The Mercy

Mit grosser Trauer nahm die Filmmusikwelt die Nachricht vom Tode Johann Johannssons auf, der völlig überraschend im Alter von 48 Jahren verstarb. Noch nicht allzu lange ist es her, als er auf dem Radar von Filmmusikfans erschien, spätestens mit THE THEORY OF EVERYTHING und seinen höchst originellen und  bemerkenswerten SICARIO und ARRIVAL wusste man, dass sich da eine neue, frische Stimme in die Filmwelt aufgemacht hatte. Die Ankündigung Johannsson würde die Fortsetzung von BLADE RUNNER vertonen, liess so manchen Fan mit viel Erwartung auf das Endergebnis hoffen, leider kam es nicht dazu und Hans Zimmer ersetzte gemeinsam mit Benjamin Wallfisch nach kreativen Differenzen den Isländer. Anfangs Jahr kam THE MERCY raus und einen Tag nachdem ich diesen Score zum ersten Mal gehört hatte, der Schock von Johannssons viel zu frühem Tod. Ohne Zweifel ein grosser Verlust.

THE MERCY erzählt die wahre Geschichte von Donald Crowhurst (David Thewlis), einem Amateursegler, der sich aufmachte die Welt zu umsegeln. Johannssons Musik ist eine seiner gefassteren, ruhigeren und, sagen wir es mal so, in „konservativeren“ Gefilden verlaufenden Musiken, definitiv wenn man ARRIVAL noch im Ohr hat. Johannsson nimmt die Ruhe und Stille auf, die auf hoher See herrschen kann. In minimalistische Gefilde geht Johannsson im beschwingten „The Good Ship Teignmouth Electron“ mit Glockenklängen, Holzbläsern, einem rhythmischen Klang, der an einen Snarebesen erinnert, staccato und pizzicato Streichern und Stimme. Ein eigentliches Thema, neben der „Siebener“-Tonfolge in „Boating for Beginners“, „The Captain’s Log“ etc., ein vier Noten Motiv, das transponiert wiederholt wird, ist im ruhigen und warmen „Terra Firma“ zu hören, während „Into the Wide and Deep Unknown“ die verspielte Art von „The Good Ship…“ wieder aufnimmt. Zum ersten Mal dramatischer, gerade nach der Ruhe des Soloklaviers in „Good Morning, Good Night“, wird es in „A Sea without Shores“, ein Gefühl das trotz der beginnenden Glöckchenklänge auch in „Karen Byr Til Engil“, „The Horse Latitudes“ und „The Furious Sea of Fogs and Squalls“ zu vernehmen ist. In „The Radiant City“ bindet Johannsson eine Art abgehackte, kurze Funksprüche in seine Musik ein. Eines der schönsten Stücke ist das fast fünf minütige „A Pile of Dust“, von COPENHAGEN DREAMS aus dem Jahr 2012 stammend. Damit sei abschliessend noch klar gestellt, das Teile von THE MERCY aus anderen Johannsson Musiken entnommen wurden, so sind beispielsweise sein „Orphée“ (2016), „Englabörn“ (2018) und der Dokumentarfilmscore FREE THE MIND (2012) zu hören. Hätte man es nicht dem Booklet entnehmen können, es wäre einem kaum aufgefallen, zu gut passen diese teils aus des Komponisten klassischem Oeuvre stammenden Titel ins Gesamtbild und wecken, wer weiss, vielleicht beim ein oder anderen Lust darauf sich diese Musiken ebenfalls zuzulegen.

THE MERCY ist kein Horatio Hornblower, keine überbordende „wir stechen in See“-Musik, Johannssons Score ist oft zurückhaltend, still, durchgehend dem verschriebenen Stil treu bleibend. Gegen Ende steigert er die Emotionen in dem das Streichorchester zum Beispiel in „The Mercy“ (wir erinnern uns an „The Good Ship Teignmouth Electron“) mehr Gewicht erhält oder „She Loves to Ride the Port Ferry when it Rains“ vom Klavier alleine intoniert wird.

Gespannt darf man nun auf Johannssons letzte Filmmusikarbeit, MARIA MAGDALENA, sein und wie der Isländer mit diesem Bibelstoff musikalisch umgehen wird (Rooney Mara als Maria Magdalena, Joaquin Phoenix als Jesus). Es würde mich verwundern, wenn wir nicht auch bei seiner letzten Arbeit etwas eigenes, unerwartetes zu hören bekommen würden.

Phil, 19.3.2018

THE MERCY

Johann Johannsson

Deutsche Grammophon

57 Min. / 22 Tracks

 

 

 

 

 

 

 

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