Antonia’s Line

Der 1996 mit einem Oscar gekrönte Film („bester ausländischer Film“) erzählt von Antonia. Antonia wacht eines Morgens mit dem Wissen auf, dass ihr letzer Tagangebrochen ist. Sie ruft ihre Familie ans Bett und der Film lässt Antonias Leben Revue passieren. Antonia ist Zeit ihres Lebens eine rebellische, eigensinnige und starke Frau gewesen.

Sie entschloss sich nur mit ihrer Tochter zu leben und auf einen Mann zu verzichten. So bauen beide ein landwirtschaftliches Gut auf und meiden die Bewohner des angrenzenden Dorfes. Später will die Tochter ein eigenes Kind, aber keinen Mann. Also fahren Mutter und Tochter in die Stadt und suchen einen Fremden, der Antonias Tochter schwängert, und anschließend wieder in der Versenkung verschwindet. Die Männer kommen in diesem Film denkbar schlecht weg. Die Damen im Film pflegen – was Männer betrifft – eine skurrile Frauenhaus-Mentalität zu der sich unkonventionelles, anti-religiöses Verhalten gesellt. Einen Gegenpol bildet das Provinzielle des Dorfes, was so gar nicht zu Antonia passt; insgesamt aber hat die Gerechtigkeit immer die Nase ein Stückchen vorne, was – neben den vielen Pointen – einer der Reize der Geschichte ist. Die begehrte Hollywood-Auszeichnung hat der Film zu Recht erhalten.

Ob es nun gewollt war oder ob es sich so ergeben hat, sei einmal dahingestellt: Die Musik zum emanzipierten Film hat eine Frau komponiert, und zwar die britische Ilona Sekacz. Bei Ihrer Komposition stellt sich durchgehend gute Laune ein. Bei längerem Genuss findet man sich in einer heiter gelösten Stimmung wieder, die lange nachwirkt, hat die Komponistin doch für lebendige Melodien gesorgt, die sehr eingängig sind, und mit denen man sich lange vergnügen kann. Eröffnet wird die Partitur von einem Akkordeon, das den Hörer mit einem schwelgerischen Hauptthema vertraut macht. Einmal gehört, kann man sich diesem kaum entziehen. Nach diesem kurzen Entree wird das Thema von einem Streichermeer wiederholt. Dieses Abwechseln von Soli und Orchestereinsatz zieht sich durch die gesamte Partitur und ist ein besonderes Merkmal. Einerseits wird die Musik der Lebendigkeit des Filmes damit gerecht, andererseits nutzt Sekacz dies, um weitere Melodien aus dem Hauptthema heraus zu entwickeln. Das ganze Album hat dadurch eine tolle narrative Qualität ohne Brüche oder Absonderlichkeiten.

Ein weiteres Markenzeichen von Sekacz Arbeit ist der ganz seltene Einsatz von Blechblasinstrumenten. Oft dominieren Streicher (mit für den Kenner latent impressionistischem Gestus) oder Holzbläser und verleihen der Musik Wärme und Herzlichkeit. Ein schönes Bespiel für den Holzbläsereinsatz ist „The Farmer & His Sons“. Durch flinke motivische Sprünge und spontane Veränderungen am Hauptthema klingen die verwobenen Holzbläsersoli wie ein verspielter Frühlingstag. Diese Atmosphäre wird wieder aufgegriffen in „The Joys Of Spring“. Hier bekommt das Element des Frühlings dann ein eigenständiges Thema, welches – im Gegensatz zur Atmosphäre in „The Farmer & His Sons“ – reifer und gewachsener wirkt. Natürlich gehört „The Joys Of Spring“ zu meinen Lieblingsstücken, wie beispielsweise auch „To The Hotel“: Einleitendes Scherzo, das im Verlauf stimmungsmäßig schwerer wird, und dem Hörer quasi eine „abendliche Erschöpfung“ oder „angenehme Müdigkeit“ vermittelt (hier hören wir dann auch mal einzelne Trompeten-Passagen mit weichem unauffälligem Timbre).

„Antonia´s Death / Memories“ begleitet die Familie während des Todes von Antonia. Hier greift die Komponistin das Frühlingsthema aus „The Joy Of Spring“ erneut auf. Obgleich Parallelen im Aufbau, der Harmonik und der Melodik erkennbar sind, ist die Stimmung natürlich gegensätzlich. So wird klar, dass Leben und Tod zusammengehören, und dass Antonia und ihre Familie weder das Eine noch das Andere fürchten. In Moll gehaltene langgezogene Streicherläufe verleihen diesem Cue Traurigkeit mit etwas Schwermut. In der letzten Minute dieses Stückes kommt das Akkordeon leise und zaghaft zurück ins Spiel und lässt die Trauergemeinde langsam wieder etwas aufleben.

Zum letzten Track: „End Credits“ ist inhaltlich identisch mit den „Openings Credits“. Die Musik findet wieder zum Anfang zurück und das Leben geht so von Generation zu Generation weiter. Dieser Gedanke findet – um jetzt die Rezension abzuschließen – Ausdruck in einem „Uhr-Motiv“ (ab 0:40), das in diese beiden Tracks eingearbeitet ist. Röhrenglocken und Piano zählen die Zeit und klingen symbolisch wie der Schlag eines Sekundenzeigers.

Fazit: Ilona Sekacz hat ein ergreifendes Stimmungsgemälde geschaffen, welches man jedem Musikliebhaber empfehlen kann. Suchtgefahr!

Oliver, 1.12.2019

 

ANTONIA’S LINE

Ilona Sekacz

Silva Screen

40:24 Min.
16 Tracks