Sleeping with the Enemy (La-La Land)

Jerry Goldsmiths Sleeping with the Enemy stammt aus dem Beginn der post-Total Recall Phase des Komponisten, in der er sich von weiteren Actionfilmen etwas fernhalten wollte. 1991 komponierte er nebst diesem Julia Roberts Vehikel nur noch einen anderen Score, den schwächeren Not without My Daughter. Mit diesem gemein hat Sleeping die Verwendung von nicht wenig Elektronik und ein wirklich hübsches Hauptthema für die Protagonistin.

Julia Roberts spielt eine von ihrem gewalttätigen Gatten unterdrückte junge Frau, die ihrem Mann nichts recht machen kann. Es setzt Schläge, wenn die Dosen nicht sauber gestapelt und die Frottétücher nicht ganz genau auf der gleichen Höhe über der Stange hängen, danach gibt’s Streicheleinheiten und gefühllosen Sex. Um diesen Erlebnissen zu entkommen, täuscht sie auf einem Segelturn ihren Tod vor und flüchtet in die Idylle einer Kleinstadt, wo sie endlich Ruhe und Verständnis findet. Doch als der von Patrick Bergin gespielte Ehemann den Vermählungsring im Klosett des einstigen Heims findet, beginnt für Laura der Horror von neuem.

Goldsmith beginnt in Morning on the Beach mit dem Herz zerreissend schönen Thema für Laura. Vieles dreht sich um dieses Thema, es ist Hauptbestandteil des Scores, wird in seiner hinreissendsten Art von einer Querflöte gespielt mit wunderbar delikaten Streichern, die das Thema weiterführen, unterlegt wird das Ganze von gefühlvollen Synthieklängen. Lauras Thema findet aber auch in Variationen und düster vorhersehbaren Stimmungen Verwendung, wie zum Beispiel in Fears (mit tremoli Streichern unterlegt oder mit Holzbläsern endend, die Unsicherheit vermitteln), daneben gibt es ein Motiv für die gefahrvollen, dunkleren Momente wie zu Beginn von Fears zu hören. Noch weiter führt es Goldsmith in Roses/You Want Something mit Streichern, Röhrenglocken und den unverkennbaren Klängen einer Korg Wavestation, Beklommenheit und Gefahr vermittelnd.

Ein erster, noch verhaltener Spannungstrack ist mit The Storm zu hören. Streicher und Holzbläser führen ein ehe mächtige Hörner zusammen mit Kesselpauken übernehmen, danach wird Lauras Thema in Moll von den Hörnern gespielt und schliesslich geben eine traurige Klarinette, danach abgelöst von einer Oboe kurze Anklänge des Themas wieder. Der Track endet hoffnungsvoll mit Querflöte und Klavier, das 2. Motiv von Lauras Thema anspielend.

Der Score nimmt gegen Ende an Spannung und Action zu (The Towels), aber auch in Tracks wie The Ring, Broken Window, The Funeral lässt Goldsmith Suspense einfliessen (in Broken Light ist das Suspensemotiv für Lauras Ehemann zu hören, das in späteren Tracks wieder auftauchen wird, Home Alone und The Watcher/He Was Here etwa) hin und wieder umspannt vom Hauptthema.

Etwas mehr Ruhe und Glück kehrt ein, wenn Laura ihr Ziel, angeblich verschollen zu sein, erreicht hat (A Brave Girl). Zwar sind immer wieder mehr oder weniger leise, gefahrvolle Untertöne zu hören (Beginn von Spring Cleaning mit den Röhrenglocken oder Thanks Mom), in Tracks wie It Never Started und What Did He Do? jedoch ist das hart erkämpfte Glück Lauras, endlich einen Ort für sich gefunden zu haben, förmlich zu spüren.

Die deftigen Suspensstücke wie The Watcher oder The Towels sind von viel Elektronik bestimmt. Immer wenn Goldsmith die Musik mit Hinweisen auf den einstigen Gatten spickt, sind diese perkussiven, elektronischen Hits zu hören. Die abschliessenden Stücke The Carnivalund die erste Hälfte von Remember This sind die spannungstechnisch dramatischsten des Scores. Remember This beginnt mit tiefen Synthiesphären ehe Lauras Thema zurückhaltend angespielt wird. Goldsmith fällt mit vollem Gefährt in die Ruhe ein, Tomtoms und Blech eröffnen den Spannungsreigen, Streicher und wieder Synthies erzeugen Suspense ehe erneut Blech und Perkussion hervorpreschen. Lauras Thema kehrt verhalten angespielt zurück, ehe dieselbe Blech-/Perkussionskombi dem Bösewicht den letzten Garaus bläst. Lauras Thema ist nun in schönster Weise zu hören, „it’s all over now“, ehe die Schlusstitel beginnen und den Score beschliessen.

Sleeping with the Enemy profitiert enorm von seinem Hauptthema (für das es die volle Punktzahl gibt), während die Spannungssachen eigentlich eher Goldsmith-Routine sind und nicht zum besten gehören, was der Komponist auf die Beine gestellt hat.

Abzüglich der zwei Bonustracks, die bemerkbare Abweichungen im Mix von den verwendeten Stücken zeigen, präsentiert La-La Land hier 48 Minuten Score gegenüber 38 Minuten der alten Sony CD (abzüglich des Songs „Brown Eyed Girl“). Ausserdem erscheint die Musik hier in ihrer filmchronologischen Folge. Das wenige mehr an Musik ist also nicht unbedingt ausschlaggebend (neues Themenmaterial ist eh nicht zu finden), hingegen bringt die neue Trackauflistung ein bisschen mehr musikalische Entwicklung. Selbst der geneigte Goldsmith-Fan muss hier nicht unbedingt zugreifen, wenn er die 20 Jahre alte CD hat.

Phil, 29.9.2011

 

SLEEPING WITH THE ENEMY

Jerry Goldsmith

La-La Land Records LLLCD1181

54:31 Min. / 24 Tracks

Limitiert auf 3500 Ex.

 

 

 

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