Straw Dogs

Mit Straw Dogs hat Sam Peckinpah wohl seinen umstrittensten Film einer holprigen Karriere inszeniert. Das beruht einerseits auf der Vergewaltigungsszene aber auch auf der Art der Darstellung der Englischen Landbevölkerung, was bei den Briten weniger gut ankam. Andererseits hat Peckinpah, der immer schon eine Affinität zum Alkohol hatte, bei den Dreharbeiten zu diesem Film heftigst ins Glas geschaut und erlitt einen schweren Zusammenbruch, wodurch die Dreharbeiten, die sowieso unter keinem guten Stern standen (Peckinpah „verbrauchte“ gleich 3 Kamermänner) gestoppt werden mussten. Der Film stand lange Zeit in vielen Ländern auf dem Index und brandmarkte Peckinpah endgültig als mehr als schwierigen Filmemacher.

Erzählt wird die Geschichte eines amerikanschen Mathematikers, der mit seiner jungen Frau nach England aufs Land, in deren Elternhaus zieht. Dort wird der Ami als Eindringling und arroganter Schnösel empfunden und angefeindet. Schliesslich kommt es zu Gewaltexzessen, in deren Folge sich das junge Paar gegen eine Horde sturzbetrunkener Einheimischer zur Wehr setzen muss.

Straw Dogs ist nach der TV-Produkion Noon Wine und dem grandiosen The Wild Bunch die dritte Zusammenarbeit zwischen Peckinpah und Jerry Fielding. Wie desöfteren setzt Fielding auch hier seine Musik sehr sparsam und ausgewählt ein. Die Gesamtdauer des Scores beläuft sich auf knapp 42 Minuten,wobei einige der hier vorgestellten Tracks gar nicht zur Verwendung kamen, darunter auch zwei source music Stücke, die man durchaus als Bonus an den Schluss hätte setzen können.

Fielding, der sich dahingehend äusserts, dass Straw Dogs der am schwierigsten zu untermalende Film seiner Karriere gewesen sei, beginnt den Score mit Prologue, einem kurzen Stück nur für Blechbläser geschrieben, das den Zuschauer mit seiner fast noblen Anmut und Dramatik hineinziehen sollte. Es ist das musikalische Equivalent des Dorfes, in das das junge Paar zieht. In der Tat unterscheidet es sich vom Rest des Scores und Fielding benutzt diesen Blechbläser-Chor, wie im Booklet treffend beschrieben, geschickt und recht selten, schlussendlich und konsequenterweise in Epilogue, während Bruchstücke daraus in anderen Instrumentierungen immer mal wieder Auftauchen. Stück 9, The Hunting Party und I Got Them Allbeginnen ebenfalls mit den hier verwendeten homophonen Blechbläsern und dem „Dorfmotiv“.

Ein wichtiger Bestandteil von Straw Dogs ist die „Teufelsvioline“, zum ersten Mal in Math Trick/Playing with the Help/Dinner Time zu hören, in dem die problematische Beziehung des Paares unterschwellig hörbar wird. Fielding knüpft einen Vergleich des Films mit Stravinskys „Histoire du Soldat“, indem er die Heirat Davids mit dem Dorfflittchen Amy als Teufelspakt, zentrales Thema von Stravinskys Stück, verarbeitet.
Fielding variiert dieses Motiv für Orchester ab Mitte des Stücks Don’t Play Games/Window Display und zu Beginn von Dead Cat, in dem die Solo-Violine genau dann auftaucht, wenn David Amys tote Katze entdeckt (dieser Teil der Musik wurde im Film allerdings nicht verwendet).

Die Szene, die für viel Eklat und Kritik sorgte, ist die Vergewaltigungsszene, von Fielding mit The Infamous Appassionatabetitelt. Für diese schwierig zu untermalende Sequenz, die Amy von Furcht über Lust bis zur Todesangst führt, schrieb Fielding eine 8-minütige Musik, die sich durch diese Gefühlslagen, zwischen Schrecken und Anmut, bewegt, zerrissen die Eindrücke Amys als klanglicher Verbund wiedergebend. Fielding benutzt dafür das ganze Orchester, aber immer nur in übereinander geschichteten Stimmen verarbeitet und intoniert, sich zwischendurch steigernd, mal mehr Schönheit, mal mehr Terror, und im Alptraum endend. Ein bemerkenswert komplexer Track mit doppeltem Boden.

Einen interessanten Effekt verwendet Fielding ausserdem in diesem langen Stück: Die verfremdeten Klänge, die ab ca. 2:00 zu hören sind, sind verlangsamt aufgenommene Posaunen, die bei Normalgeschwindigkeit abgespielt, eingefügt wurden. Auch in Suffering Amy ist dieser Effekt zu hören.

„Gewaltätiger“ als zuvor und damit der zunehmenden grafischen Gewalt des Films folgend, wird der Score in Death of the Major/Shotgun/David vs. Charlie und in David vs. Riddaway, in dem er vermehrt auf Blecheinsatz und Schlagwerk setzt. Fulminanter Fielding!

Straw Dogs gehört zu Fieldings feinsten Werken und man sollte sich, wie so oft beim intellektuell vorgehenden Komponisten, eingehend mit der fein-psychologischen, unterschwellig funktionierenden Musik beschäftigen – und in Stimmung für eine vielschichtige Thrillermusik sein, die kein Blendwerk ist, ohne Lokalkolorit-Klischees und anderen Schnickschnack auskommend. Hier ist Aufmerksamkeit nötig, genaues Hinhören und Auseinanderzieseln von Stücken wie Trencher’s Farmoder The Infamous Appassionata – ein Genuss! Nicht zuletzt, wenn man den Film kennt.

Phil, 12.5.2010

 

STRAW DOGS

Jerry Fielding

Intrada Special Collection 126

41:53 Min. / 16 Tracks

Limitiert auf 2000 Stk.

 

 

 

 

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