The Shootist / The Sons of Katie Elder

Kaum ein Film markiert dermassen das Ende einer Ära wie Don Siegels The Shootist. Drei Jahre vor seinem Tod spielt John Wayne quasi sich selbst: den alternden, vom Krebs gezeichneten Scharfschützen J. B. Books, der vor der Entscheidung steht, qualvoll dahinzusiechen oder in einem letzten Duell mit ein paar zwielichtigen Typen, die nach seinem Leben trachten, den gnädigen Tod durch die Kugel zu suchen.

Trotz seiner Thematik ist der Film aber keineswegs nur eine todernste Angelegenheit, denn Wayne scheut sich nicht vor Selbstironie, und das Zusammenspiel mit alten Weggefährten wie Jimmy Stewart, Lauren Bacall und Richard Boone ist wunderbar. Mit Elmer Bernstein ‒ der zuvor nicht weniger als sieben Filme des «Duke» mit Musik versorgt hatte ‒ ist ein weiterer, bewährter Routinier mit an Bord, und es sollte auch für den Komponisten der letzte klassische Western sein, den er je vertonte.

Bereits 1986 hatte Bernstein mit dem Utah Sinfonie Orchestra etwa die Hälfte seines 25-minütigen Scores für Varése neu aufgenommen, und wenn man diese Einspielung mit dem nun erstmals veröffentlichten Original vergleicht, stellt man zunächst einmal fest, dass dabei vieles von der sensiblen Orchestrierung auf der Strecke geblieben und der Klang nicht gerade der beste ist. Um die Qualität von The Shootist beurteilen zu können, ist das Original deshalb unerlässlich.

Der Main Title (im Film unterlegt mit kurzen Schwarz-Weiss-Ausschnitten aus früheren Wayne-Filmen, die als Zeitraffer-Biografie Books dienen) enthält ein typisches Bernstein-Westernthema mit viel Blech und Percussion, das zwar voller Energie beginnt, dann aber, um dem Zustand Books‘ gerecht zu werden, zeitweise etwas unbeholfen und kurzatmig wirkt. Etwa in der Hälfte des Tracks ist dann auch bereits das wehmütige Thema für die Beziehung zwischen Books und Bond Rodgers (Bacall) zu hören. „D“/Prognosis, wie später auch Promise und Farewells,entführt mit entrücktem Klavier, kummervollen Streichern und Soloflöte ein wenig in die Klangwelt von To Kill a Mockingbird.

Ride wird mit einem munteren, coplandesken Motiv eröffnet und erfreut dann mit einem besonders gefühlvollen Auftritt des Books/Rodgers-Themas. In Attackfindet sich, im Sandwich von suspensvollen Holzbläserklängen, einer der wenigen Actionparts des Scores, hier durch erschreckte Trompeten und Percussion repräsentiert. Ebenfalls in der Spannungsecke angesiedelt ist Sweeney mit unheilvoll grummelndem Klavier und Peitschenschlägen. Diese durchdringen zu Beginn von Shootout auch das Hauptthema, welches dann nochmals dramatisch aufbegehrt, bevor sich Bernstein zusammen mit Books auf die Lauer legt und in Schüben Spannung aufbaut.

Decision/Epilogue schliesslich zeigt sich zunächst sehr elegisch, dann macht nochmals das Books/Rodgers-Thema, sowohl melancholisch als auch tröstend, seine Aufwartung, und selbst wer nicht nahe am Wasser gebaut ist, dürfte hierbei, besonders im Film, heimlich die ein oder andere Träne verdrücken.

Blenden wir 11 Jahre zurück. 1965 drehte Henry Hathaway den zwar nicht besonders originellen, aber unterhaltsamen Western The Sons of Katie Elder.John Wayne, Dean Martin, Earl Holliman und Michael Anderson Jr. spielen vier Brüder, die sich beim Begräbnis ihrer Mutter nach Jahren erstmals wiedersehen und bald feststellen, dass beim Tod ihres Vaters ein paar Monate zuvor nicht alles koscher war. Ihre Nachforschungen bringen sie bald in ernste Schwierigkeiten.

Da die Filmaufnahmen nicht mehr verfügbar sind, bediente sich La-La Land für diese CD der LP-Master (ein Re-recording mit einem reduzierten Orchester, was der Musik jedoch nicht zum Nachteil gereicht) mit aufpoliertem Klang und zwei Bonustracks. Dank hervorragender Hörqualitäten ist die Wiederauflage dieses Albums eine feine Sache.

Der Score verfügt über eine ganze Reihe exquisiter Themen, die hier in meist konzerttauglichen Bearbeitungen dargebracht werden. Das fängt mit dem Main Title an, der ein weiteres wundervolles Beispiel ist für Bernsteins scheinbar unerschöpfliches Reservoir an erinnerungswürdigen Westernthemen. In Texas is a Woman (hier im Gegensatz zur LP ohne die Erzählstimme John Waynes, jene Version gibt’s als Bonus) wird das Thema für Katie Elder, die im Film zwar nie zu sehen ist, uns aber dank ihrer warmherzigen Musik bald vertraut scheint, erstmals kurz angerissen und später in Rebuked vollends ausgebreitet. Die Melodie, die teilweise ein wenig bei «Danny Boy» abgekupfert ist, erscheint zunächst in den Streichern und Holzbläsern und wird dann vom ganzen Orchester übernommen.

In The Elders Fight begleitet ein rustikaler Jig mit neckischen Zwischentönen die scherzhaften Provokationen und Raufereien zwischen den Brüdern. Die spannungsvollen Parts des Underscores mit thematischen Verarbeitungen im dramatischen Kontext werden in Trouble in Town, Return to Town und Sheriff Ambushed abgedeckt, und auch die Trauer wird ‒ in Katie’s Bible mit entsprechenden Schattierungen des Themas für die alte Lady ‒ nicht ausgespart.

Dangerous Journey enthält ein weiteres eingängiges Thema, das im Film jedoch gar nicht vorkommt, sondern von Bernstein extra für die LP geschrieben wurde: The Sons of Katie Elder. Der darauf basierende Song ist gleich zweimal zu hören; zum einen in der wohlbekannten Version mit Johnny Cash, zum anderen in einer raren Aufnahme mit Ernie Sheldon, der auch den Text dazu schrieb. Ebenfalls eine Spezialanfertigung für das Album ist Memories of Clearwater, eine romantische mexikanische Ballade mit Gitarren, Maracas, Marimba und Orchester.

Zwei klassische Genrescores, die den Westernspezialisten Elmer Bernstein im besten Licht zeigen; das sollte sich kein Fan zweimal überlegen und diese CD so rasch wie möglich seiner Sammlung einverleiben. Denn meiner Ansicht nach wäre es fast eine Schande, wenn sich die 2000 Stück dieser Edition nicht relativ zügig absetzen liessen.

Andi, 15.5.2013

 

THE SHOOTIST
THE SONS OF KATIE ELDER

Elmer Bernstein

La-La Land Records LLLCD 1254

56:03 Min. / 23 Tracks

Limitiert auf 2000 Stk.

 

 

 

 

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