The Vikings

Ohne es im Vorfeld an die grosse Glocke zu hängen, produzierte James Fitzpatrick eine Neuaufnahme von Mario Nascimbenes komplettem Score zu THE VIKINGS. Das kam für die Filmmusikgemeinde zwar überraschend, aber nicht unerwartet, machte Fitzpatrick doch keinen Hehl daraus, dass dieser Titel schon lange auf seiner To-do-Liste stand. Und willkommen ist eine digitale Einspielung von Nascimbenes Magnum Opus allemal, trübte doch der miese Klang der Filmeinspielung seit jeher den Genuss der Musik; nicht der einzige Score des Italieners übrigens, der von diesem Übel betroffen ist.

Für Richard Fleischers Normannen-Epos mit erlesener Besetzung dient Nascimbene ‒ wie weiland Richard Wagner ‒ die nordische Götterwelt als Inspirationsquelle, und ebenso wie Wagner schwelgt er gerne in opulenten, spätromantischen Klängen (Sopran und Chöre inbegriffen). Daneben greift er zu einfachen Melodien, wie sie die Wikinger gekannt haben mögen. All das passt und macht insbesondere der Themenvielfalt wegen auch abseits des Films Laune.

Ein (Wald-)Horn-Signal bildet die Grundlage für das martialische Haupt-/Vikingerthema, das zwar im Bereich Dramatik und Action oft beeindruckend seine Muskeln spielen lässt, aber auch in vielerlei anderen, auf den Punkt gebrachten Bearbeitungen vernehmbar ist. Von zentraler Bedeutung ist ausserdem das lullaby-artige Liebesthema, das sowohl im orchestralen als auch im choralen Bereich nichts zu wünschen übrig lässt. Weitere substanzielle Themen sind ein eher melancholisches für Eric (Tony Curtis), ein verschlagenes, gerne vom Fagott vorgetragenes für den Northumbria-König Aella (Frank Thring) sowie ein mythisch angehauchtes für Göttervater Odin.

Der erste Teil des Scores ist gekennzeichnet durch verschiedenste Stimmungen. «Regnar Returns» etwa erinnert an den ruhigeren Edvard Grieg, ein sirenenhafter, vom Sopran angeführter Frauenchor charakterisiert «Eric is rescued by Odin’s Daughters», in «Drunken Vikings Song» sind ‒ wenig überraschend ‒ rauhe, metgeschmierte Männerstimmen zu vernehmen, in «It’s the Vikings» wähnen wir uns auf stürmischer See, «Dancing on the Oars» erfreut mit robuster Folklore. Im zweiten Teil nehmen dann heftig-deftige Klänge parallel zur auf schicksalsentscheidende Kampfhandlungen zusteuernde Story deutlich zu, und auch in diesem Bereich weiss sich Nascimbene sehr eloquent auszudrücken. Am Schluss ist es dann wieder einmal die Liebe, die der Gewalt Einhalt gebietet, und ein triumphaler Ausklang lässt vermuten, dass unsere kühnen Seefahrer bald schon zu neuen Abenteuer aufbrechen werden.

Nicht jede Note, die auf dem Original Soundtrackalbum von THE VIKINGS zu hören war, landete auch im fertigen Film. Dieser Umstand wurde auch für die Neuaufnahme berücksichtigt, und zwar in erster Linie bei Track 12 «Voyage and Landing in Britain». Hierbei handelt es sich um die längere Album-Version der drei Film-Cues «Who Sails with me? / Setting Sail / The Fog», die auf Track 11 präsentiert werden. Ob es klug war, diese Alternates unmittelbar hintereinander zu stellen, mag jeder für sich selbst entscheiden. Ebenso wie der Umstand, dass man das «Main Theme» aus BARABBAS (in der famosen Bolero-Bearbeitung Ennio Morricones) zwischen Hauptprogramm und Bonustracks von THE VIKINGS gequetscht hat. Aber weder diese kleinen Unstimmigkeiten noch die alles andere als vor Kreativität strotzende Cover-Gestaltung können an der Tatsache rütteln, dass es sich hierbei um einen mehr als würdigen Eintrag in den Filmmusik-Katalog von Nic Raine und der Prager Philharmoniker handelt. Es würde noch so der ein oder andere Nascimbene-Score von einer Neueinspielung ihrerseits profitieren, aber wenn es bei dieser einen bleibt, dann können wir uns damit zumindest an des Komponisten Bedeutendstem erfreuen.

Andi, 18.2.2019

THE VIKINGS

Mario Nascimbene

Prometheus Records
PRO-YPCD181

74 Min
19 Tracks