Serengeti darf nicht sterben

Wolfgang Zeller gehört ‒ wohl nicht nur wegen bislang nicht existenter Tonträger ‒ zu den vergessenen Künstlern der Filmgeschichte. Dabei war der Pfarrerssohn aus dem Harz einer der profiliertesten und vielseitigsten deutschen Filmkomponisten, wie ein Blick auf sein Schaffen offenbart. Da findet man vom Scherenschnitt-Märchen aus der Stummfilmzeit über Zusammenarbeiten mit namhaften Regisseuren wie Dreyer, Pabst und Feyder bis zu Dokumentar-, Kultur- und Heimatfilmen so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann. Ein Makel im musikalischen Reinheft sind lediglich ein paar Nazi-Propagandastreifen, allen voran der berüchtigte Jud Süss; politisch instrumentalisieren liess sich Zeller deswegen jedoch nicht.

Bei Serengeti darf nicht sterben (1959) handelt es sich um die letzte Filmmusik Zellers, und es dürften dies die allereinzigsten Originalaufnahmen eines Zeller-Scores sein, die überlebt haben. Der legendäre Dokumentarfilm von Bernhard Grzimek, dem wohl bekanntesten Tierexperten im deutschsprachigen Raum, befasst sich mit den Tierbeständen des Nationalparks von Tansania und war für den Filmemacher Fluch und Segen zugleich. Denn seine Arbeit wurde zwar mit einem Oscar belohnt, aber während des Drehs verlor er seinen Sohn Michael durch einen tragischen Flugzeugunfall.

Beim Durchhören der Musik fällt auf, dass Zeller ‒ von einer kurzen Sequenz abgesehen ‒ auf afrikanische Folklore verzichtet und auch das bei Tierfilmen gerne mal verwendete mickey mousing praktisch aussen vor lässt. Damit kommt er der eher sachlichen Berichterstattung nicht in die Quere, sondern begleitet sie mit viel Leidenschaft und handwerklichem Geschick. Als Komponist alter Schule fühlte er sich Zeit seines Lebens der Spätromantik verpflichtet, und dass er diese in Perfektion beherrschte, davon legt Serengeti darf nicht sterben anschaulich Zeugnis ab.

Dass Zeller Vorbildern wie Franz Liszt und Richard Strauss nacheiferte, ist in diesem Score nicht zu überhören. Daneben liess er sich aber auch ein wenig von Hollywood-Kollegen wie Steiner, Korngold oder Rózsa inspirieren. Das zeigt sich etwa beim sowohl hervorragend ausgeführten wie verarbeiteten Hauptthema. Es ist von ebenso hoher Qualität wie die landschafts-, ereignis-, wetter- und tierbezogenen, spannenden Stimmungswechsel, denen es an Einfallsreichtum nicht mangelt. Sie reichen von actionbetonenden Fugen über die dramatische Aufarbeitung eines Buschbrandes bis zu idyllischen, reflektierenden Ruhepausen. Immer wieder dürfen sich auch einzelne Orchestermitglieder solistisch einbringen, u. a. eine gefühlvolle Violine und delikate Holzbläser, bei denen das vielleicht nicht unbedingt zu erwartende Altsaxophon hervorzuheben ist.

Ein grosses Dankeschön geht an Alhambra, deren engagierten Produzenten es gelungen ist, wenigstens ein Stück von Wolfgang Zellers beeindruckenden Fähigkeiten für die Nachwelt zu erhalten. Der Klang präsentiert sich in gepflegtem Mono, und es bleibt als einziger, leiser Kritikpunkt, dass die proppenvolle CD ‒ zumindest nach meinem Gutdünken ‒ eine Spur zu lang ist und sich vor allem gegen Schluss da und dort ein wenig hinzieht. Das tut der ganzen Sache aber keinen Abbruch, und vor allem für Golden-Age-Fans ist diese Scheibe eine unbedingte Empfehlung.

Andi, 10.4.2016

 

SERENGETI DARF NICHT STERBEN

Wolfgang Zeller

Alhambra A 9029

81:47 Min. / 18 Tracks

 

 

 

 

 

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