Nightwing

Henry Mancini kennen selbst Filmmusikhörer zumeist nur in Verbindung mit seinen populären Melodien, die einen unvermeidlichen Ohrwurmcharakter haben. Populärer Jazz und Popkultur sind da nicht weit entfernt. Aber Mancini begann seine Karriere mit B-Picture Gruslern à la Tarantula und anderen dieser lustigen Monsterdingern, die mich als Kind einst zu Tode erschreckt haben. Und mit Lifeforce ist ihm ja auch noch in seiner letzten Schaffensphase ein Blick zurück in das Genre geglückt. Nightwing ist ebenfalls ein Horrorfilm, der sich aber vielmehr an der zu jener Zeit so erfolgreichen Formel eines einzigen, gelungenen Filmes orientieren sollte: Jaws. Auch in Nightwing geht es blutig zu, wenn daran allerdings die bösen Vampirfledermäuse schuld sind und nicht ein bissiges Fischlein. Ein Halbblut-Deputy soll die mysteriösen Fälle aufklären, daneben gibt es noch andere Parallelen zu Spielbergs Grosserfolg. Arthur Hiller (ja, DER Arthur Hiller) blieb der Erfolg wie den meisten Filmen die im Fahrwasser des weissen Hais schwimmen wollten, hier jedoch versagt. Der Film geriet, berechtigterweise, zum veritablen Flop.

Was nun nach über 35 Jahren vom Film geblieben ist, ist der Score von Henry Manicini, den Varèse für ihre Clubveröffentlichung auf 1500 Stk. limitiert hat – und nach dem stimmungsvollen Wait Until Dark (FSM) war für mich klar: Das ist ein Mancini, den ich gerne hören möchte; da lasse ich all die Pink Panther und Audrey Hepburn Dinger sofort links liegen. Mancini und Horror, Thriller, Terror, ja, das könnte wieder was werden.

Ich wurde denn auch keineswegs enttäuscht, im Gegenteil: Nightwingübertraf meine Erwartungen sogar, die ich aufgrund von anderen Meinungen schon wieder etwas zurückgeschraubt hatte. Aber man sollte nur schon den fulminanten Kurztrack „Escape from the Bats“ oder „They Are Evil“ und „The Battle in the Bat Cave“ anspielen, das ist doch feinste, „alte“, dafür aber gehaltvolle Action- und Suspensemusik, die sich gewaschen hat.

Aber der Reihe nach. Mancini sorgt für einen stimmungsvollen, mysteriös klingenden Anfang mit einem indianisch angehauchten „Main Title“. Da die Hauptperson ein Halbblut ist und die bösen Killerfledermäuse (jaja, nach Jaws gab es Piranhas, weisse Büffel und böse Bienen) in einem heiligen Indianergrabmal hausen, eine nicht von der Hand zu weisende Idee. Doch dieses ethnische Element ist sehr fein und unaufdringlich, aber thematisch gewichtet und nicht als plattes Klischee eingearbeitet. Dieses Thema bildet ein gelungenes Gegengewicht zu den mehr düsteren, spannunsgebetonteren Stücken.

Dass Mancini ein vorzüglicher Filmmusiker auch ausserhalb von Romantik und Komödien ist, zeigen Stücke wie „Search for Anne“, in dem der Komponist es versteht in einer nebulös-bedrohlichen Stimmung seine Themen einzubauen und so ein geschicktes Paket zu schnüren, das Spannung und Neugier aber auch Angst und Unsicherheit hervorruft. Mancini verwendet dafür die tiefen Register des Orchesters. Hörner, Posaunen, Fagotte, Bassklarinette, Celli und Bässe und lässt sie voneinander getrennt und doch ineinander fliessend ertönen. Sehr gut ist das im letzten Drittel dieses Tracks zu vernehmen. Wirklich effektiv gemacht.
Andere Stücke wie „The Lines Cross“ erinnern mich an unheilschwangere, dicht gewobene Stimmungen à la Howard Shore – vielleicht sollte der ein oder andere Shore-Fan, der nicht nur Lord of the Rings hört, der Scheibe ein Ohr leihen.

Nightwing passt wunderbar in die Sparte 70er Filmmusiken mit zurückhaltender Instrumentierung, pessimistischem Ton und dem Wissen, dass die Aufgabe der Filmmusik es auch ist, mal eben nicht zu ertönen! Von den beiden aktuellen „Bat“ Musiken ziehe ich einen druchdachten Nightwing dem überproduzierten Sounddesignkonzepts eines Dark Knight (im Gegensatz dazu fand ich den Film allerdings ganz stark!) auf jeden Fall vor.

Leider ist die Scheibe wieder in Windeseile ausverkauft gewesen und so kann sich eigentlich glücklich schätzen, wer diese wirklich tolle und so andere Mancini-Musik geniessen kann, die wirklich eine gelungene Überraschung darstellt. Zwei source music Tracks aus Mancinis Feder wurden dankenswerterweise ans Ende der CD gesetzt, so dass rund 41 Minuten Score übrig bleiben).
Die Liner Notes sind wie desöfteren beim Varèse Club leider wieder recht enttäuschend ausgefallen. Nur sehr spärliche Infos zum Film und noch weniger Infos zur Musik als solche (keine Angaben zum Orchester, nur ein paar Interviewfetzen von Mancini, die aber nichts mit dem Film zu tun haben, keine Äusserungen Aussenstehender zu Musik oder Film).

Phil, 17.4.2009

 

NIGHTWING

Henry Mancini

Varèse Sarabande Club
VCL 0309 1091

44:23 Min. / 23 Tracks

 

 

 

 

 

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