RAW (DVD)

Eben ist die junge Justine noch überzeugte Vegetarierin, die angeekelt das sich im Kartoffelstock verirrte Fleischstück ausspuckt, schon bald darauf aber wird sie, ausgelöst durch die eigenartigen Aufnahmerituale der Universität, in die sie ihrer älteren Schwester Alexia zwecks Veterinärstudiums folgt, zum wahren Fleischtiger. Dabei beschränkt sie sich nicht nur auf tierische Erzeugnisse, sondern knabbert auch schon mal am versehentlich abgetrennten Finger der Schwester herum. Und natürlich erwacht die Fleischeslust auch im sexuellen Bereich, und Justine lässt sich ausgerechnet von ihrem schwulen Mitbewohner entjungfern.

Ein ernst gemeintes, gehobenes Horrordrama? Eine Komödie? Eine Gesellschaftssatire? So ganz kann sich diese französisch-belgische Koproduktion nicht entscheiden, was sie sein will, und die etwas episodenhafte Erzählweise hilft der Kategorisierung auch nicht wirklich weiter. Während der Appetit auf Fleisch als Synonym für das Verlangen nach Sex noch naheliegend ist, kann der Kannibalismus für vieles stehen, zum Beispiel, dass man schon als angehender Erwachsener über Leichen gehen muss, um seinen Platz auf der Welt zu behaupten. Also ein kritischer, aber auch satirischer Blick auf die Gesellschaft? Für letzteres spräche die Tatsache, dass hier alle ziemlich schräg rüberkommen, sowohl die Studenten als auch die Lehrer. Aber vielleicht sollte man sich auch nicht zu viele Gedanken machen, denn letztlich ist RAW zu unerheblich, als dass man sich gross fragen mag, was die Mädchen zu ihren abartigen Aktivitäten treibt, und daran kann auch eine kurze, erklärende Szene unmittelbar vor dem Abspann nichts ändern.

Zwar gibt es reichlich Blut (aus Kübeln in bester CARRIE-Manier auf Menschen geschüttet, aufgeschlitzte Tiere, blutüberströmte Verkehrstote), eklige Hautekzeme in Grossaufnahme, ausgekotzte Haare und dergleichen; alles Sachen also, die Leuten, die dem Horror abgeneigt sind, ziemlich auf den Magen schlagen dürften, für eingefleischte Gorehounds dann aber doch wieder nicht extrem genug dargestellt sind (vielleicht ist aber auch vorliegende Rezensions-Fassung geschnitten), so dass man sich fragt, ob es überhaupt eine Zielgruppe gibt, die diesen Film wirklich zu schätzen weiss. Aber eins ist immerhin sicher: Garance Marillier und Ella Rumpf spielen die Schwestern des Schreckens so hingebungsvoll, dass man ihnen auch im wahren Leben keinesfalls zu nahe kommen möchte.

Für die Musik zuständig ist Jim Williams (in England geboren, und damit eher nicht verwandt mit John dem Grossen), der, was man während des Films so mitbekommt, unter anderem akustische Gitarren, elegische Streicher und ein wenig Retro in Form von an 1970er-Giallos erinnernde Klänge mit einbringt. Das wäre auf sich alleine gestellt vielleicht gar nicht mal so uninteressant. Was durchaus überprüft werden kann, denn der Score ist bei einem Label namens «Death Waltz Recording Company» erschienen.

Andi

 

RAW

Regie: Julia Ducournau

Darsteller: Garance Marillier, Ella Rumpf, Laurent Lucas, Joana Preiss, Rabah Nait Oufella u. a.

Musik: Jim Williams

Verleih: Universal

Erscheinungsdatum: 26.10.2017

 

 

 

 

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