Spartacus (Varèse Club)

Viel wurde in den letzten Jahren über Spartacus spekuliert, über die Form des Erscheinens, das Datum usw. (als Goldsmith für eine geraume Zeit Neuaufnahmen mit dem Royal Scottish National Orchestra dirigierte, sprach man oft von einer bevorstehenden Neueinspielung der monumentalen Komposition).
Eines war klar, Spartacus würde bei Varèse erscheinen und als Robert Townsons 1000. CD-Produktion sich näherte, konnte es sich nur noch um eine Frage der Zeit handeln. Als dann der Schleier gelüftet wurde, schwang auch Verwunderung mit: Was soll man mit 2 CDs von Interpretationen des Love Themes und ist die 6-CD-Box nicht etwas zuviel des Guten? Zu guter Letzt hat irgendwer hat irgendwo noch verlauten lassen, dass die Box am Festival in Ubeda 2010 als erstes zu kaufen sein würde, was schliesslich nicht der Fall war.

Wie auch immer man zu dem Release steht, als Filmmusik-Liebhaber kommt man nicht darum herum. Viel zu bedeutsam ist die Musik von Alex North zu (unc auch für) Stanley Kubricks grossem Film – und um es etwas direkter auszudrücken: Die Qualität der Musik insbesondere als Veröffentlichung in dieser kompletten Form hält schlicht jeder „Kauffrage“ stand.

7 Scheiben also sind es: Disc 1 präsentiert die verbliebenen in Stereo vorhandenen Bänder. Disc 2 und 3 den Score in Komplettform in Mono. Auf CD 4 sind die unvermeidlichen alternate tracks zu finden, interessanter vielleicht die „preliminary“ Stücke, die mehr Einblick in die Entwicklung und den Schaffensprozess geben. CD 5 und 6 enthalten die erwähnten Variationen des Love Themes von Musikern kreuz und quer. Als zusätzlicher Bonus ist eine DVD enthalten mit Ausführungen von Komponisten über den Score, insbesondere referiert John Williams recht ausführlich.

Der Klang von Scheibe 1 ist famos. So toll, knackig und präsent hat man Spartacus tatsächlich noch nie hören können. Schade, dass nur – aber immerhin – 72 Minuten so zu verwenden waren. Die Stücke der ebenfalls in Stereo gehaltenen Albumversion hatten einen eigenartigen Hall, der hier eliminiert werden konnte.

Im Vergleich dazu fallen die beiden in Mono gehaltenen Discs schon etwas ab, gerade im Bassbereich und in den häufig zu vernehmenden Perkussionsstellen (hier schwummert es etwas) ist das nicht zu überhören, aber freilich wird hier auf immer noch gutem Niveau gejammert. Zudem findet sich auf Disc 1 nichts, was nicht auch auf den folgenden beiden CDs zu hören sein ist. Der Entscheid CD 1 mit den Stereotracks und 2 und 3 in Mono aber nicht durchgemischt auszustatten, ist allenthalben nachvollziehbar als dann die Klangqualität immer gleich bleibt.

Was uns musikalisch geboten wird, dürfte den meisten Filmmusik- und Filmfreunden in der ein oder anderen Form bekannt sein. Sei es in der Originalalbum-Form (knappe 41 Minuten) vom SVC Doppel-CD Bootleg (mit dem Mix aus alternativen Stücken und Score) oder von der Tsunami CD – und natürlich aus dem Film. Nie aber war Spartacus wie in der hier vorliegenden Form vertreten und alleine die CDs 2 und 3 stellen alles eben genannte in den Schatten (des Regals zurück).

Die pfeffrigen, avantgardistischen Schlachtmusiken (The Battle), manchmal harsch, und martialisch (Glabrus Defeated, Maneuvers, Formations), die militärisch gefärbten Klänge für die Römer, das wunderschöne Liebesthema (am bezauberndsten in Expecting Parents, im leidenschaftlichen Love Sequence oder im zerbrechlichen Varinia’s Theme) oder die Musik etwa, wenn Spartacus durch sein Lager schreitet: sanftmütig, einfühlsam aber auch mit Trompeten, die wie als Bedrohung über der Szenerie liegen: Camp at Night. Das stolze Thema von Spartacus und der Marsch der Sklaven. Nahe an 150 Musiker, darunter 11 Perkussionisten, 15 Posaunen, 5 Fagotte. Und nie klingt die Musik massig oder undruchdringlich, nie kämpft sie mit „Lärm gegen Lärm“ an.

Man könnte Superlative an Superlative reihen (wozu man hier ohne weiteres in der Lage wäre), die Eindbindung der Themen und Motive unter- und ineinander auseinanderziseln, doch um die Schönheit der Partitur zu erleben, sei schlicht und einfach gesagt: Man nehme sich die Zeit und höre CD 2 und CD 3 in einem Schwung durch (was mir beispielsweise wesentlich leichter fällt als beim ebenfalls famosen Cleopatra – auch bei Varèse in voller Länge erschienen).

Die Frage schliesslich wer 2 CDs mit Variationen zum Liebesthema braucht, klärt sich auch nicht, nachdem ich die Scheiben im Hintergrund habe laufen lassen. Da kann Herr Townson noch so voller Elan den Abwechslungsreichtum und die Handschrift von Komponisten wie Dave Grusin, John Debney und Patrick Doyle anpreisen. Müsste ich einen Favoriten aus den versammelten Interpretationen benennen müssen, so wäre es wohl Mark Ishams Fusion-Interpretation mit Flügelhorn und von den zahllosen Klavierversionen jene unverkennbare und kurze von Dave Grusin. Übrigens stammen einige Stücke von bestehenden Aufnahmen (Schifirin, Carlos Santana etc.) und wurden nicht speziell für diese CDs eingespielt. Aber zuletzt bleibt dennoch ein „Braucht eigentlich kein Mensch“.

Ein ganz besonderes Prunkstück ist das Booklet, wobei diese Umschreibung hier kaum mehr passend ist. Über 150 Seiten mit vielen Fotos und ausführlichen Texten zu Film, Musik und Komponist versüssen den Genuss dieser Box zusätzlich. Grosses Lob an Varèse, die desöfteren auch Kritik, nicht zu unrecht, für ihre Beilagen einstecken müssen. Sicher, besitzt man Sekundärlitratur in Sachen Alex North, dann vermittelt einem der Booklettext nur wenig Neues, hier hätte allenfalls ein mehr an Einblick in den Film noch mehr herausholen können.
Ein kleiner Wehrmutstropfen bei der ganzen Aufmachung ist, dass man das Booklet jedes Mal zur Hand nehmen muss, will man nachsehen welcher Track gerade läuft.

Nach der tollen Ròzsa Box von FSM ist Spartacus das nächste ganz grosse Highlight aus dem Golden Age – wobei man sich um den Begriff hier durchaus streiten kann, aber alleine die Musik, die zu Hingabe, der durchdachte Aufbau und der Film für den sie geschrieben wurde, lassen ihn doch in diese Kategorie schlüpfen.

Phil, 16.8.2010

 

SPARTACUS

Alex North

Varèse Sarabande Club VCL 0610 1109

CD 1: 72:40/23 Tracks
 CD 2: 70:40/30 Tracks
 CD 3: 65:29/28 Tracks
 CD 4: 43:17/22 Tracks
 CD 5: 60:07/11 Tracks
 CD 6: 50:16/11 Tracks

Limitiert auf 5000 Stk.

 

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