The Core

Wenn man auch nicht behaupten kann, dass Christopher Young seine eigene Stimme aus den späten 80ern und frühen 90ern bis heute bewahrt hat, so darf man sicher sagen, dass er es mit einigen wenigen Namhaften wie zum Beispiel James Newton Howard und Danny Elfman bis in die filmmusikalische Gegenwart geschafft hat, während so manch anderer von der grösseren Filmmusikbühne fast „verschwunden“ ist.

Mit Jon Amiel hat Young bisher fünf Filme gemacht, The Core war ihre vierte Zusammenarbeit. 60 Millionen Dollar hat das Ungetüm 2003 verschlungen, an den Kinokassen kam das Geld allerdings nur zögerlich wieder rein. Fast in der Tradition der 50er und 60er Endzeit- und 70er Katastrophenfilme kommt die Erde wieder einmal ihrem endgültigen Schicksal nahe als der innere Kern seine Tätigkeit versagt. Ein Team von Wissenschaftlern (jeder ein eigener Charakter und insgesamt wenig teamfähig, wie es eben filmdramaturgisch „sein muss“) soll diesen mit einer nuklearen Explosion wieder in Gang bringen. Dafür rasen sie mit Hilfe eines bemannten Bohrers gen Mittelpunkt der Erde.

Der Film ist, man ahnt es schon aus der obigen Kurzzusammenfassung, insgesamt so unglaubwürdig und klischeehaft, dass er schon wieder Spass macht, zudem ist er ganz gut umgesetzt und mit Hilary Swank, Aaron Eckart, Stanley Tucchi und Tchécky Karyo recht prominent besetzt.

Chris Young jedenfalls nahm das Spektakel zum Anlass seine bis heute massivste und längste Filmmusik abzuliefern, eingespielt von einem über 100 Mann starken Orchester plus 40 Köpfe Chor. Jedenfalls, das darf man sicher so behaupten, hört man dem Score an, dass der Komponist an seiner Aufgabe Spass hatte. Die beiden CDs sind spektakulär mit dem ein oder anderen tollen Track.

Spannungsgeladen in Diamonds Are Forever (eine typische Young-Titelgebung), Unobtanium und Resurrection in Descent; erwartungsvol prickelnd in Liberté (einer der Charakter ist Franzose…); mysteriös mit Suspense in Saknusemm; erhaben in Stellar Phrenology und Project Destiny; pfundig in Tactile Shiftes und A Terror Toccata, zwei meiner Lieblingsstücke hier.
Sein Dreinoten-Hauptmotiv verwendet Young in fast allen Gefühlslagen und setzt es als Dreh- und Angelpunkt ein, vermehr im zweiten Teil des Scores. Daneben gibt es ein heroisches Thema, welches Young oft auch vom Chor ertönen lässt. Variationen beider Themen finden sich immer wieder. Abgeschlossen und als thematische Sammlung dienend, steht der prächtig-deftige Science Fiction-Marsch The Terranaut March.

Das Gute an The Core ist, dass die Kompositionen trotz ihrer Massigkeit und instrumentarisch nummerischen Grösse nicht einfach wie ein Cluster an Klängen und Effekten erscheinen – anders als viele Genrescores in den 2000ern. Young hat sich hier wirklich Mühe gegeben um einen auskomponierten Score abzuliefern, mit Feinheiten und durchaus durchdachten Orchestrationen für den Fan voluminöser Filmmusik. Die luxuriöse Länge der meisten Tracks führt ausserdem dazu, dass sie die 100 Minuten gut anhörbar und nicht zerstückelt erscheinen.

Eine 84 Minuten Doppel-CD Version lag dereinst kostenlos bei Intradas The Tower bei, sofern man diesen vorbestellt hatte. Ob sich nun eine um 16 Minuten verlängerte Version wirklich lohnt? Ich würde sagen, wer die alte Fassung besitzt, muss nicht unbedingt auch noch zu dieser neuen greifen. So viel frisches Material gibt es nicht, wenngleich die 100 Minuten Musik fast, aber nur fast wie im Fluge vorübergehen. Spass macht diese Musik allemal und eigentlich gibt es doch nur eine Handvoll Hollywood-Scores des neuen Jahrhunderts, von denen man behaupten kann, dass 100 Minuten ganz anständig durchziehen – sicher, auch hier gibt es den ein oder anderen Hänger, aber seit Hard Rain hat mich kein Young mehr so gut unterhalten.

Phil, 2.1.2012

 

Christopher Young

Intrada Special Collection Volume 187

2CD-Set

100:15 Min./21 Tracks

 

 

 

 

 

 

 

 

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