The Edge (La-La Land)

Vor allem dank La-La Land Records ist die Welle expandierter und kompletter Filmmusiken seit geraumer Zeit auch auf die 1990er-Jahre übergeschwappt, und man musste kein Prophet sein um vorauszuahnen, dass diesbezüglich der erste Goldsmith nicht lange auf sich warten lassen würde. Dass nun The Edge den Reigen eröffnet, freut mich sehr, denn ich halte diesen Score für einen der kreativsten aus der durchwachsenen Spätphase des Komponisten.

1997 war ein bemerkenswertes Jahr für Goldsmith. Neben dem eigenwilligen Fierce Creatures und dem Routine-Actioner Air Force One gelang ihm vor allem mit L.A. Confidential ein Glanzpunkt, der ihm seine zweitletzte Oscar-Nomination sowie unseren «Score of the Year» einbrachte. Daneben ging The Edge zu Unrecht etwas unter, denn die von David Memet geschriebene Survival-Story um den belesenen Millionär Charles Morse (Anthony Hopkins), den Fotografen Robert Green (Alec Baldwin) und dessen Assistent Stephen (Harold Perrineau), die sich nach einem Flugzeugabsturz praktisch ohne Hilfsmittel durch das unwirtliche Alaska schlagen müssen, ist in jeder Hinsicht eine packende Angelegenheit.

Eine musikalische Vielzweckwaffe ist das charaktervolle Hauptthema, das nicht nur in majestätischen Waldhörnern, aufschwingenden Streichern und pastoralen Holzbläsern die rauhe Schönheit Alaskas einfängt (oder genau genommen Kanada, das als Landschaftsdouble für den nördlichen Nachbarn herhalten musste), sondern ganz allgemein situationsgerechte, positive Energie verströmt. Im Gegensatz dazu beschreibt ein angespanntes Wilderness-Motiv die Orientierungslosigkeit der Protagonisten, die mit Gefühlen wie Verlorenheit und Ungewissheit einhergeht.

Mit Bart ‒ ein kameraerprobter Braunbär, der schon in Filmen wie L’ours und Legends of the Fall mitwirkte ‒ kommt die dritte Kraft des Scores ins Spiel. Blutgefrierende Posaunen-Glissandi, angriffige Percussion und jedes begleitende Orchesterelement geben die furchterregende Präsenz und Motorik dieser Killermaschine auf vier Beinen treffend wieder, und damit sorgt die Bärenmusik für den Extrakick, den man ansonsten in vielen späten Goldsmith-Werken vermisst.

Das Schlussstück The Edge gab seit jeher Anlass zu Spekulationen. Es mag sein, dass das von einem Jazz-Trio vorgetragene Hauptthema Morses Rückkehr in die Zivilisation symbolisiert, aber auch die Möglichkeit, dass es sich um eine spontane Einspielung handelt, die Regisseur Lee Tamahori so gut gefiel, dass er sie im Film haben wollte, ist nicht von der Hand zu weisen. Wie dem auch sei, trotz Stilbruch handelt es sich hierbei keineswegs um einen störenden Fremdkörper, sondern im Gegenteil um einen sehr stimmungsvollen Epilog.

Auch in der rund einstündigen Langfassung ist The Edge im wahrsten Sinne bärenstark, da die Musik kaum Gefahr läuft, den Fokus zu verlieren und in unzusammenhängende Einzelteile zu zerfallen. Die zusätzlichen Tracks setzen sorgsam weitere interne und externe Akzente, sei es A Lucky Man / Open Door, wo die erste Andeutung des Bärenmotivs wie ein böses Omen wirkt, oder das stampfende Stephen’s Death mit seinen unheilvollen Ambossschlägen. Als Bonus gibt’s neben zwei kurzen Alternativ-Tracks eine Variante des Jazzstücks.

Die klanglichen Imperfektionen, die ein paar Tracks der Erstveröffentlichung heimgesucht hatten, sind nun beseitigt, der Klang insgesamt verbessert, und ein nettes Booklet mit einem fachkundigen Text von Jeff Bond sowie einer Widmung für den vor zehn Jahren verblichenen Bart the Bear runden das positive Gesamtbild dieser Edition ab, die ohne Weiteres auch für Besitzer des Originalalbums eine Option sein könnte.

Andi, 1.8.2010

 

THE EDGE

Jerry Goldsmith

Lalaland Records LLLCD 1131

66:15 Min. / 23 Tracks

 

 

 

 

 

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