Shane

Shane gilt als Meilenstein seines Genres (Sam Peckinpah bezeichnete ihn gar als besten Western, der je gedreht wurde) und handelt von einem geheimnisvollen, wortkargen Fremden, der eines Tages bei friedlichen Farmern auftaucht, um ihnen beim Kampf gegen einen skrupellosen Rinderzüchter beizustehen. Im Zentrum steht dabei die nicht immer unkomplizierte Konstellation von Shane (Alan Ladd) und seiner Gastfamilie Starrett (Van Heflin, Jean Arthur und der kleine Brandon de Wilde). Nach verrichteter Arbeit reitet Shane Richtung Sonnenaufgang davon, um anderswo seine nächste Mission zu erfüllen.

Von Regisseur George Stevens und Kameramann Loyal Griggs in beeindruckenden Bildern eingefangen, zeigt sich hier der Wilde Westen nicht so proper wie bis anhin von Hollywood gewohnt, sondern scheut sich nicht vor schäbigen Stadthäusern und verschlammten Strassen, wie sie eigentlich erst in Spaghetti- und Spätwestern so richtig en vogue wurden. Nur die stets gut frisierten Haare von Jean Arthur wollen so gar nicht in die ansonsten recht authentisch wirkenden Kulissen passen, aber darüber kann man angesichts der sonstigen Qualitäten dieses Films leicht hinwegsehen.

Das im Main Title breit dahinfliessende Hauptthema (auch als «The Call Of The Far-Away Hills» bekannt) unterlegt aufs Vortrefflichste die atemberaubende Schönheit Wyomings, und es ist dies eine typische Victor-Young-Melodie mit hohem Wiedererkennungsfaktor. Was repräsentiert sie? Vielleicht die Landschaft, vielleicht Standfestigkeit und Gemeinschaftssinn der verängstigten Siedler, vielleicht Shane selbst. Da dieses Thema oft Hand in Hand geht mit dem (Liebes)Thema für Marian Starrett, ist letzteres nicht ganz von der Hand zu weisen.

Jedenfalls liegt Young dieses Thema sehr am Herzen; er lässt es oft und gern in die Musik einfliessen, sei es im erwähnten Panorama-Sound, in leiseren Bearbeitungen für Mandoline und Akkordeon, oder auch im Kontext von Dramatik und Spannung. Von den sekundären Themen ist jenes für Marian das Wichtigste, und Young gibt ihm die Form der Varsovienne, ein in vielen Ländern Europas gepflegter Volkstanz im Dreivierteltakt, hier aber gefühlvoller und nicht so lüpfig wie Kenner der Materie das wohl gewohnt sind.

Weitere personenbezogene Themen sind dasjenige für den jungen Joey, in Pastorale von einer verspielten Celesta intoniert, jenes für den Auftragskiller Jack Wilson (ein herrlich fieser Jack Palance),bei dessen basslastigem, von Tremolo-Streichern begleiteten Einstand in Wilsonbereits sämtliche Alarmglocken läuten, so wie es bei Musik für einen charismatischen Heavy Guy auch sein muss. Für den aus dem Süden stammenden Torrey (Elisha Cook Jr.) erklingt naheliegenderweise «Dixie», herzergreifend zu hören in Cementery Hill, wo trauernde Streicher und Holzbläser Abschied nehmen von diesem kleinen, mutigen Mann.

Abgesehen vom thematischen Reichtum, verleiht teilweise abrupter Stimmungwechsel diesem Score seine Würze. Vom energischen, barocken The Tree Stump, dem idyllischen Pastorale und der rustikalen Feierlichkeit von The Forth Of Juli ist es oft nur ein kleiner Schritt bis zum absteigenden 3-Ton-Gefahrenmotiv, das die Illusion eines friedlichen Zusammenlebens erbarmungslos immer wieder zerschmettert. Oder wird diese Illusion letztlich doch Realität, wenn Shane nach getaner Pflicht ‒ begleitet vom hoffnungsvollen Hauptthema ‒ seinem ungewissen Schicksal entgegenreitet?

Mit dem bisher unveröffentlichten Shane ist dank La-La Land endlich eine der langersehntesten Filmmusiken von Victor Young erhältlich, was dank der Popularität des Filmes weit über den Fankreis des Komponisten hinaus gefeiert werden dürfte, obgleich zweifellos einige schnöden werden, dass der Score unvollständig und der Klang nicht immer ganz sauber ist. Auch handelt es sich nicht bei allen Tracks um die im Film verwendeten, es werden jedoch in zwei Fällen die Filmversionen als Bonus mitgeliefert. Und einer davon dürfte die Neugier von Franz-Waxman-Fans wecken:

Bei der Filmversion von The Ride To Town ist nicht mehr viel von Young übrig, sondern hier fand grösstenteils Musik aus Waxmans Rope Of Sand (1949) Verwendung. Die ist grossartig, kein Zweifel, aber sie wirkt im Zusammenhang mit der Szene, wofür sie verwendet wurde ‒ besonders aus heutiger Sicht ‒ etwas gar überdramatisch. Auch wenn Young diesbezüglich nicht weit hintenansteht, wäre seine Musik, allein schon der thematischen Kohärenz wegen, dann doch passender gewesen. Welcher Teufel Stevens hier geritten haben mag, wissen wohl nur die Götter Hollywoods.

Andi, 8.11.2012

 

SHANE

Victor Young

La-La Land Records LLLCD 1224

66:03 Min. / 18 Tracks

Limitiert auf 2000 Stk.

 

 

 

 

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