Still another week with Jerry (5)

Teil 5

von Phil Blumenthal

Während wir eine weitere Woche des Lockdowns ansteuern, dreht Goldsmith munter seine Runden im CD-Player und an Teil 5 schreibend, bemerke ich, dass die 80er Jahre dieses Mal verstärkt musikalisch im Einsatz sind. Das ist purer Zufall, geplant war nicht, was wann gehört wird. Lust und Laune sind nach wie vor der Taktgeber. Übrigens, weil diese Frage auftauchte, erwähne ich absichtlich die Bootlegs, die einige Zeit richtig grassierten, natürlich auch bei Jerry Goldsmith Musiken, nicht immer. Es würde den Rahmen sprengen und die Zeit hat ja gezeigt, dass zu vielen alten Alben früher oder später eine Langversion erscheint.

STAGECOACH ist ein Remake des John Ford Klassikers von 1939 (mit John Wayne und John Carradine). 1966 machte sich Gordon Douglas an diese Neuverfilmung mit kleinen Änderungen hie und da (so verlegte er die Szenerie vom Monument Valley kurzerhand nach Colorado). Mit von der Partie in diesem all-cast Film sind unter anderem Ann-Margret, Red Buttons, Bing Crosby, Van Helflin, Slim Pickens, Stephanie Powers. Und fast wie bei anderen starbesetzten Filmen, sprich Katastrophenfilme, hält auch STAGECOACH für jeden Charakter kürzere oder längere Einführungen und Erzählungen bereit. Es war nach RIO CONCHOS der zweite Douglas Film, zu dem Jerry Goldsmith die Musik beisteuerte.

In «Main Title» sind die beiden Hauptthemen des Films zu hören: Einmal das ein wenig an THE WALTONS erinnernde Titelthema, mit Mundharmonika, Maultrommel, Banjo, Gitarre und als zweites das, nennen wir es, «Landschafts- und Kutschenthema», mit dem vollen Orchester, angeführt von einer Solotrompete. Furiosere Tracks wie sind bei STAGECOACH die Ausnahme, zumeist bleibt Goldsmiths Musik zurückhaltend und fokussiert sich auf die Personen und deren Geschichten. Das wird mit Soloinstrumenten (Querflöte, Gitarre, Banjo etc.) und gefühlvollen Streichern gehandhabt. In «Escape Route» hören wir das bad guy Motiv von einer Bassmundharmonika gespielt, zusammen mit einem Peitschen ähnlichen Perkussionsklang. Nach 25 Minuten ist die Sache auch schon zu Ende, gefolgt von einem Schlusssong gesungen von Wayne Newton und so ist STAGECOACH einer der kürzesten Westernmusiken des Komponisten.
Quasi als 20minütigen Bonus gibt es das fesche Titelthema und zwei Suiten (zu zwei Episoden) der kurzlebigen TV-Wildwest-Serie THE LONER mit Lloyd Bridges, kreiert von Rod Serling.

Erstaunlicherweise hat STAGECOACH bereits mehrere Veröffentlichungen erlebt. Die Einspielung unter Alexander Courage von 1966 als Mainstream LP, die später auch auf CD und in Kombination mit THE TROUBLE WITH ANGELS zu hören war, selbiges Programm (aber mit THE HEROES OF TELEMARK, Malcolm Arnold) auf einer Intrada Veröffentlichung. Nicht vergessen sei die Tsunami CD mit STUDS LONIGAN und FLIM-FLAM MAN. 1996 erschien das Film Score Monthly Album mit dem Filmscore, gefolgt 2012 von La-La Land, die am besten klingende Versio

Der grosse Erfolg und das offene Ende von THE OMEN führten zum Sequel DAMIEN: OMEN II (1978). Richard Donner war zu dieser Zeit mit SUPERMAN-THE MOVIE beschäftigt und konnte die Regie nicht übernehmen, so griff man auf Mike Hodges (FLASH GORDON) zurück. Dieser musste allerdings nach zwei Wochen Dreharbeiten den Platz räumen und so kam Don Taylor zu Ehren, der kurz zuvor mit Marlon Brando THE ISLAND OF DR. MOREAU drehte und mit Goldsmith bei ESCAPE FROM THE PLANET OF THE APES arbeitete.
Weil der kleine Teufel im Vorgänger ziemlich jeden Hauptcharakter aus dem Weg geräumt hat, kamen in der Fortsetzung William Holden, Lee Grant und Lance Henriksen zu Ehren, während Damien (nebst Regan zweifellos das gruseligste Filmkind) von Jonathan Scott-Taylor gespielt wurde. Der Film spielt sieben Jahre nach den Geschehnissen in England. Damien wächst wohlbehütet in der Familie von Richard Thorn auf, bis es zu weiteren merkwürdigen Todesfällen in und um die Familie kommt.

Worin unterscheidet sich DAMIEN von THE OMEN? Der bekannte «Ave Satani» Chor wird hier öfters und in vielen Variationen eingesetzt, dazu kommt, passend zum Film, in dem eine Krähe eine wesentliche Rolle spielt und so quasi die Rolle des Rottweilers des Vorgängers übernimmt, eine Art «krächzen» Chorlaut. «A Ravenous Killing» ist einer der ersten grösseren und packenden Stücke des Scores, gefolgt von «Snowmobiles», das eine Ausnahme im Klangspektrum von OMEN II darstellt; fast wie in POLTERGEIST zeigt Goldsmith einen gute Laune Track, jedoch anders als mit «Carol Anne’s Theme» findet dieser im Score sonst keine weitere Aufnahme. Eine der unvergessenen, erschreckenden Szenen ist mit «Broken Ice» untermalt, als Thorn Industries Präsident Atherton in das Eis einbricht und vom Sog mitgerissen wird, während die Beteiligten auf dem gefrorenen Fluss versuchen, ihn immer wieder zu erreichen und das Eis zu brechen. Unglaublich gut gemacht, ebenso wie der sich langsam aufbauende Track «I love you, Mark» in dem Mark seinem Stiefbruder Damien durch den verschneiten Wald folgt. Nebst den Krähenlauten hat DAMIEN: OMEN II nicht unbedingt neues Material zu bieten, aber Goldsmith weiss wie er mit dem Vorhandenen umgehen und es variieren muss, um mehr als nur Copypasting zu vollführen. Nebst einer mittleren Orchesterbesetzung und dem Chor sind eine Orgel und hie und da, recht zurückhaltend, ein Synthesizer zu hören. 1978 war ein starkes Jahr von Goldsmith mit u.a. THE BOYS FROM BRAZIL, THE GREAT TRAIN ROBBERY und COMA.

Die mit dem Film erschienene 34 Minuten LP wurde eigens in London unter Leitung von Lionel Newman mit dem National Philharmonic neu eingespielt. Die damals teuren re-use fees (Musiker erhielten nochmals 100% ihres Honorars für einen Tonträger, eine Politik, die sich später zum Glück geändert hat) verhinderten eine Veröffentlichung der Originalaufnahmen. Erst 2001 konnten diese im Rahmen eines Varèse Sarabande Albums herausgebracht werden. Zufälligerweise ist die Filmversion, trotz erstmalig zu hörenden Stücken, fast gleich lang wie die alte Scheibe, was darauf hindeutet, dass Goldsmith einige der Stücke für die alte LP aus musikalischer Sicht angepasst und verändert hat. Die beiden Versionen sind gut zu unterscheiden, der Filmscore ist sperriger und rauer, was zum Thema des Films natürlich bestens passt und sich auch richtig gut anhört.

Keine Angst, hier handelt es sich nicht um einen möglichen Goldsmith-Score zu Ridley Scotts Gladiatorenschinken, sondern um einen schnell wieder in der Versenkung verschwundenen Boxerfilm mit dem jungen Cuba Gooding jr. (später Oscargewinner für JERRY MAGUIRE), dem immer gern gesehenen Brian Dennehy (GORKY PARK) und dem damaligen Jungstar James Marshall aus David Lynchs TWIN PEAKS TV-Serie. Marshall ist ein einstiger Top-Juniorenboxer, doch wegen der Spielprobleme seines Vaters kommt er an eine heruntergekommene High School in Chicago. Mit illegalen Boxkämpfen versucht er die Finanzen seines Daddys zu verbessern, doch schliesslich muss er ausgerechnet gegen seinen Freund (Gooding jr.) antreten, dem er bei einem Gangfight beigestanden hat.
GLADIATOR (1992) von Rowdy Herrington (ROAD HOUSE) ist eigentlich einer der üblichen Kampffilme, gut choreografiert, von Tak Fujimoto lebhaft eingefangen und so schlecht gar nicht gespielt (einen kleinen Auftritt hat auch Robert Loggia).

Ein weiterer nicht verwendeter Goldsmith Score, der dennoch seinen Weg auf CD fand. Brad Fiedel ersetzte Goldsmith, geholfen hat es dem Film, wie eigentlich immer bei solchen Massnahmen, nicht wirklich.

GLADIATOR ist richtig dufte anzuhören und es ist mir ein Rätsel, dass dieser Score im Film nicht Platz fand. Aber Hollywood geht eben oft unerklärliche Wege. Die Nähe zu einem Motiv, das später zu RUSSIA HOUSE fand – nicht das Hauptthema allerdings, das Goldsmith ja im nicht verwendeten ALIEN NATION brauchte – ist unverkennbar und es findet seinen Weg immer wieder in den Score, «No Gloves/Refund/Get Him». Anders als erwartet, ist GLADIATOR kein reiner E-Score. Streicher, Holzbläser und sogar, aber seltener, ein Hauch von Blech stimmen ebenfalls ein (HOOSIERS-like im eben erwähnten Track 17). Der Umgang mit Synthis und Drums ist wirklich sauber gemacht, klingt eingebetteter und weniger frontal, man merkt, die Technologie ist nochmals einen Schritt weiter. Die vorhandenen 35 Minuten hat Intrada 2013 aufgelegt. Der Brad Fiedel Score wurde weniger gut behandelt, denn anstatt seiner Musik wurde eine CD voller Songs auf den Markt losgelassen.

EXECUTIVE DECISION (1998) von Schnittmeister Stuart Baird (SUPERMAN-THE MOVIE) ist ein Thriller um eine Flugzeugentführung. Mit Hilfe eines Tarnkappenflugzeugs versucht man an die entführte Maschine heranzufliegen und mittels einer Spezialvorrichtung eine Truppe Spezialisten an Bord bringen, um die Bombe mit dem Nervengas, das die Entführer über der Ostküste freisetzen wollen, zu entschärfen und die Terroristen ausser Gefecht zu setzen. Das gelingt nur zum Teil und früher als sonst kommt Steven Seagal als Teamleader ums Leben (nicht, dass das sonderlich stören würde, aber es ist ein toller Twist). Kurt Russell ist in der Hauptrolle eines Analysten zu sehen, der mir nichts, dir nichts, sich plötzlich mitten im Geschehen findet, ausserdem agieren Halle Berry und als Bösewicht David Suchet in diesem mit einem bemüht langsamen Spannungsaufbau versehenen Film, der sich auch heute noch gut ansehen lässt.

Goldsmiths Score ist, man darf es sagen, typisch für diese Ära in der auch CHAIN REACTION (ein weiterer Actionfilm) und STAR TREK: FIRST CONTACT entstanden – AIR FORCE ONE ist zu erahnen, die Ausgangslagen waren nicht allzu verschieden. Militärisch vorantreibend mit Snares und massig anderer Perkussion umgeben, dazu Trompeten für das Hauptthema (oft von der grossen Hornsektion übernommen) und daraus ableitend mehrere Motive sowie ein «tickender» Synthiesound, aber auch Klangfarben für die islamistischen Terroristen bestimmen EXECUTIVE DECISION. Der Score wirkt im Film Wunder und weiss mit der 133 Minuten langen Spielzeit bestens umzugehen. Der Erfolg des Films und Goldsmith toller Score führte zu zwei weiteren Stuart Baird Projekten: U.S. MARSHALS und STAR TREK: NEMESIS.

EXECUTIVE DECISION war einer der vielen Scores, die unter den teuren re-use fees litten und meist von Varèse in Kurzversionen aufgelegt wurden. Knapp unter 30 Minuten waren es beim alten Album, 2016 legte das gleiche Label den Score im Clubprogramm mit 74 Minuten auf und füllte von Fans herbeigesehnt eine weitere Lücke in der Goldsmith Discographie. 

Wer die Universal Studio Tour in Los Angeles mitmachen durfte, wurde mitunter durch ein typisch amerikanisches Suburb gefahren. Und wer THE ‘BURBS (1988) kennt, hat zweifellos erkannt, es sind die gleichen Häuser und Strässchen.
Tom Hanks, Carrie Fisher, Bruce Dern und Corey Feldman sind sich sicher: Die Klopeks, erst in die Nachbarschaft gezogen, führen Böses im Schilde. Paranoia, Satire und Slapstick vermischt Joe Dante in THE ‘BURBS zu einem völlig überdrehten Spass. Nach dem Riesenerfolg blieben die Nachfolgefilme INNERSPACE und EXPLORERS hinter den hohen Erwartungen zurück. Da kam, nicht zuletzt dank der Starbesetzung mit dem jungen Tom Hanks, der eben mit BIG einen Riesenhit landete, ein 50 Millionen Dollar Einspielergebnis für Joe Dante ganz gelegen. Aber der Film war arg überdreht und wenn Gag an Gag gereiht werden, passiert es, dass der ein oder andere nicht zündet. THE ‘BURBS ist übrigens wie EXPLORERS keine Spielberg/Amblin Produktion, auch wenn beide Filme sich irgendwie so anfühlen.  

Überdreht und spassig kann man Goldsmiths Musik beschreiben, der sich hier bereits zum sechsten Mal innert kürzester Zeit mit Dante zusammentat. Von PATTON (für Bruce Derns Charakter) über Spaghettiwestern bis POLTERGEIST («MySkull»), GREMLINS-Fun und mickey mousing verarbeitet Goldsmith hier vieles, was ihm so oder ähnlich, oder auch gar nicht, bisher untergekommen ist. Dazu unzählige Effekte wie Hundegebell, gesampeltes Pfeifen und Orgel, orientalisch anmutender Verführungsgesang für eine Traumsequenz, Pistolenschüsse – ja, manchmal hat man es als Goldsmithfan nicht leicht. Wunderbar ist das eigens komponierte Schlusstitelstück, etwas was immer seltener wird. Hier erhalten alle Motive und Themen ihren spassigen, sau gut gemachten Abschluss.

Veröffentlicht wurden drei Jahre nach dem Filmrelease 30 Minuten Score bei Varèse Club als limitierte und sehr gesuchte Edition, die teilweise Höchstsummen erreichte. Wer Geduld hatte, wurde 2007 mit der 62 Minuten Deluxe CD belohnt, ebenfalls von Varèse und mit 3000 Kopien aufgelegt. 

Es ist traurig, wenn ein grosser Filmemacher mit einem misslungenen Werk abtreten muss. So erging es Franklin J. Schaffner mit LIONHEART (1987), dem TV-Zweiteiler über den jungen Ritter Robert (Eric Stoltz), der zu den Kreuzrittern von King Richard stossen will, dabei auf dem Weg durch Frankreich auf den «schwarzen Prinzen» (Gabriel Byrne) stösst, der Kinder einfängt und an Muslime verkauft. Er befreit diese und will mit ihnen zum letzten bekannten Ort, an dem sich der König aufgehalten hat, verfolgt von den Sklavenhändlern. Fast drei Jahrzehnte, sechs Filme und zwei TV-Produktionen hielt die Freundschaft zwischen Schaffner und Goldsmith, zwei Jahre nach LIONHEART verstarb der Regisseur 69jährig und es war durchaus ein Freundschaftsdienst, den Goldsmith für Schaffner hier verrichtete. Seine Musik ist denn auch mit Abstand das Beste an diesem Film mit dem schwülstigen deutschen Titel «König Löwenherz und die Kinder Gottes». Die Mischung aus Rittertum, Jugendabenteuer und christlichen Werten scheint für ein junges Publikum gemacht, kommt LIONHEART doch recht naiv rüber. Ein grosses Manko ist die Machart des Films, die wohl mitunter dem Budget geschuldet ist. Aber wenn sich Schwerter biegen wie Gummi, dann dreht sich auch beim gläubigsten PLANET OF THE APES Fan der Filmmagen um. So ist es beim einmaligen Schauen dieses Abenteuers geblieben.

Ein Genre, das Goldsmith so gut wie kaum beschritten hat, waren Ritterfilme. LIONHEART war sein erster Ausflug in dieses Gefilde (es sollte nicht der letzte sein, FIRST KNIGHT und TIMELINE folgten). In LIONHEART dreht sich vieles um das Thema des Protagonisten, «Robert’s Theme», dessen erste drei Noten wiederum abgeleitet, oft eingesetzt werden als nobles Motiv. Ein weiteres 3-Noten-Motiv verwendet Goldsmith in Spannungsstücken, dazu kommt das Thema des Bösewichts, zuerst gehört von den Fagotten in «Children in Bondage» und ein von einer Oboe und den Streichern vorgetragenes Liebesthema «Robert and Blanche» und «The Lake». Synthesizerklänge werden mit Bedacht eingesetzt, aber sie sind da. LIONHEART ist eine fabelhafte Filmmusik, die auch dem Komponisten ans Herz gewachsen war, präsentierte er sie doch an diversen seiner Konzertauftritte.
Auch LIONHEART wurde übrigens in Ungarn aufgenommen

Interessanterweise wurden als Volume I und Volume II betitelt (mit zwei unterschiedlichen Covers) zwei LPs veröffentlicht, kurze Zeit danach wurde das gleiche bei den CDs wiederholt. Beide ergänzen sich, sind aber nicht chronologisch ausgeführt und es gibt keine Tracks, die doppelt wären. Man sollte also schon über beide Scheiben verfügen, will man ein komplettes Bild des 90minütigen Scores haben. 1994 erschien eine CD mit dem Titel LIONHEART – THE EPIC SYMPHONIC SCORE, ebenfalls bei Varèse Sarabande, leider war es aber nicht die vermutete und erwünschte Gesamtausgabe, sondern lediglich eine 62 Minuten Scheibe mit 15 Tracks. Es gibt zwar eine japanische CD des abstrusen Labels Volcano mit dem Inhalt beider Originalalben, aber die ist noch schwieriger zu bekommen als die Originale.

Wenn Burt Reynolds mit Liza Minelli als ungleiches Paar in einem Film zu sehen sind, ist das schon etwas Besonderes. Bloss, der Film ist es nicht, soll heissen die Formel heruntergekommener Ladendetektiv schützt Prostituierte davor von einem irren Killer (Dancer heisst der) umgebracht zu werden, funktioniert nur so lala. Streckenweise ganz witzig mit Reynolds typischem Charme, aber oft eben auch formelhaft. Da kann Intrada in den Liner Notes noch lange von einem «zu Kultcharakter etablierten Film» schreiben. Aber das ist ein Satz den wir bei fast jedem mässigen Film der 80er zu lesen bekommen. Eine Besonderheit von RENT-A-COP (1988) sind sicherlich die Drehorte, Chicago und Rom, und es ist den Machern anzurechnen, dass der Film aussieht wie an einem Ort in den Staaten gedreht. Es blieb Jerry Londons einziger Kinofilm, danach kehrte er wieder zum TV zurück, wo er mit SHOGUN zuvor eine seiner bekanntesten Produktionen verrichtete. Wie so oft zog mich auch hier der Name Jerry Goldsmith ins Kino – und so ein bisschen Burt Reynolds Fan war ich nicht zuletzt wegen CANNONBALL RUN auch.

RENT-A-COP wurde wie andere Goldsmith Musiken zu jener Zeit in Budapest aufgenommen und wie es sich für einen Actionthriller dieser Ära gehörte, kam auch eine volle Ladung Elektronik hinzu, womit wir wieder beim Thema «jede Woche eine Dosis Simmons Drums» wären. In meiner Rezension aus dem Jahr 2009 war ich der Musik gegenüber nicht überaus wohl gesonnen. Wenn ich auch nach wie vor dazu stehe, dass RENT-A-COP höchstens Durschnitts-Goldsmith ist, so kommt es eben auch immer auf die Laune und Geschmeidigkeit an, in der man sich gerade befindet. Jetzt gerade passt die Musik total und macht richtig Spass. Das Titelthema mit Solotrompete und im hübschen Schlusstitel-Arrangement ist und bleibt ein richtiger Hinhörer und die Actiontracks, von denen es nicht gerade wenige gibt, klingen frisch und druckvoll («The Bust» und «Freeze/Flash Bomb» sind besonders hörenswert). Das ist nicht zuletzt der tollen Klangqualität der auf 44 Minuten erweiterten Auflage von Intrada 2009 geschuldet, die die von Goldsmith abgesegnete 1988er CD locker in den Schatten stellt. Also bekenne ich mich schuldig, RENT-A-COP kann richtig Spass machen!

Mit seinem ersten Hollywoodfilm ROBOCOP landete Paul Verhoeven einen Hit und so standen ihm die Wege zu einem weiteren Science Fiction Film mit grossem Budget und Staraufgebot offen. TOTAL RECALL (1990) beruht auf einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick (BLADE RUNNER) und wurde mit Arnold Schwarzenegger in der Hauptrolle sowie Michael Ironside und Ronny Cox als Fieslinge besetzt. In einer Nebenrolle ist Sharon Stone zu sehen, die mit dem nachfolgenden Verhoeven Film, BASIC INSTINCT, ihren grossen Durchbruch haben sollte.
Quaid findet sein Leben auf der Erde irgendwie langweilig, ausserdem beschäftigt ihn ein stets wiederkehrender Albtraum. Er versucht dieser Tristesse mit dem Angebot von Rekall Inc. zu entrinnen, die virtuelle Gedankenreisen anbieten. Doch während der Prozedur dreht Quaid durch und nachdem ihn die Techniker mit Beruhigungsmittel vollstopfen konnten, findet er sich umgeben von Attentätern wieder, selbst seine Frau erkennt er nicht mehr.

TOTAL RECALL, mit einem Budget von 65 Mio. $ damals kein Kleinzeugs, wurde zu einem der grossen Hits des Kinojahrs und mit ihm fanden auch Verhoeven und Goldsmith zusammen. Davor standen aber unzählige Drehbuchentwürfe und Regisseure wie Fred Schepisi und David Cronenberg sowie als Darsteller Richard Dreyfuss und Patrick Swayze im Raum. Als es mit Bruce Beresford hinter der Kamera losgehen sollte, ging Dino DeLaurentiis Firma bankrott und das Projekt wurde wieder auf Eis gelegt. Arnold Schwarzenegger trat auf den Plan und überzeugte Mario Kassar und dessen Carolco, die RED HEAT mit ihm produzierten, das Script zu kaufen. Er setzte sich auch für Paul Verhoeven als Regisseur ein

Goldsmith oblag die Aufgabe das Spiel «ist es wahr oder ist es ein Traum?» zu unterstreichen. Dazu gibt es eine unglaubliche Anzahl an Actionmaterial – Goldsmith sagte später immer, er hätte noch nie so viele Noten geschrieben wie bei TOTAL RECALL. Das führte schliesslich dazu, dass er seinen Agenten bat einen Richtungswechsel bei der Filmwahl vorzunehmen, um nicht im Genre festzukleben. Wie wir alle wissen klappte das nur teilweise. Eine ganz andere Geschichte ist das Problem mit dem deutschen Orchester, das nicht wie eigentlich geplant das Graunke Orchester, sondern ein pick-up Orchester namens The Radio Orchestra of Germany gewesen sein soll. Nach drei Tagen, in denen es nicht vorwärts ging, verwarf Goldsmith die Hände und Verhoeven realisierte, dass es in München nicht klappen würde: «Nehmt es von meinem Honorar meines nächsten Films, wir gehen nach London!». Von den drei Tagen in Deutschland überlebten einzig die Titelmusik und das kurze «The Aftermath».
Heute kann man sagen, zum Glück, denn was in London aufgenommen und mit Goldsmiths Elektronika (Yamah DX7II, Oberheim DPX1 und Korg M1) angereichert wurde, zählt zu Goldsmiths besten Actionscores überhaupt – und davon gibt es wahrlich nicht wenige. Klar stellt Bruce Botnick in den Liner Notes, dass die Nähe des stampfenden Main Titles zu Poledouris’ CONAN THE BARBARIAN Eröffnungsmusik reiner Zufall gewesen sei. Es habe keinen temp track zu TOTAL RECALL gegeben und wenn es einen gegeben hätte, dann würde Goldsmith in 99% aller Fälle eine Kopie des Films ohne temp track wünschen.

Mit dem Film realisierte Varèse eine 40 Minuten CD. 2000 erschien beim gleichen Label zum Jubel der Fans eine Deluxe Version mit 71 Minuten Länge. Quartet Records legte 2015 noch einen drauf und produzierte ein Doppelalbum mit 77 Minuten Score auf CD 1, dem alten Album und diversen Boni auf CD 2.  

Ein wenig gesehener, aber durchaus nicht übler Thriller – dem übel mitgespielt wurde – mit einer guten Ausgangslage ist THE VANISHING (1993) mit Kiefer Sutherland, einem toll agierenden Jeff Bridges, Nancy Travis und in einer kleinen Rolle Sandra Bullock. Es handelt sich um ein Hollywood-Remake des niederländischen Films SPOORLOS (1988), ebenfalls inszeniert von George Sluizer. Auf einer Fahrt machen Jeff und Diane halt an einer Tankstelle, Diane geht in den Shop und ward danach nicht mehr gesehen. Jahrelang macht sich Jeff auf die Suche nach seiner Freundin und weckt damit schliesslich das Interesse von Barney (Brigdes). Die Besonderheit des Films ist, dass der Zuseher im Gegensatz zu Jeff von Beginn weg weiss wer der Täter ist. Allerdings wurde Sluizer für das vom Studio durchgesetzte und im Remake umgestaltete Ende scharf kritisiert und der Film versank.

THE VANISHING vermittelt ein tragisches, bittersüsses Flair («Forever»), das Kiefer Sutherlands Charakter in seinen tiefen Gedanken über den Verlust und Bridges fieser Entführer bei seiner Tätigkeit begleitet – und immer wieder an Diane erinnert. Goldsmiths Stil jener Zeit ist unverkennbar (à la BASIC INSTINCT und RUSSIA HOUSE) gehalten und die Orchestrationen von Alexander Courage, der Goldsmiths langjährigen Begleiter Arthur Morton ersetzte, schimmern durch. Ein «tickendes» Thema und Dianes Erinnerungsmotiv in «Practice» führen den Score und den Film an, gewohnt sicher wendet Goldsmith diese Motive mit kleinen und grösseren Variationen immer wieder an. Interessant ist die Ableitung für Bassklarinette in «Let Me Tell You», bereits zuvor in zwei Tracks kurz etabliert und das «Frage Antwort»-Spiel von Horn und Fagott gleich danach. Überhaupt spielen die Holzbläser eine gewichtige Rolle und um elektronische Beigaben ist Goldsmith auch in THE VANISHING nicht verlegen – ein Knaller ist allerdings der Actiontrack «Where’s Jeff» mit den donnernden, akustischen Toms und das jazzige «End Titles».
In diesem Score sind viele Kleinigkeiten enthalten, integriert und ausgeführt, die untergehen, wenn die Musik nur nebenher gehört wird. Genau hinhören ist angesagt, dann offenbart sich diese meisterhafte Komposition, die ich inzwischen, es ist fast ein Sakrileg, der Oscar nominierten BASIC INSTINCT vorziehe.

Da der Film an den Kinokassen unterging, ich sah ihn einiges später erst auf DVD, wurde auch der Score nicht auf Tonträger veröffentlicht. Das Pony Express Album (der Name wechselte ständig und bis heute weiss man nicht woher diese Bootlegs kamen) enthielt 48 Minuten, die 2007 erschienene CD des Varèse Clubs deren 64 Minuten, vergriffen ist leider auch diese längst.

Zum Abschluss von Teil 5 gibt es nochmals einen richtigen Knaller: CAPRICORN ONE (1977) von Peter Hyams ist ein Verschwörungsthriller mit James Brolin, Sam Waterston und O.J. Simpson, die auf dem Weg zum Mars sind. So zumindest der Anschein. Denn die drei Astronauten werden noch vor dem Start aus ihrer Kapsel geholt und sollen ab sofort Flug und auf einer Soundstage die Landung auf dem Mars nachstellen. Als kleines Zückerchen wird den dreien Mithilfe nahegelegt, ansonsten könnte ihren Familien etwas zustossen. Eine Zeit lang spielen sie mit, als ihre «Kapsel» beim Wiedereintritt allerdings verunfallt, wird ihnen gewiss, dass somit auch ihr Schicksal besiegelt ist. Sie können fliehen und werden fortan gejagt, denn die Wahrheit darf nicht ans Licht. Elliot Gould spielt einen Journalisten Hal Holbrook gibt wunderbar den Oberfiesling, Telly Savalas und Karen Black sind in kleineren, aber feinen Rollen zu sehen. Die posttraumatische Vietnam/Nixon-Phase ging ihrem Ende entgegen und STAR WARS verzauberte 1977 die Massen, 1978 waren es SUPERMAN, ANIMAL HOUSE und GREASE, die für gute Laune sorgten. Peter Hyams’ Film hatte es schwer, hat sich aber im Nachhinein als hervorragender Film über Sein, Schein und was wäre, wenn etabliert.

Es war dies die erste von zwei Arbeiten (OUTLAND, siehe Teil 1) von Goldsmith für Hyams und beides sind bemerkenswerte Scores. CAPRICORN ONE etablierte sich in dieser Phase in Goldsmiths Schaffen als «Leitbild» und es folgten einige Thriller und Actionfilme in denen Goldsmith diesem Muster folgte.
Die gewaltige Bläsersektion (9 Hörnern, 4 Posaunen und 2 Tubas) eignet sich dabei als Allegorie für die Verfolger und die beinahe unausweichliche Tötungsmaschinerie der Helikopter, die die Fliehenden durch die Wüste jagt. Dazu setzt Goldsmith auf 4 Klaviere, 2 Harfen und eine erweiterte Perkussionssektion, während er die Streicher in 12 anstatt der sonst üblichen 5 Sektionen aufteilt und so ein ungewohntes Klangbild erreicht. Der Unterschied des zum Film erschienenen, in England neu eingespielten Soundtrackalbum könnte nicht grösser sein: Der Filmscore ist kompromisslos, hart und unzimperlich, die Blechbläser klingen grob und aggressiv. «Kay’s Theme» bzw. «Bedtime Story» und «Celebration» bilden die Ausnahmen dieses Actioners. Das Originalalbum hat Goldsmith «geglättet» und anhörbar gemacht und dennoch bildet es bis heute ein hervorragendes Hörerlebnis.
Meine 1978er Warner LP hat kaum mehr Rillen, da kam die programmgleiche GNP/Crescendo (1993), auf der auch OUTLAND Platz fand, wie gerufen. Intrada sei Dank, 2005 erschien der gesamte 53 Minuten Filmscore (nochmals veröffentlicht 2015 mit 2 weiteren Details versehen).

10.4.2020