Stalingrad

Es ist ein bisschen still geworden um den 76jährigen Italiener, der in den 80er und 90er Jahren in den USA Erfolge feierte mit TV-Arbeiten wie Twin Peaks und Filmmusiken wie Blue Velvet, Wild at Heart und Arlington Road. Zumindest waren die Filme wirkliche Ereignisse.
Seine Filmauswahl zuletzt war nicht sonderlich glücklich, 44 Inch Chest, Dark Water, The Edge of Love und The Wicker Man (mit Nicolas Cage), alles Filme, die mässig bis noch weniger gelungen waren. Seine letzte bemerkenswerte Musik stammt aus dem Jahr 2004 zum schönen Un long dimanche de fiançailles.

Herausragendes Stück von Stalingrad ist das beginnende „Stalingrad Theme“ mit dem wortlosen Gesang von Anna Netrebko. Sicher, es erinnert vielleicht ein wenig an Ennio Morricones ähnliche Stücke mit Edda dell’Orso an den Stimmbändern, doch wäre der Score auch nu ein wenig in diesen Bahnen weiter geschreitet, es hätte ein richtig schönes musikalisches Erlebnis werden können!

Doch Badalamenti nimmt das Wort Epos hier für voll und anstatt sonst schon epische Aufnahmen mit Feinheiten zu unterstützen, nimmt der Italiener die grosse Kelle hervor. Nicht immer, aber recht oft: Die dramaturgischeren, nennen wir sie mal „Schlachtmusiken“ wie „Men of Fire“, „Execution and Attack“ und „The Panzer Attack“ sind bombastisch aufgebaut, fordern die volle Muskelkraft des Orchesters, aber weil Badalamenti einfach Layer über Layer stapelt, noch eine Instrumentengruppe dazu, noch eine Wiederholung und noch eine, geht der Musik die Kraft flöten und die Besonderheit ab. Badalamenti lässt seine Musik wie eine Walze auf den Hörer los, das klingt dann fast wie ein Gemisch aus Zimmer, russischem Bär und italienischer Redundanz. Oder Englisch: Overkill! Schade. Möglich freilich, dass die Macher dies so gewünscht haben. Ändert aber nichts an der beschriebenen Tatsache an sich.

Selbst Stücke, die einen gefühlvolleren, intimeren Weg gehen möchten, wie „Masha and Kahn“ wirken dick aufgetragen, es fehlt die feine Linie, die Arbeit mit Themen, die schüchtern auftauchende Melodie. So aber lässt Badalamenti das tiefe Streichregister auf den Hörer los um sein Solocello zu unterstützen. In „Childhood Memories“ ist ansatzweise zu hören, wie es klingen könnte. Doch schon bei „Goodbye Brothers: Stalingrad Finale“ ist es wieder sehr, sehr gewollt und mächtig. Anstatt zu berühren ist, geht die Musik ihre Sekunden zählend einfach an einen vorbei.

Und sind die 52 Minuten vorbei möchte man zurückrudern zu Track 1 und denkt sich, wieso nicht so?

Willkommen Signore Badalamenti im 21. Jahrhundert der Filmmusik, bisschen was anderes verbinde ich mit dem Namen Angelo Badalamenti aber schon, vor allem Originalität und Ideen. Das jedoch fehlt bei Stalingrad.

Phil, 31.1.2014

 

STALINGRAD

Angelo Badalamenti

MovieScore Media/Kronos 

52:41 / 18 Tracks

 

 

 

 

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