The Luck of the Irish

Filmmusik mit irischem Einschlag

von Andi Süess

So rasch handelt man sich einen Job ein. Als ich im Zusammenhang mit der La La-Land-Veröffentlichung von FAR AND AWAY Phil gegenüber beiläufig erwähnte, dass ich irische Volksmusik mag, sah ich mich unversehens mit der Aufgabe konfrontiert, über Filmmusik mit «irischem Einschlag» zu schreiben. Zunächst der Meinung, das lohne sich nicht, weil ich nicht viele derartige Scores kennen würde, wurde ich bald eines Besseren belehrt, wie an der Menge, die da schliesslich zusammengekommen ist, unschwer zu erkennen ist.

Ein nächstes Problem kam schnell auf mich zu. Wie sind Scores einzuordnen – und davon gibt es nicht wenige – die zu in Schottland angesiedelten oder von Schotten handelnden Filmen geschrieben wurden, aber eher irisch klingen? Könnte man dieses Dilemma nicht elegant umgehen, indem man die ganze Angelegenheit als «Filmmusik mit keltischem Einschlag» bezeichnen würde? Denn obschon die keltische Musik auch Wales oder die westfranzösische Region Bretagne umfasst, dürften die meisten Leute hauptsächlich die Volksmusik Schottlands und Irlands, die sich in ihren Liedern bezüglich Melodieführung und -bewegung doch recht ähnlich ist, damit verbinden.

Der Hund liegt wohl letztlich in der Verwendung landestypischer Instrumente begraben. Während Schottland ausser Pipes & Drums nicht soviel zu bieten hat, kennen wir von den Iren ein ganzes Arsenal an Klangkörpern, bei denen wir automatisch an die grüne Insel denken. So wie der Dudelsack untrennbar mit Schottland verbunden ist, ist dessen kleinerer Bruder, die Uilleann Pipes, durch und durch irisch. Tin Whistle (auch Pennywhistle genannt), Holzquerflöte (Irish Flute), Bodhrán (Rahmentrommel), Fiddle und Celtic Harp (ebenso wie der Leprechaun und das dreiblättrige Kleeblatt ein Nationalsymbol Irlands) gehören zu den Protagonisten der irischen Volksmusik, und wenn sie in der Filmmusik auftauchen, ist der «irische Einschlag» eigentlich schon gegeben. Damit ist das Angebot aber noch nicht erschöpft, denn auch Irish Bouzouki, Banjo, Gitarre, Mandoline und Akkordeon (bevorzugt Knopfakkordeon) gehören zu den traditionellen Instrumenten Irlands.

Ich werde im Folgenden nicht detailliert auf die einzelnen, alphabetisch angeordneten Scores eingehen – das würde den Rahmen angesichts der grossen Menge sprengen – sondern mich auf das Wesentliche konzentrieren. Ausser der Musik zur COLUMBO-Episode THE CONSPIRATORS ist oder war meines Wissens alles in irgend einer Form offiziell erhältlich.

A

ALAMO, THE (2004). Nicht um den John-Wayne-Klassiker geht es hier, sondern um die 2004er-Verfilmung über die geschichtsträchtige Schlacht zwischen Texas und Mexiko, mit Dennis Quaid, Billy Bob Thornton, Jason Patric und Patrick Wilson in den Leads. Natürlich lässt Carter Burwell musikalischerseits die involvierten Nationen und die mit dem Ereignis verbundenen, wechselvollen Gefühle nicht ausser Acht, räumt aber mit typischen Instrumenten auch dem Irischen einigen Platz ein. Das reicht von ruhigen und wehmütigen Momenten bis zu martialischen Stimmungen. Wobei ich mit der Thematik zu wenig vertraut bin um zu beurteilen, ob der Einsatz solcher Klänge überhaupt gerechtfertigt ist. Das ändert allerdings nichts an der Tatsache, dass sich Burwell hier einmal mehr als sehr kompetenter Komponist erweist.

B

BLACK BEAUTY (1994). Anna Sewells Roman über einen schwarzen Hengst diente mehrfach als Vorlage für Film- und TV-Produktionen. Für diese Adaption von Regisseurin Caroline Thompson wurde Danny Elfman verpflichtet. Obwohl in England angesiedelt, dringt zuweilen – besonders im Umfeld des Hauptthemas – durch Einsatz von Tin Whistle und entsprechende Violin-Bearbeitungen ein wenig irisches Ambiente durch. Auch wenn ein guter Schuss von Elfmans düsterer Seite zu vernehmen ist, handelt es sich bei diesem vorwiegend romantischen, verspielten und pastoralen Score um eine eher ungewohnte Arbeit des Komponisten.

BRAVEHEART (1995). Und schon haben wir das erste Beispiel einer Filmmusik, die trotz schottischem Sujet eher irisch daherkommt. Es handelt sich hierbei um James Horners oscar-nominierten Score zu Mel Gibsons Epos über den schottischen Freiheitskämpfer William Wallace, der zu einem seiner auch ausserhalb der Filmmusik-Enthusiasten wahrgenommenen und populärsten vor TITANIC werden sollte und in bezug auf die irische Komponente zeitweilig durchaus als eine Art Vorläufer zu diesem betrachtet werden kann. Uilleann Pipes, irische Flöten und Bodhrán verweisen eher auf die grüne Insel als auf die schottischen Highlands, der unbestreitbaren Qualität der Musik tut dies jedoch keinen Abbruch.

C

CIDER HOUSE RULES, THE (1999). Rachel Portmans oscar-nominierte Musik zu Lasse Hallströms wunderbarem Film um den im Waisenhaus zum Arzt ausgebildeten Homer Wells, den es auf eine Apfelfarm verschlägt, verströmt vor allem im vom Klavier geprägten, sanften Hauptthema ein klein wenig irisches Feeling, aber auch die dort und in Nebenthemen zu hörenden Holzbläser gehen in diese Richtung.

CIRCLE OF FRIENDS (1995). Mit Chris O’Donnell und Minnie Driver in den Hauptrollen und im Irland der 1950er-Jahre angesiedelt, wird dieser Film musikalisch von Michael Kamen betreut und ist für ihn insofern typisch, als dass sein Score thematisch auf dem Titelsong aufgebaut ist. «You’re the One» ist ein Gemeinschaftswerk mit Shane MacGowan – einstiger genialer musikalischer Kopf und Frontmann der kultigen Folk-Punk-Band «The Pogues» – und als Duett von Máire Brennan und MacGowan mit seiner unverwechselbaren, vom Leben schon recht gezeichneten Stimme als Eröffnung zu hören (die etwas anders arrangierte Reprise mit Brennan alleine schliesst den Score ab). Mit seinem eingängigen, irischen Charakter ist mir dies der liebste Filmsong Kamens überhaupt. Einfühlsame Bearbeitungen des Themas findet man im volksliedhaften «Air» mit Irish Flute im Mittelpunkt und in den sehnsüchtig-verträumten «Benny & Jack» und «Father’s Death» im filigranen Spiel von Harfe und Klavier. Eine insgesamt zwar unspektakuläre, aber umso einnehmendere Musik.

COLUMBO: THE CONSPIRATORS (1978). In dieser die erste COLUMBO-Ära abschliessende Folge kriegt es Peter Falk mit Clive Revill als irischer Freiheitskämpfer zu tun. Nebst ein wenig Blues verwendet Patrick Williams in seinem nicht allzu gross wirkenden Ensemble Tin Whistle, Fiddle und Harfe und prägt damit die spannungsvolle, aber auch mit subtilem Humor durchsetzte Musik. Recht modern und minimalistisch und wie so viele COLUMBO-Scores eine Veröffentlichung mehr als wert.

D

DEAD, THE (1987). John Hustons letzter Film – nach James Joyces «The Dubliners» – enthält einen kurzen Alex-North-Score. Mit wehmütigen, düsteren, aber auch tröstlichen Klängen unterlegt North eine Abendgesellschaft, in der es viel «menschelt». Das 16-köpfige Orchester besteht aus keltischer Harfe, Violinen, Bratschen, Celli, Bass, Flöte, Oboe und Keyboard. Das Hauptthema basiert auf der irischen Ballade «The Lass of Aughrim», die am Schluss von Frank Patterson sehr leidenschaftlich dargebracht wird. Eine passendere Abschiedsmusik hätte sich Huston, der auch irisches Blut in sich hatte, kaum wünschen können.

DEVIL’S OWN, THE (1997). Der letzte Horner-Score, bevor der Komponist mit TITANIC in andere Sphären abhob, und wie dieser irisch eingefärbt und damit in Einigem recht verwandt. Ein IRA-Terrorist (Brad Pitt) findet in New York unter falschem Namen bei einem ahnungslosen Cop (Harrison Ford) Unterschlupf. Wie so oft schreibt Horner gemeinsam mit Will Jennings einen Titelsong; «There Are Flowers Growing Upon The Hill» wird von Sara Clancy sowohl in einer gälischen als auch in einer englischen Version gesungen und ist instrumental vor allem für ruhige und sorglose Momente vorgesehen. Uilleann Pipes, irische Flöten, Badhrán sowie die von Horner gern eingesetzte Shakuhachi, aber auch Nachdenkliches, Tragisches, Volkstümliches und perkussive Action charakterisieren diesen mehr als ordentlichen Score, der vom Luxusliner-Epos leider förmlich weggespült wurde.

E

EVELYN (2002). Dublin 1953. Als seine Frau den arbeitslosen Desmond (Pierce Brosnan) verlässt, kommen die gemeinsamen Kinder (darunter Evelyn) auf behördliche Anweisung ins Waisenhaus. Zurück im Berufsleben, beginnt Desmonds Kampf um die Kids. Stephen Endelman findet in seiner Musik, in der er auch irisches Liedgut verarbeitet, angemessene Klänge im Bereich von Sentimentalität, Wehmut und Verzweiflung, hat nebst ein wenig Minimalismus aber auch Zeit für Aufmunterung durch Tanzmusik. Und Pierce Brosnan versucht sich in «On The Bank Of The Roses» und «The Parting Glass» als Balladen-Sänger. Im Gegensatz zum Film, wo in den End Credits die für die Lyrics von «Angels Rays» verantwortliche Gemma Hayes zu hören ist, kommt auf dem Album Sissel zum Zug.

EVERLASTING PIECE, A (2000). Eine in Belfast spielende Komödie, wo ein Katholik und ein Protestant zusammen in Sachen Perücken unterwegs sind. Hans Zimmer rockt Irland, bereits zu Beginn geht es mit Drums, Fiddles und E-Gitarren temperamentmässig so richtig zur Sache. Nebst solchen, manchmal fast improvisiert wirkenden Klängen ist der Komponist mit Akkustik-Gitarren, Bouzouki, Badhrán und Uilleann Pipes zuweilen aber auch traditioneller und ruhiger unterwegs. Eine erfrischend-sympathische Arbeit Zimmers.

F

FAR AND AWAY (1992). Ron Howards Epos über ein junges irisches Liebespaar (Tom Cruise und Nicole Kidman), das wegen familiären Konflikten Ende des 19. Jahrhunderts in die USA flieht, um in Oklahoma Land zu ergattern, enthält dank der vereinten Kräfte von John Williams, «The Chieftains» und Enya eine der eindrücklichsten irischen Filmmusiken überhaupt, die von einfacher, traditioneller Volksmusik bis zu grossorchestralen «bigger-than-life»-Momenten viele Emotionen abdeckt, und ausserdem wird auch der amerikanische Teil grosszügig bedacht. Die Themen und ihre Verarbeitung sind ganz hohe Schule, was wäre von Williams auch anderes zu erwarten? «End Credits» gehört zu meinen absoluten Lieblingstracks des Komponisten.

FIELD, THE (1990). Von 1988 bis 1990 hatte Elmer Bernstein mit DA, MY LEFT FOOT und THE FIELD eine kurze irische Phase. THE FIELD handelt von «Bull» McCabe (Richard Harris), der mit allen Mitteln verhindern will, dass ein seit Generationen von seiner Familie bestelltes Feld einem Highway zum Opfer fällt. Vom Grundcharakter her zwar dunkel und von Schwermut behaftet, zu der die Uilleann Pipes das ihrige beitragen, gibts zur Auflockerung gelegentlich auch liebliche und verspielte Holzbläser. Einzig auf das bei Bernstein damals unverzichtbare, vermaledeite Ondes Martenot könnte man gut und gern verzichten.

G

GANGS OF NEW YORK (2002). Und gleich nochmals Elmer Bernstein mit seinem verworfenen Score zu Martin Scorseses grimmiger Erzählung über das kriminelle New York der 1860er-Jahre. Gleich zu Beginn versetzt uns die Uilleann Pipes in irische Befindlichkeit. Die Bandenkriege untermalt Bernstein mit mächtigen, von Blech, Trommeln und Amboss erzeugten Klängen, das «Dis Irea» wird zitiert und eine klagende Frauenstimme ist zu vernehmen. In dieser Fasson geht es in meist kurzen Tracks weiter, dazwischen gibt es aber auch ruhigere, elegische Momente, Märsche und Verarbeitung von Zeitgenössischem wie «Battle Cry of Freedom». Nebst den oft eher kämpferischen Uilleann Pipes verbreiten sporadisch eingesetzte, ebenfalls gelegentlich angriffige Flöten irisches Ambiente. Ein Jammer, dass Bernsteins zweitletzter Filmscore nicht zum Einsatz kam.

GRABBERS (2012). Als blutdürstige Aliens auf einer kleinen irischen Insel landen und die spärliche Einwohnerzahl nach und nach dezimieren, stellt sich alsbald heraus, dass ein hoher Alkoholpegel lebensrettend ist. Also verschanzt man sich im örtlichen Pub, wo genügend Tranksame zur Verfügung stehen. Eine vergnügliche Horrorkomödie mit schrulligen Typen und Kreaturen wie lovecraft’sche Meeresungeheuer, die im Frühstadium als gefrässige Würmer daherkommen und sich wie die Gremlins aufführen. Die Musik von Christian Henson weist leichte Anleihen bei Herrmann, Williams und Goldenthal auf, nimmt nach einem eher spannungsvollen Beginn immer mehr Fahrt auf und macht mit groteskem Humor und feiner Action recht viel Spass. Vor allem beim zumeist romantischen, aber durchaus auch schon mal wehrhaften Hauptthema wird Bezug auf den irischen Schauplatz genommen.

GREY FOX, THE (1982). Richard Farnsworth spielt in diesem auf Tatsachen beruhenden Film den sich durch seine Höflichkeit auszeichnenden, amerikanischen Postkutschen-Räuber Bill Miner (der als erster den Befehl «Hände hoch» benutzt haben soll), der nach Entlassung aus dem Gefängnis nach Kanada geht, um dort Züge zu überfallen. Die Musik-Credits teilen sich auf der LP (den Score gibts bislang noch nicht auf CD) Michael Conway Baker und «The Chieftains». Während Baker vor allem bei seinen drei Versionen von «The Big Ride» ein klein wenig irisches Flair verströmt, sind die teils lebhaften, teils ruhigen, von Paddy Moloney und Martin Fay verfassten Stücke Irland pur. Welche Verbindung es bei diesem Film zur grünen Insel gibt, entzieht sich indes, da noch nie gesehen, meiner Kenntnis.

H

HIGH SPIRITS (1988). Ein in ein Hotel umfunktioniertes, irisches Schloss soll für seine Gäste ein wenig aufgepeppt werden, indem die Belegschaft des Nachts in den Räumlichkeiten herumspukt. Wäre alles halb so schlimm, wenn sich nicht in einem Bus, der amerikanische Touristen herankarrt, auch echte Geister befänden. Diese Komödie ist mit u. a. Peter O’Toole, Steve Guttenberg, Beverly D’Angelo, Daryl Hannah und Liam Neeson beachtlich besetzt, und Regisseur Neil Jordan zählt einmal mehr auf die Dienste George Fentons. Der erzeugt mit seiner Musik zum einen durch Chöre, gruseligen Frauengesang, gespenstisches Spinett und Wind-Effekte des Öfteren leichte Gänsehaut, im Kontrast dazu haben wir die irische Komponente, wo insbesondere beim schwungvollen Hauptthema die Fiddles ein zügiges Tempo vorgeben. Insgesamt ein sehr vergnüglicher Fenton.

I

INFORMER, THE (1935). Als Gypo Nolan aus der Dubliner Rebellenorganisation ausgeschlossen wird und zudem seine Verlobte zur Prostutition gezwungen ist, verrät er aus Verzweiflung seinen besten Kumpel Frankie an die Engländer. Für diesen Film wurde nebst Regisseur John Ford und Hauptdarsteller Victor McLaglen auch Max Steiner mit einem Oscar ausgezeichnet. Seine Musik, von der rund 11 Minuten des Filmoriginals sowie kurze, von ihm selbst und Charles Gerhardt dirigierte Neueinspielungen existieren, ist vor allem im als Hauptthema dienenden Marsch irisch gefärbt, ansonsten macht Steiner Gebrauch von «The Minstrel Boy», was allerdings aus keiner der veröffentlichten Suiten ersichtlich ist. Dieser patriotische irische Song taucht des Öfteren in der Filmmusik auf, am markantesten vielleicht in Maurice Jarres THE MAN WHO WOULD BE KING.

INNER LIGHT, THE (1992). Für diese, eine der beliebtesten Episoden von STAR TREK: THE NEXT GENERATION, schuf Jay Chattaway mit einer friedlichen, direkt ins Herz gehenden Melodie einen die Fernsehserie definierenden musikalischen Momente. Captain Luc Picard spielt auf einer ressikanischen Flöte. In Wirklichkeit zwar eine Sopran-Blockflöte, deren Klang jedoch der Tin Whistle nicht unähnlich ist, und auch die Spielweise lässt an Irland denken.

INTO THE WEST (1992). Ein weiterer Film um ein Pferd, in diesem Fall ein geheimnisvoller weisser Hengst, der plötzlich bei einem alten Mann und seinen zwei Enkeln auftaucht. Im Verlauf der Handlung wird das Tier gestohlen, von den Jungs jedoch wieder aufgespürt, und sie begeben sich gemeinsam mit ihm auf die Flucht. Patrick Doyle produziert in seinem – zumindest auf CD – kurzen Score typische irische Klänge, ruhige Momente mit Solo-Gitarre, mythische, durch Frauengesang verstärkte Passagen und streift durch idyllische, düstere, suspensvolle, trauernde und abenteuerliche, actionbetonte Gebiete.

J

JUDE (1996). Michael Winterbottoms Liebesdrama mit Christopher Ecclestone und Kate Winslet unterlegt Adrian Johnston mit Musik voller zurückhaltender Romantik und Tragik – manchmal von Solisten vorgetragen – die oft herbstlich-neblige oder winterliche Stimmungen heraufbeschwört, daneben gibt es lebhaftere, volkstümliche Klänge mit Tin Whistle, Akkordeon und Fiddle, aber auch anderen Holzblasinstrumenten und Klavier. Das vermutliche Hauptthema ist gelegentlich von spieldosen-artigem Charakter. Wer etwas fürs Gemüt und zur Nervenberuhigung braucht, ist hier gut bedient.

K

KIDNAPPED (1978). Anderswo als 13-teilige Mini-Series, lief diese Produktion im deutschsprachigen Raum unter dem Titel DIE ABENTEUER DES DAVID BALFOUR als Weihnachts-Vierteiler. Für die musikalischen Geschicke zeichnete wie schon bei anderen Vierteilern wie TOM SAWYERS UND HUCKLEBERRY FINNS ABENTEUER und MICHAEL STROGOFF Vladimir Cosma verantwortlich. Und wieder einmal wird eine in Schottland spielende Story irisch aufbereitet, zumindest legen Uilleann Pipes, Tin Whistle und Fiddle dies nahe. Daneben ist aber auch eine Maultrommel wesentlicher Bestandteil des Scores. Zwei wichtige Themen sind zu verzeichnen: «Catriona» und das bittersüsse Hauptthema «David’s Song», das auch durch die zweifelhafte Ehre, für ein Lied der Kelly Family herzuhalten, grosse Bekanntheit erlangte.

L

LEPRECHAUN (1993). Der Leprechaun gehört zu den Naturgeistern der irischen Mythologie und gilt als eines der Wahrzeichen des Landes. Wenig verwunderlich also, dass er – wie in dieser Horrorkomödie mit Kino-Debütantin Jennifer Aniston – auch zu filmischen Ehren kam, wenn auch in diesem Falle wohl wenig schmeichelhaft. Kevin Kiner steuert dazu einen soliden, teils mit Elektronik angereicherten Orchesterscore bei, und er stellt dem Giftzwerg im Umfeld des Hauptthemas gerne nicht immer ganz ernst gemeinte Flötentöne zur Seite.

LORD OF THE RINGS (2001–2003). Dank seiner monumentalen Musik für Peter Jacksons wegweisende Tolkien-Trilogie war Howard Shore plötzlich in aller Munde, respektive Ohren. Inspiriert von Wagner und Volksmusik aller Art, spielt auch das Irische eine tragende Rolle, und das nicht nur wegen Interpreten wie Enya und Sir James Galway. Bei den Themen für die Hobbits und ihre Heimat, das paradiesische Auenland (The Shire) handelt es sich wohl mit um die bekanntesten der mit Themen reich gesegneten Filme, und diese Musik beschreibt nebst anderen Stimmungen mit Tin Whistle, Irish Flute und Streichern die Idylle des Auenlandes, aber auch den humorvollen und sorglosen Charakter der Hobbits.

LUCK OF THE IRISH, THE (1948). Im Golden Age war es nicht üblich, für Filmmusik landestypische Instrumente zu verwenden, sondern die gewünschten Assoziationen wurden mit Bearbeitungen für traditionelles Sinfonieorchester erweckt. So auch bei Cyril Mockridge für diese Fantasy-Komödie von Henry Koster mit Tyrone Power, der als US-Reporter in Irland einen Leprechaun und ein junges Mädchen kennenlernt, die nach seiner Rückkehr nach New York auf wundersame Weise urplötzlich auch im Big Apple auftauchen. Die liebenswerte Musik befasst sich sowohl mit der sentimentalen wie auch der heiteren Seite Irlands. Nebst Einbindung von ein paar Volksliedern (darunter das eigentlich englische «Greensleeves») findet Mockridge auch passende Momente für den Leprechaun und die Fantasy-Elemente des Films.

M

MEMPHIS BELLE (1990). Diesen auf Tatsachen beruhenden WW2-Streifen um einen B-17-Bomber, der seine «Tour of Duty» (25 Einsätze) erfolgreich beendet, stattet George Fenton mit einem sehr schönen Score aus, der nebst ein paar von ihm neu arrangierten Stücken aus der Swing-Ära viel militärische Musik mit getragenen, hymnischen, aber auch melancholischen Themen beinhaltet. Sowohl Irland als auch Schottland kommen zu Ehren, denn nebst einem kurzen Auftritt von «Amazing Grace» spielt mit «Londonderry Air»/«Danny Boy» eine der bekanntesten irischen Melodien eine wesentliche Rolle, was mit dem Bordfunker der Memphis Belle, dem Iren Danny «Danny Boy» Daly (Eric Stoltz) zusammenhängt.

MICHAEL COLLINS (1996). In diesem Film von Neil Jordan spielt Liam Neeson den Führer des von 1919 bis 1922 dauernden, irischen Unabhängigkeitskampfes. Der unter die Haut gehende, oscar-nominierte Score stammt von Elliot Goldenthal und gehört zu seinen besten. In die mehrheitlich harsche und martialische Musik werden auch Whistles und Uillean Pipes eingebunden, erstere entgegen ihres ansonsten eigentlich eher harmlosen Klanges. Auch Hackbrett und Akkordeon kommen zum Einsatz. Für wohlverdiente Ruhepausen sorgt ein Thema voller irischer Sentimentalität, und im vokalen Bereich sind nebst Chor ein paar wehmütige, von Sinéad O’Connor intonierte Songs zu hören.

MIGHTY, THE (1998). Die berührende Geschichte über die ungewöhnliche Freundschaft zweier Jungs – beide Aussenseiter, der eine wegen des Morbus-Morquio-Syndroms, der andere wegen seines Übergewichts – inspiriert Trevor Jones zu einem sehr hörenswerten Score. Gefühl- und humorvolle Passagen wechseln sich ab mit Fantasy-Elementen und typischer, oft etwas formalhafter Dramatik, wie man sie vom Komponisten gewohnt ist. Irisches Flair strahlt insbesondere das superbe, von positiver Energie erfüllte Hauptthema aus, das nebst Mundharmonika mit Gitarren, Flöten und Fiddles aufwartet.

THE MOLLY MAGUIRES (1970). Pennsylvania 1876. Irische Kumpel eines Kohlebergwerkes vereinigen sich zu den «Molly Maguires», um mit Gewaltakten gegen die unmenschlichen Arbeitsbedingungen ihrer Firma vorzugehen. In Martin Ritts Verfilmung sind Sean Connery und Richard Harris zu sehen, und den Score dazu erachtete Henry Mancini als einen seiner besten. Er wollte in seiner zwar melodiösen, aber zugleich dramatischen Musik die üblichen Klischees vermeiden, und das ist ihm trotz traditioneller Instrumente wie Celtic Harp, Akkordeon und Tin Whistle vorzüglich gelungen. Auch wenn die Musik nach Harmonie strebt, bleibt sie nie ganz frei von Spannungen, und die Dramatik ist von explosiver Natur. In der Tat handelt es sich hierbei um einen recht besonderen Score im irischen Bereich.

Eine interessante Angelegenheit ist der kurze, verworfene Score von Charles Strouse, der sich zwischen sehr modern und traditionell hin und her bewegt. Nebst irischem Klanggut ist auch ein wenig Americana zu vernehmen.

N

NELL (1994). Jodie Foster spielt in diesem Film von Michael Apted den titelgebenden Charakter; ein Mädchen, das völlig abgeschnitten von der Zivilisation mutterseelenallein in einer Waldhütte lebt, bis es von einem ansässigen Doktor (Liam Neeson) entdeckt wird. Dem Alltag entrückt und in eine wohltuende Natur eingebettet fühlt man sich auch beim Hören von Mark Ishams wunderschönem Score, der praktisch bar jeglicher menschlichen Hektik zum Träumen und Entspannen einlädt. Hier aufgelistet ist er seines Hauptthemas wegen, das als eines der wenigen in die ungestörte Idylle eindringenden Elemente mit seinen Fiddles und Flöten dem irischen Bereich zugeordnet werden kann.

O

ODD MAN OUT (1947). Carol Reed lässt James Mason als verwundeten, nordirischen Nationalisten ein sicheres Versteck im winterlichen Belfast suchen, während die Stadt in einer wahren Menschenjagd nach ihm durchkämmt wird. Düster, dramatisch, tragisch, verzweifelt, elegisch, erlösend – das sind die Hauptattribute von William Alwyns kraftvoller Musik, und in diesen Befindlichkeiten ist auch – meist in Form des grossen, sinfonischen Klanges – das Irische dieses Scores zu finden. Eine grossartige Musik für einen grossartigen Film.

P

PRAYER FOR THE DYING, A (1987). Martin Fallon (Mickey Rourke), ein IRA-Terrorist, sprengt versehentlich statt eines Militär-Trucks einen Schulbus in die Luft, was für ihn weitreichende Konsequenzen hat. Der endgültige Score für diesen Film stammt von Bill Conti, hier soll aber die nicht verwendete Musik von John Scott etwas näher vorgestellt werden. Der Komponist begnügt sich mit sieben Musikern plus einem Sopran. Die keltische Harfe ist für die landestypische Komponente besorgt, für eigenwilligen Kontrast sorgt vor allem eine E-Gitarre, und auch Keyboards sind mit im Spiel. Man könnte diesen nicht ganz alltäglichen Score als eine Mischung aus leichter Klassik und Pop bezeichnen. Vielleicht tatsächlich am Film vorbei komponiert und nicht wirklich etwas, was man von John Scott erwarten würde. Mit der Qualität der Musik an sich hat das alles jedoch nichts zu tun.

PREMATURE BURIAL, THE (1962). Nach einer Kurzgeschichte von Edgar Allan Poe spielt Ray Milland unter der Regie von Roger Corman den Protagonisten Guy Carrell, der alle erdenklichen Vorkehrungen trifft, um ja nicht lebendig begraben zu werden, aber trotz alledem seinem Schicksal kein Schnippchen schlagen kann. Ronald Stein schrieb einen für das Genre und die Zeit typischen Score, will heissen, Schreckens- und Schockmomente gibt es reichlich, aber auch an Spannung wird nicht gespart. Das alles wäre an sich noch kein Grund, hier aufgeführt zu werden, aber da das als inoffizielle Hymne Dublins geltende «Molly Malone» als thematische Basis für die Musik dient, steht dem nichts im Weg. Stein setzt den Song wegen seines Refrains «Cockles and mussels, alive, alive-oh» bewusst ironisch ein.

Q

QUENTIN DURWARD (1955). Richard Thorpe und Robert Taylor nach IVANHOE und KNIGHTS OF THE ROUND TABLE mit einem weiteren gemeinsamen Ritterfilm, aber diesmal ohne Miklós Rózsa, sondern mit Bronislau Kaper. Der komponiert eine charmante und muntere Swashbuckler-Musik, bei der auch Humor und Romantik nicht zu kurz kommen, und weil der von Taylor verkörperte Titelheld aus dem Norden Grossbritanniens stammt, gibts als Hauptthema einen flotten schottischen Jig. Aber da das Liebesthema als weiteres wichtiges Element unbestreitbar irische Qualitäten aufweist, verschwimmen hier die beiden Nationen musikalisch einmal mehr. Die Farbgestaltung, die man dem Cover der FSM-CD verpasst hat, macht die Sache auch nicht klarer, da sie eher auf Irland hindeutet.

QUIET MAN, THE (1952). Die beiden oft zusammenarbeitenden Johns (Ford und Wayne) für einmal nicht mit einem Western, sondern einem Film über einen Boxer, der nach einem tragischen Vorfall seine Karriere beendet und aus Amerika in sein irisches Heimatdorf zurückkehrt, wo er durch den Kauf seines Geburtshauses nicht nur Victor McLaglen gegen sich aufbringt, sondern sich darüber hinaus ausgerechnet auch noch in dessen Schwester Maureen O’Hara verliebt. Dieser ungemein populäre Streifen – eine Herzensangelegenheit Fords und O’Haras Favorit innerhalb ihres Werks – ist wohl der quintessenzielle Hollywood-Film in Sachen Irland; dass er dabei durch die Bilderbuch-Präsentation und sämtliche Klischees bedienend bloss einer Wunschvorstellung entspricht, wird jedem Zuschauer klar sein. Aber gerade das Märchenhafte macht den Reiz von THE QUIET MAN aus, und zu diesem trägt auch die Musik massgeblich mit bei. Man könnte Victor Young den Vorwurf machen, er habe sich durch die Verwendung zahlreicher irischer Traditionals (vielleicht auf Wunsch von Ford, der immer gerne volkstümliche Musik in seinen Filmen hatte) ins gemachte Bett gelegt, aber deren Verarbeitung – und das ist ja das Wesentliche – ist perfekt auf den Film abgestimmt. In den Bereichen von Humor, Herzlichkeit und Action launig orchestriert und im Romantischen direkt ins Herz gehend, ist die Musik ein grosser Genuss. Nebst «Rakes of Mallow» und «The Kerry Dance» ist es insbesondere der zauberhafte, damals noch recht neue Dick-Farrelly-Song «Isle of Innisfree» – von Young zum Haupt- und Liebesthema erkoren – der dem Score seine ausserordentliche Liebenswürdigkeit verleiht.

R

ROAD TO PERDITION (2002). Dieser in allen Bereichen hervorragend gemachte Film von Sam Mendes ist im Amerika der 1930er-Jahre angesiedelt und spielt im Milieu der irischen Mafia. Der loyale Auftragskiller Michael Sullivan (Tom Hanks) verliert die Gunst seines Bosses John Rooney (Paul Newman), als sein Sohn Michael herausfindet, womit der Papa sein Geld verdient, was die Hälfte der Familie postwendend das Leben kostet, während Michael sr. und Michael jr. zunächst die Flucht gelingt. Für die Musik ist Mendes‘ Hauskomponist Thomas Newman zuständig, der, wie man es von ihm gewohnt ist, sowohl schwermütige Themen wie auch experimentelle Klänge produziert. Vor allem zu Beginn geht er er mit Instrumenten wie Uillean Pipes, diversen Flöten, Irish Bouzouki und Bodhrán auch auf die irische Komponente der Story ein. Insgesamt ein recht starker Score des Komponisten.

ROB ROY (1995). Praktisch gleichzeitig mit BRAVEHEART entstanden und so etwas wie dessen kleiner Bruder, steht doch ein weiterer schottischer Rebell und Volksheld im Fokus. Mit Liam Neeson, Jessica Lange, John Hurt und Tim Roth stark besetzt, und auch Carter Burwells Musik mit ihrem melancholischen Hauptthema kann sich hören lassen. Wie James Horner scheut sich Burwell nicht, irische Instrumente einzusetzen, die sowohl im Dramatischen wie auch im Volkstümlichen ihren Dienst tun. Weitere Merkmale seines Scores sind weibliche Gesangseinlagen, die verschiedene Gefühlslagen zum Ausdruck bringen, sowie im martialischen Bereich an Basil Poledouris‘ CONAN THE BARBARIAN erinnernde Perkussion.

RUDY (1993). Obwohl kleingewachsen und sportlich nicht sehr begabt, ist es der grosse Traum von Daniel E. «Rudy» Ruettiger (Sean Astin), für die renommierte Football-Mannschaft von Notre Dame, Indiana, zu spielen. Bei dieser Universität handelt es sich um eine urirische Institution, was ich nicht wusste (danke Phil für die Aufklärung), und damit erklärt sich auch das von Flöte und Harfe hervorgerufene, irische Gefühl bei Jerry Goldsmiths berührend-verträumtem Hauptthema – eines seiner memorabelsten aus den 1990er-Jahren – das wohl einer der Gründe dafür ist, dass dieser Score nicht nur von den Fans so sehr geliebt wird, sondern auch bei Goldsmith selbst einen hohen Stellenwert hatte.

S

SECRET OF KELLS, THE (2009). Im Irland des 8. Jahrhunderts lebt der Waisenknabe Brendan in Kells, der abgeschiedenen Abtei seines Onkels. Während der damit beschäftigt ist, seine Gemeinschaft gegen die näher rückenden Wikinger zu schützen, hilft Brendan dem berühmten Buchmaler Aidan heimlich, da vom Onkel untersagt, das Buch von Iona zu vollenden, wobei er Unterstützung von Aidans Katze Pangur Bán und der Waldfee Aisling erhält. Dieser mit Ornamenten und Symbolen wundervoll gestaltete, poetische Animationsfilm erhält mit Bruno Coulais einen kongenialen musikalischen Partner, der nebst Mönchs-, Kirchen- und Kindergesang sowie vielfältiger Perkussion einer mystischen und archaischen, lange zurückliegenden Zeit nachspürt. Sein Hauptaugenmerk gilt indes der irischen (oder in diesem Fall wohl keltischen) Musik, die in konventionellen Bearbeitungen vertraut, durch exotische Spielweisen z. B. der Uilleann Pipes aber auch ziemlich einzigartig daherkommt. Daher ebenso eigenwillig und faszinierend wie der Film.

SHAKE HANDS WITH THE DEVIL (1959). Dublin 1921. Ein irisch-amerikanischer Student (Don Murray) gerät aufgrund des Einflusses eines Professors (James Cagney), der ein Doppelleben als IRA-Leader führt, in blutige Auseinandersetzungen mit den Black and Tans. Die packende Musik dazu stammt von William Alwyn, der auf eher düsteren Pfaden die Bereiche Spannung, Dramatik, Trauer und Tragik beschreitet. Besonders im Zusammenhang mit letzteren beiden Gefühlslagen ist des öfteren ein schwermütiges, irisches Motiv zu vernehmen.

SHIPPING NEWS, THE (2001). Schauplatz dieses Lasse-Hallström-Films ist ein kleines Fischerdorf in Neufundland, wohin sich der psychisch angeschlagene Quoyle (Kevin Spacey) nach dem Tod seiner untreuen Ehefrau gemeinsam mit Tochter Bunny zurückzieht, um sich bei der örtlichen Zeitung, wo er für Schiffsmeldungen und Autounfälle zuständig ist, eine neue Existenz aufzubauen. Vermutlich, weil im 19. Jahrhundert viele Iren nach Neufundland auswanderten, schlägt sich ihre Volksmusik in der Musik nieder. Christopher Young jedenfalls verbreitet nicht nur, aber vor allem durch sein schwungvolles Hauptthema mit Tin Whistle und Bodhrán entsprechendes Ambiente vom allerfeinsten. Uilleann Pipes und keltische Harfe sind auch mit von der Partie. Liebhaber irischer Musik kommen bei diesem tollen Score voll auf ihre Kosten.

SINFUL DAVEY (1969). John Hustons in Irland gedrehte Abenteuer-Komödie über den (schottischen!) Dieb und Wegelagerer Davey Haggart (John Hurt) kriegt von Ken Thorne einen monothematischen Score verpasst. Vom von Esther Ofarim gesungenen Titelsong über all die abenteuerlichen, humoristischen und romantischen Inkarnationen bestimmt das gut gelaunte Hauptthema das musikalische Geschehen und verliert dank mannigfaltigen und engagierten Bearbeitungen kaum je seinen Reiz. Ein kurzweiliger, rund halbstündiger Spass.

T

TAXI MAUVE, UN (1977). Dieser Film von Yves Boisset besteht aus mehreren ineinander verwobene Geschichten, die sich im ländlichen Irland abspielen. Verbunden werden sie durch einen alten Arzt, der in einem malvenfarbenen Taxi zu seinen Patienten unterwegs ist. Eine internationale Top-Besetzung mit Charlotte Rampling, Philippe Noiret, Peter Ustinov und Fred Astaire ist zu bewundern. Philippe Sarde steuert eine sensible, streicherlastige Musik bei. Irische Instrumente wie Uilleann Pipes, keltische Harfe oder die am Hauptthema mitbeteiligten Flöten drängen sich selten für längere Zeit in den Vordergrund. Ein lüpfiger Volkstanz und eine kurz aufspielende Blaskapelle sind wohl eher dem Bereich Source-Musik zuzuordnen.

TITANIC (1997). Über dieses Phänomen ist schon hinlänglich genug geschrieben worden, aber der Thematik wegen muss ich hier trotzdem auch ein paar Zeilen darüber verlieren. Da der Pott in Belfast gebaut wurde und auf seiner Jungfernfahrt viele irische Auswanderer mit an Bord waren, verstehen sich die entsprechenden Elemente der Musik von selbst. Vermutlich hat James Horner der irischen Volksmusik damals einen beträchtlichen Popularitätsschub verpasst, mit seinen durch gesampelte Chöre erzeugten New-Age-Klängen à la Enya trotz Anachronismus den Nerv des gemeinhin nicht an Filmmusik interessierten Publikums getroffen und damit den sagenhaften Erfolg des Filmes mit angekurbelt. Das klingt jetzt alles so, als würde ich die Musik nicht mögen, aber das Gegenteil ist der Fall. Nur auf den zu Tode genudelten Celine-Dion-Song, der zu allem Unglück auch noch auf dem schwächsten Thema des Scores basiert, kann ich gut und gerne bis ans Ende meiner Tage verzichten, und da dürfte ich bei weitem nicht der Einzige sein.

TRUE CONFESSIONS (1981). Wie bei Landsmann Philippe Sarde weiter oben zeigt sich auch bei Georges Delerue der feinfühlige Umgang mit irischer Musik. TRUE CONFESSIONS handelt von den irischen, in LA tätigen Brüdern Spellacy. Des (Robert De Niro) ist katholischer Priester, Tom (Robert Duvall) Polizeiermittler. Delerues Musik – weitgehend für Streicher und Chor gesetzt – ist äusserst ergreifend, die Themen wie immer bei ihm von erlesener Qualität. Celtic Harp und Irish Flute integrieren sich bestens in den andächtigen Gesamtklang. Einfach nur wunderbar, was uns Delerue da präsentiert.

U

UNFINISHED LIFE, AN (2005). Für dieses auf einer Ranch in Wyoming spielende Familien-Drama spannten Lasse Hallström und Christopher Young erneut zusammen, zumindest bis Youngs Musik nicht mehr genehm war und Deborah Lurie übernahm. Mir sind von Youngs Version (die von Varèse veröffentlicht wurde) nur wenige Minuten bekannt, aber die haben es in sich. Mit viel Herz und Gefühl greift der Komponist für sein, wie ich denke, Hauptthema zu Streichern, Klavier, Akkustik- und Elektro-Gitarren sowie Tin Whistle und Irish Flute. Für mich also trotz der Kürze allemal Grund genug, hier aufgeführt zu werden.

UNTAMED (1955). Irlands grosse Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts treibt das Ehepaar Katie und Shawn Kildare (Susan Hayward und John Justin) nach Südafrika, wo Katie ihrer grossen Liebe Paul Van Riebeck (Tyrone Power) wieder begegnet. Zwischenmenschliche Konflikte sind vorprogrammiert; dies umso mehr, als mit Kurt Hout (Richard Egan) ein weiterer Mann Katie den Hof macht. Ausserdem sind die Zulus gar nicht erfreut, als plötzlich so viele Weisse in ihrem Gebiet auftauchen. Gewohnt souverän geht Franz Waxman mit den Spannungsbögen in der Erzählung um. Auffällig zu Beginn die Waldhörner während einer Fuchsjagd. Der irische Hintergrund der Protagonisten ist im Hauptthema und anderswo eher unterschwellig zu erahnen, als dass er einem direkt ins Gesicht springen würde. Typisch Waxman eben.

V

VERONICA GUERIN (2003). Die Geschichte der irischen Journalistin Veronica Guerin, die wegen ihrer Recherchen über Dublins Drogenbosse jung ihr Leben lassen musste, mit Cate Blanchett in der Titelrolle. Harry Gregson-Williams‘ mit Elektronik angereicherte Musik enthält sowohl elegische als auch lebhafte volksmusikalische Klänge, aber auch einige atmosphärische Spannungsmomente. Thematisch orientiert sie sich zuweilen am von Sinéad O’Connor teils in englisch, teils in gälisch vorgetragenen, unter die Haut gehenden Titelsong «One more Day». Lose darauf aufgebaut scheint auch das Kinderlied in «Bad News» zu sein.

W

WAKING NED DEVINE (1998). In dieser beliebten Komödie tut ein kleines irisches Dorf alles dafür, dass der Gewinn, den ein Lottospieler infolge plötzlichen Hinschieds nicht mehr einziehen kann, nicht verfällt. Ein Heimspiel für den in Belfast geborenen Shaun Davey, der nebst Besinnlichem (in diesen Bereich fallen auch ein paar Gesangseinlagen) viel beschwingte Volksmusik in seinen Score einfliessen lässt. Seine gefühlvollen und herzlichen Eigenkompositionen sind im thematischen Bereich ebenso anzutreffen wie das eigentlich aus Schottland stammende, aber auch auf der grünen Insel gern angestimmte «The Parting Glass», das sich zu guter Letzt zu einem hymnischen Finale aufschwingt.

WATER HORSE, THE (2007). Und nochmals eine in Schottland angesetzte Handlung – ein Nessie-artiges Seeungeheuer sorgt für Aufregung – aber mit Sinéad O’Connor und «The Chieftains» geht es musikalischerseits nicht viel irischer. O’Connor steuert den selbstgeschriebenen Titelsong «Back Where You Belong» bei, die «Chieftains» sind fürs Volkstümliche verantwortlich, auf das vor allem im beschaulichen Beginn des Scores viel Gewicht gelegt wird. Aber dann steuert James Newton Howard – den es mit an Vaughan Williams angelehnte Streicher zwischendurch auch nach England verschlägt – langsam in andere Gewässer, es melden sich Abenteuer, Action und zirkusartige Klänge zu Wort. Insgesamt eine recht stimmungsvolle und solide Arbeit Howards.

WIND THAT SHAKES THE BARLEY, THE (2006). In diesem Ken-Loach-Film stehen zwei Brüder während des irischen Unabhängigkeitskrieges gegen die Briten im Zentrum, für die Musik zählt Loach wie so oft auf die Dienste George Fentons. Der fabriziert düstere und neblige, emotional abgestumpfte Klangbilder, einem Albtraum gleich, aus dem es kein Entrinnen gibt. Holzbläser und Trommeln geben unaufdringlich den irischen Hintergrund preis. Martialische und wehmütige Momente gebieten der Hoffnungslosigkeit gelegentlich Einhalt. Mit dem Rebellensong «Oró Sé do Bheatha ‚Bhaile» bezieht die Musik dann schliesslich eindeutig Stellung. Auf den ersten Blick sperrig und unnahbar, gibt einem dieser Score viel, wenn man ihm genug Zeit und Aufmerksamkeit schenkt.

X

X-fach verwendet. Da ich fürs X keinen zur Thematik passenden Score finden konnte, seien an dieser Stelle ein paar der bekanntesten irischen Songs vorgestellt, die auch gerne in der Filmmusik Verwendung finden.

Das 1910 entstandene «Danny Boy» schrieb Frederic Weatherly zunächst für eine andere Melodie, griff aber bald zur alten Volksweise «A Londonderry Air». Oft auch als inoffizielle Hymne der Iren bezeichnet, gehört es zu den am häufigst interpretierten irischen Volksliedern überhaupt. Ob Bing Crosby, Elvis Presley, Johnny Cash, Andy Williams oder die Celtic Woman – kaum jemand von Rang und Namen hat sich seiner nicht angenommen.

Obwohl das von Thomas P. Westendorf 1875 geschriebene «I’ll Take You Home Again, Kathleen» deutsch-amerikanische Wurzeln hat, ist es irgendwann plötzlich ins irische Balladen-Repertoire gerutscht. Oft in Western zu hören, und von Victor Young auch für THE QUIET MAN adaptiert.

Das patriotische, von Thomas Moore geschriebene «The Minstrel Boy» ist eines der bekanntesten irischen Lieder, zu dem besonders in Amerika lebende Iren stets eine enge Beziehung hatten und haben, im Speziellen Angehörige der Polizei und der Feuerwehr. Daher auch oft in Filmen zu hören.

«Molly Malone», manchmal auch als «Cockles And Mussels» betitelt, erzählt über eine schöne Dubliner Fischhändlerin; die 1883 von James Yorkston (ein Schotte notabene) verfasste, traurige Ballade hat es zum Status einer inoffiziellen Hymne von Dublin geschafft.

1912 von Chauncey Olcott, George Graff Jr. und Ernest Ball für die Bühnenshow THE ISLE O’DREAMS geschrieben, handelt es sich bei «When Irish Eyes Are Smiling» um einen um jene Zeit üblichen, romantisierenden Tribut an Irland. Bei den hier vorgestellten Filmmusiken in THE LUCK OF THE IRISH und THE YOUNG INDIANA JONES CHRONICLES: IRELAND, APRIL 1916 zu hören.

Y

YOUNG INDIANA JONES CHRONICLES, THE: IRELAND, APRIL 1916. Bei den vielen abenteuerlichen Reisen, die der junge Indiana Jones (Sean Patrick Flanery) in dieser kurzlebigen Fernsehserie unternimmt, verschlägt es ihn auch auf die grüne Insel. Im seinem überaus bezaubernden und charmanten, altmodischen Orchesterscore verarbeitet Laurence Rosenthal liebevoll etliche irische Weisen, bevor zwischenzeitlich toll umgesetzte Action- und Abenteuermusik das Zepter übernimmt. Eine ganz vorzügliche Komposition, der man nicht anmerkt, dass sie fürs Fernsehen geschrieben wurde.

Z

Zehn Favoriten. Da mir auch zum Z partout nichts einfallen wollte, passt zum Abschluss vielleicht eine persönliche Top 10 gar nicht schlecht. Dabei habe ich mir folgende Auswahlkriterien vorgegeben: es muss ein eindeutiger Bezug zu Land und/oder Leuten vorhanden sein, und ein substanzieller Bestandteil der Musik präsentiert nicht einfach nur pure Volksmusik, sondern sie ist dem filmischen Kontext entsprechend verarbeitet. Ich behalte auch hier die alphabetische Anordnung bei.

  • Circle Of Friends (Michael Kamen)
  • Dead, The (Alex North)
  • Devil’s Own, The (James Horner)
  • Far And Away (John Williams)
  • Michael Collins (Elliot Goldenthal)
  • Molly Maguires, The (Henry Mancini)
  • Odd Man Out (William Alwyn
  • Quiet Man, The (Victor Young
  • Shake Hands With The Devil (William Alwyn)
  • Young Indiana Jones Chronicles, The: Ireland, April 1916 (Laurence Rosenthal)
Z wie Phils Top 10

Ich kann es nicht unterlassen als milder Irland Fan, der allerdings weniger die musikalischen Vorzüge der grünen Insel hegt als der Hang zu einem gewissen Bier, meine Top 10 Anspieltipps zum Besten zu geben, wobei ganz klar diese Rangliste wie erwähnt vom Guinness angeführt wird, knapp gefolgt von der irischen Tabakpfeifenmarke Peterson’s, die sich gleich mehrere Male in meinem Pfeifenschrank findet.

  • The Dead (Alex North)
  • Devil’s Own, The (James Horner)
  • Far and Away (John Williams)
  • The Wind that Shakes the Barley (George Fenton
  • Memphis Belle (George Fenton)
  • Michael Collins (Elliot Goldenthal)
  • The Quiet Man (Victor Young)
  • Rudy (Jerry Goldsmith)
  • Shipping News (Chris Young)
  • True Confessions (Georges Delerue)

7.2020