The Shape of Water

Dieses Jahr hat Alexandre Desplat im Award-Reigen nicht nur mitgemischt – wie fast jedes Jahr – sondern auf der ganzen Linie abgeräumt. Venice Film Festival Award, Critics’ Choice Movie Award, BAFTA Award, Golden Globe, der Oscar… alle hat er sie für seine Filmmusik zu Guillermo del Toros THE SHAPE OF WATER (2017) eingeheimst. Es sei ihm vergönnt, denn handwerklich ist seine Musik tadellos. Mitreissen tut sie jedoch nicht.

Alexandre Desplat tut sich schwer, seine Musik ab und an hemmungslos over-the-top dramatisch, action-geladen, zuckersüss oder wie-auch-immer ausbrechen zu lassen. Stets scheint sie von unnachgiebiger Kontrolle und hohem Intellekt «an den Zügeln gehalten» zu werden – englischsprachige Kritiker reden nicht selten vom «over-intellectualizing», was passend scheint. Als Hörer kann einem das manchmal fast kirre machen. Im Falle von THE SHAPE OF WATER verhält es sich über weite Strecken ähnlich, bis Desplat zum dramatisch-romantischen Finale ab «Overflow of Love» ausholt – immerhin. Denn Guillermo del Toro erzählt seine Liebesgeschichte zwischen der stummen Elisa und dem «Monster aus der Tiefsee» weder zurückhaltend noch zimperlich. Mit satten Farben, starker Bildsprache und den für ihn typischen, surrealen Erzählwelten wagt er sich erneut auf eine Gratwanderung zwischen Romantik, Morbidität, Horror und Thriller. Dazu eine Prise Mystery und etwas Kalter-Krieg-Spionage- und Verschwörungshandlung und fertig ist das kurzweilige Potpourri.

Mit dieser breiten Palette an Genre-Ingredienzen und Facetten bietet sich wohl auch dem Filmkomponisten ein weites musikalisches Feld. Alexandre Desplat bewegt sich in Bezug auf Form und Klang hingegen in vertrautem Gefilde. Man vermisst mehr Ecken und Kanten, die man aufgrund der erzählten Geschichte und der Bilder irgendwie erwarten würde. Im kurzen Kommentar im CD-Booklet schreibt Desplat, dass Guillermo del Toro ein «Musical geschaffen habe, für das er Musik schreiben durfte». Hieraus lässt sich allenfalls der oftmals leichtfüssige, in romantischen Walzer-Formen sich bewegende Charakter der Musik erklären. Das scheinbar/allenfalls unter Wasser eng umschlungene tanzende Paar, welches auf dem CD-Cover und dem Filmplakat gezeigt wird, kann in dieser Musical-Assoziation auch gut eingebettet werden. Aber der Film zeigt auch viele dunkle, unheimliche, brutale Momente, die in der Musik weniger repräsentiert werden – klar, kontrapunktischer Musikeinsatz bzw. der bewusste Verzicht auf musikalische Dimensionen in bestimmten Szene kann Konzept sein und im Falle von Desplat ist man gewillt, dies auch als bewusster konzeptioneller Entscheid zu sehen. Doch kratzt dies trotzdem am Unterhaltungswert – bspw. verglichen mit einer ebenso lyrischen aber auch dunklen, harten Filmmusik, die Javier Navarrete für del Toros PAN’S LABYRINTH (2006) komponiert hat und die einfach unterhaltsamer war.

Zur Charakterisierung der beiden Liebenden wählt Desplat ein Akkordeon (für das glitschige Monster), das eher gewöhnungsbedürftige Pfeifen/Zwitschern mit dem Mund («eingespielt» von Desplat selbst; die «Stimme» für die stumme Elisa) und ein erweitertes Flöten-Register – 12 an der Zahl –, das im Zusammenspiel einen «blubbernden», wasserähnlichen Klangcharakter schafft. Und natürlich darf die musikalische Form des Walzers nicht fehlen und die stellenweise gezupften, tapsenden Streicher-Pizzicato. Damit ergibt sich keinesfalls eine schwer zugängliche Musik, aber dennoch keine, die man mit den im Trailer gesehenen Bilder auf anhieb in Verbindung gebracht hätte. Irgendwie wirkt das über viele Strecken zu leichtfüssig. Mit dem nicht selten frankophonen Klangcharakter wähnt man sich wiederholt in der Welt von Amélie – Stereotypisierung des Akkordeons, klar. Ob das Absicht war oder nicht, kann an dieser Stelle nicht abschliessend kommentiert werden, aber überraschend bis irgendwie etwas deplatziert in einer solchen Erzählung wirkt es halt doch. Zudem, wenn man zum frankophonen, «runden», unverfänglichen Klang nicht wirklich einen Zugang hat, wird die Musik zu THE SHAPE OF WATER gezwungenermassen zur Geduldsprobe. Kommt dazu das knapp 11-minütige Stück mit dem Titel «The Escape», auf das man gespannt wartet, welches dann aber nur sporadisch etwas «ausladendere Action» präsentiert und einem daher nach langem Hören ebenfalls eher etwas ernüchtert zurücklässt. Doch dann kommt schon bald das Finale mit den Stücken «Overflow of Love», «Without You», «Rainy Day» und «A Princess Without a Voice». Desplat wartet hier nicht mit neuen Ideen auf, aber er präsentiert die Leitthemen in schön kombinierten, mit einander «verbandelten» und dramatischen Formen, die ans Herz gehen. Diese vier Stücke will man sich nach dem Hören des gesamten Albums auf eine Playlist setzen.

Neben der Musik von Alexandre Desplat enthält das Album noch zwei Versionen des neu interpretierten Klassikers «You’ll Never Know», gesungen von Renée Fleming, sowie eine recht breite Palette von Songs, die dem Film einen zeitlichen «Anker» geben – von «La Javanaise» über «Chica Chica Boom Chic» bis zu «A Summer Place». Die Songs haben kaum Bezug zum Score und sind glücklicherweise überwiegend ans Ende des Albums programmiert worden, so dass der Fluss von Desplats Filmmusik nicht gebrochen wird.

Fazit: Sicherlich hat es der Leser beim Lesen dieser Kritik gemerkt: man tut sich im Falle einer Desplat-Musik schwer, konzeptionelle und handwerkliche Schwächen, wo solche vermutet, so schonungslos zu benennen, wie man es bei anderen Komponisten eventuell tut. Trotzdem – und auch entgegen allem Award-Segen – vermag THE SHAPE OF WATER letztlich nicht «umzuhauen», wie man es aufgrund des ganzen Troubles um diesen Film und die Musik erwartete hätte. Und eben, der frankophone Klangcharakter scheint nicht gänzlich logisch und dürfte nicht jedermanns Sache sein. Letztlich machen Arbeiten von Desplat wie VALERIAN AND THE CITY OF A THOUSAND PLANETS (2017) oder THE IMMITATION GAME (2014) einfach mehr Spass, als THE SHAPE OF WATER.

Basil, 21.3.2018

THE SHAPE OF WATER

Alexandre Desplat

Decca (Universal)

77 Min. / 26 Tracks

 

 

 

 

 

 

 

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