tracks