A Week with Jerry (1)

Teil 1 (?)

von Phil Blumenthal

Selten wie jetzt hatte ich soviel Zeit um Filmmusik zu hören. Mit home office und Vierwändegebot beschallte ich mich anfänglich mit weniger gehörten aktuellen Scores, aber seit einigen Tagen nun durchgehend mit Jerry Goldsmith. «A week with Jerry» oder so ähnlich. Damit kommen viele Erinnerungen hoch: Wo war ich damals, wann habe ich den Film gesehen und unter welchen, nicht immer ganz idealen, Umständen?

Jetzt gerade läuft die Film Score Monthly CD von OUTLAND (1981), die Musik zu Peter Hyams Science Fiction Thriller mit unserem forever liebsten James Bond, Sean Connery, in der Hauptrolle als einsamer Wolf, der sich auf einem Jupitermond gegen fies tödliche Drogen und noch fiesere Auftragskiller zur Wehr setzen muss. Den Film habe ich einst auf VHS gesehen und war trotz Aufblasformat (OUTLAND Gucker wissen schon was ich meine…) beeindruckt von der faszinierenden Atmosphäre und der spannenden Erzählweise. Ein Vehikel für einen gut aufgelegten Connery – so eine Mütze wollte ich immer haben. Natürlich blieb auch Goldsmiths Komposition haften, die starken, orchestralen Actionmomente wie die umwerfenden Stücke «Hot Water» und «Early Estimate/Early Arrival», die Nähe zu ALIEN da und dort. Die LP von einst lief wie viele Goldsmithe oft auf dem Drehteller, doch die FSM Scheibe von 2010 ist das unumstrittene Tüpfelchen auf dem «i».

Das Basketballdrama HOOSIERS animierte mich einst selber dazu zum Basketball zu greifen, recht erfolglos und daher nur kurz allerdings. Ob mich das ständige Mitgesumme des HOSSIERS (oder BEST SHOT wie er auch hiess) Themas vom erfolgreichen Körbe schiessen abhielt?
HOOSIERS ist einer der besten Sportfilme, was mitunter an der glaubhaften Dramatik (ein stetes Problem in diesem Genre) und den starken Schauspielerleistungen (eine weitere Problematik des Genres) lag. Beides funktioniert in David Anspaughs Film bestens. Gute Geschichte, richtig gut gespielt: Gene Hackman, Barbara Hershey und Dennis Hopper, letzterer neben der Musik die einzige Oscarnomination für den Film. Goldsmiths Einbindung von Elektronik war Mitte der 80er voll in der Blütezeit. Für manch einen war es fast zu viel des Guten, in HOOSIERS aber, obwohl der Film anfangs der 50er Jahre spielt, passt es erstaunlich gut. Gerade in den Trainings- und Spielszenen setzte Goldsmith auf die Elektronik inklusive der Simmons Drums, die man aus LINK bestens kennt. Wenn die Synthesizerklänge mit dem Orchester verknüpft werden, erreicht der pfiffig gemachte Score seine Höhepunkte. HOOSIERS ist ein Film zum immer wieder Anschauen – und eine Musik, deren alte TER LP eindeutig Rillenverbrauch aufwies. 2010 erschien bei Intrada eine um fast 20 Minuten verlängerte Fassung.  

TIMELINE (2003) war eine traurige Angelegenheit. Richard Donner schmiss die Musik raus und ersetzte sie mit einem Score von Brian Tyler. Ausgerechnet Donner mit dem Jerry Goldsmith bei THE OMEN zusammenarbeitete – doch bei TIMELINE funktionierte die Kommunikation nicht, wie der Regisseur später beteuerte, der nicht Goldsmith die Schuld am Umstand gab. Der Film war ein Fiasko – das lag ebenfalls nicht an Goldsmith 😉 – die Charaktere sind klischeehaft umgesetzt und die anfänglich spannende Ausgangslage verläuft im Sand. Ein Kinoeintritt, der sich nicht wirklich auszahlte.
2004 brachte Varèse die Musik als SACD heraus, einer der letzten Scores von Jerry Goldsmith und die letzte Musik, die veröffentlicht wurde, als er noch lebte. Düster gehalten, die Action kantig und eckig, mit den drei abschliessenden Stücken insbesondere erwähnenswert. Obwohl ein Ritterspektakel (mit Zeitreise…) spürt man FIRST KNIGHT oder LIONHEART selten bis gar nicht und dennoch ist TIMELINE eine gut anzuhörende Sache, mit viel Wehmut natürlich.

POLTERGEIST II – THE OTHER SIDE (1986) gehört mit so manchen Goldsmith Titeln zu den Musiken, die unzählige Veröffentlichungen erfuhr. Von der 30 Minuten LP mit Klingelton über die 1 Stunden Varèse bis hin zu den ausgiebigen Langversionen von Intrada und Kritzerland. Konnte der Film, ohne Einfluss seitens Steven Spielberg und Tobe Hooper (er sei erwähnt), die Erwartungen auch nicht erfüllen – an den etwas enttäuschten Kinobesuch (immerhin mit den gleichen Darstellern) erinnere ich mich noch gut und dabei auch an den wirklich gruseligen Julian Beck als Kane, den man nicht über den eigenen Gartenzaun lugen sehen möchte –  so lieferte Goldsmith, wie zumeist eine sicher Bank, einen Knaller ab, inklusive dem «Carol Anne» Thema, indianisch klingender Musik (für Will Sampson) und viel gut getimter Elektronik. Ob nun die Intrada oder die Kritzerland Scheibe besser klingt, darüber streiten sich die Labels noch heute, unzweifelhaft besser ist Intrada hinsichtlich des Booklets, das wie immer bei Kritzerland doch einiges zu wünschen übriglässt.

NIGHT CROSSING (1982) zählt zu den wenigen «Goldsmith-Filmen», die ich bisher noch nicht gesehen habe. Die Disney Produktion über die Flucht via Ballon über den innerdeutschen Grenzwall ist mit John Hurt, Jane Alexander, Beau Bridges und Ian Bannen prominent besetzt und Goldsmith läuft hier zuweilen zur Höchstform auf, wenn auch das französisch anmutende 6/8 Akkordeon-Thema sich in der Szenerie etwas speziell anfühlt. Tracks wie «First Flight» oder «Final Flight» sind wundervolle, wuchtige und vor allem emotional packende Zungenschnalzer. Grossartige Filmmusik für einen wenig bekannten Film aus ein und dem selben Jahr, in dem Goldsmith mit POLTERGEIST und FIRST BLOOD zwei Meilensteine seines Schaffens der 80er vertonte. Bully Herbig verfilmte den selben Stoff übrigens 2018. Auch diese gut anzuhörende LP lief hier rauf und runter ehe Intrada 1994 elf  Minuten dazu legte und 2014 nochmals drei Stücke für die Bonussektion fand.

Klar, nach GREMLINS musste man sich INNERSPACE (1987) einfach ansehen gehen, es war die Phase der Spielberg produzierten, fantastischen Filme – die allerdings langsam dem Ende entgegen schlitterte. Gepaart mit dem total schrägen Einfluss Joe Dantes wurde eine Art neues Genre definiert. Meg Ryan hatte hier eine ihrer ersten grösseren Rollen, Dennis Quaid (mit dem Ryan eine Zeit lang verheiratet war) war einer der heissen Darsteller dieser Periode und Martin Short gab den Hypochonder Dante-überspitzt wieder. Enttäuscht und vom guten Glauben verlassen fühlend, blickte man allerdings auf die Geffen LP, die analog zu GREMLINS nur wenig Goldsmith bereithielt. Hier war es eine Seite, die andere wurde mit Songs bestückt. Erst nach 22 Jahren erlöste La-La Land die Fans von einem mässig klingenden Bootleg und diesem verflixten Geffen-Ding. Der Film ist eine Mischung aus Science Fiction und Komödie mit tollen Spezialeffekten und läutete die kurze Ära Dantes, abstruse Filmfinale hinzulegen, ein (EXPLORERS…). Dante hatte nach LOONEY TUNES: BACK IN ACTION nur noch den mässigen THE HOLE inszeniert, eher er ins TV-Fach zurückkehren musste. Der Regisseur und der Komponist aber legten eine fruchtbare Zusammenarbeit über zwei Jahrzehnte hin.

CHINATOWN (1974) stammt aus einer Phase, als Goldsmith die Filme häufiger mit wenig Musik bedachte. Der Thriller von Roman Polanski mit Jack Nicholson als Privatschnüffler mit Nasenproblemen durchlief musikalisch schwierige Phasen und Phillip Lambros Komposition wurde als nicht passend erachtet. Dazu stiess also Jerry Goldsmith, dem gerade mal 10 Tage für seine Arbeit blieben. Geschrieben für Streicher, Solo-Trompete, Klaviere und vier Harfen, wobei das Hauptthema als eines der unvergesslichen Goldsmith Motive in die Filmmusikgeschichte eingegangen ist, schuf er einen nicht mal eine halbe Stunde dauernden Score, der den Nerv des Films und des Hauptcharakters traf (ein fulminantes Stück ist «The Last of Ida» mit den stampfenden Pianoeinsätzen). Heute noch gilt Nino Rotas Gewinn des Oscars für THE GODFATHER: PART II als einer der grösseren Filmmusikskandale, im Geiste wenigstens gebührt dieses Goldmännchen eindeutig CHINATOWN.
Den Film habe ich relativ spät erst im TV gesehen, synchronisiert und auf 4:3 aufgeblasen – und damals der etwas verzwickten Geschichte nicht ganz folgen können. Das wurde freilich nachgeholt und ausgemerzt.

Es ist ein ziemliches Weilchen her, dass ich den 15 Millionen teuren B-Picture WARLOCK (1989) mit Julian Sands als Hexenmeister gesehen habe. Besonders gut sind die wenigen Erinnerungen nicht. Immerhin führte die Zusammenarbeit mit Steve Miner mit FOREVER YOUNG (1992) zu einem weiteren Film und erstaunlicherweise folgten zu WARLOCK zwei Sequels. Ende der 80er gab es bei Goldsmith den ein und anderen schwächeren Streifen, CRIMINAL LAW und LEVIATHAN etwa, doch wie bereits erwähnt, Goldsmith wäre nicht Goldsmith wenn er nicht auch hierzu eine zumindest routinierte Arbeit abliefern würde, die man durchaus gut anhören kann. Ein bisschen THE OMEN, ein wenig POLTERGEIST II, Synthies und Orchester. Intrada erweiterte 2015 die ebenfalls beim Label aus San Francisco erschienene CD um nochmals 18 Minuten, so dass man sich nun 72 Minuten WARLOCK gönnen kann. Irgendwann schafft es der Film vielleicht auch wieder ins TV, spätestens dann ist, wer weiss, ein Wiedersehen vorgesehen.

Eine Filmmusik, die es mir beim damaligen Kinobesuch sofort angetan hatte, war STAR TREK-THE MOTION PICTURE (1979). Als das Licht runter gedimmt wurde und der Vorhang noch geschlossen war, ertönte die «Overture», ein einmaliges Erlebnis und das letzte Mal, dass ich das erleben durfte. Unvergesslich auch als Scotty Kirk mit der Fähre zur Enterprise führt und natürlich die grandiose Startsequenz aus dem Dock. Obwohl ich damals noch ein Knirps im allerersten Teeniejahr war, fand ich den Film, den manch einer als zu lang und lasch empfand, umwerfend und grossartig. Es war der Start in ein unvergessliches Science Fiction Fantum. Erst einige Jahre später kam die LP zu mir nach Hause, ganz so einfach war es damals nicht an Soundtracks zu gelangen (vom einstigen Schweizer Top-Filmmusikhändler, Herrn Froschmayer, war mir nichts bekannt – man bedenke, es war die Zeit ohne Internet und Google). Auf eine definitive Veröffentlichung mussten die Fans jedoch unendlich lange warten. 1998 trat Columbia auf den Plan und realisierte einen 64 Minuten Ausschnitt. 2012 schliesslich folgte die grossartige Triple-CD von La-La Land. Die Zeit bringt eben doch Rosen und alles wird gut.

Um Jerry Goldsmiths persönlichen Favoriten kommt man in so einer Goldsmith-Woche freilich nicht herum: ISLANDS IN THE STREAM (1986) mit George C. Scott als Ernest Hemingway. Mit Regisseur Franklin J. Schaffner verband Goldsmith eine gute Freundschaft, die mehrere Filme stand hielt, PLANET OF THE APES, PATTON, PAPILLON, BOYS FROM BRAZIL usw. Sehen wir von THE STRIPPER ab lief Goldsmith bei diesen Filmen immer zur Höchstform auf, so auch in ISLANDS IN THE STREAM für den Goldsmith auch auf die von ihm geschätzten hispanischen (naja, hier eher karibischen) Rhythmen zurückgreifen konnte, wie im Track «Is Ten too Old?». Sein Hauptthema wird gleichzeitig zerbrechlich und emotional geladen geführt. Die Originalversion wurde 2010 von Film Score Monthly herausgebracht, während Intrada einst in Ungarn unter dem Dirigat des Komponisten den Score neu einspielen liess und auf LP und CD veröffentlichte (das Album mit dem etwas sonderbaren, in allen rosa Farben schimmernden Foto als Cover). Beide Alben haben ihren Reiz, mindestens eines davon aber gehört in die Filmmusiksammlung.
Es dauerte einige Zeit bis ich Schaffners Film schliesslich sehen konnte, im TV im Zweikanalton ausgestrahlt, ein mehr als lohnenswerter Film (wenn auch nicht von der Intensität eines PAPILLON oder der Meisterhaftigkeit eines PATTON), der immerhin zum Kauf der DVD animierte.

26.3.2020