LOST (Season 1 – 6)

Dieser Tage werden auch im deutschsprachigen Fernsehen die letzten Folgen von Lost ausgestrahlt, und damit geht eine der aussergewöhnlichsten und meistdiskutierten gegenwärtigen TV-Serien zu Ende. Im Jahre 2004 mit viel Vorschusslorbeeren gestartet, versprach die grösstenteils in prächtigen Naturkulissen auf Hawaii gedrehte Saga um die Überlebenden von Oceanic 815, die auf einer Insel voller Rätsel, geheimnisvoller Kräfte und Gefahren stranden, intelligente und tiefgründige Unterhaltung. Entwickelte sie sich in den ersten zwei Staffeln noch vielversprechend, wurde die Serie aber je länger je überladener und verschachtelter. Fast schien es, als ob sich die Autoren in einem Anflug von Übermotivation in den Details ihrer von bekannten Werken der Fantasy-, Horror- und Sience-Fiction-Literatur inspirierten Welt zuweilen selbst verloren.

Indes fallen Logiklöcher, vernachlässigte Storylines und plötzlich in Vergessenheit geratene Figuren nicht so arg ins Gewicht, wenn man das Ganze in erster Linie als Katharsis für die Hauptfiguren betrachtet (selbst Chefautor Damon Lindelof betont, dass sich der Titel «Lost»nicht primär auf den externen, sondern den internen Zustand der Protagonisten bezieht) und somit das ganze Insel-Brimborium als gigantischer McGuffin verstanden werden kann, der lediglich dazu dient, dass die Losties die längst fällige Gelegenheit erhalten, mit sich selbst, ihren verkorksten Existenzen und ihren Beziehungen ins Reine kommen. Bezüglich Charakterzeichnungen ist die Serie also exemplarisch, und obwohl die zahlreichen Rück-, Vor- und Seitenblenden, die sich mit den Hauptfiguren beschäftigen, dem Erzählfluss nicht sonderlich förderlich sind, machen sie andererseits den besonderen Reiz dieser Serie aus, und es ist recht spannend, dem multikulturellen und aus etlichen unverbrauchten Gesichtern bestehenden Cast bei der dynamischen Entwicklung der Schicksalsgemeinschaft zuzuschauen.

Eine nicht zu unterschätzende Rolle, Gefühle und Zerrissenheit der zwischen Realität, Irrealität und verschiedenen Zeitebenen gefangenen Figuren, den ewigen Kampf mit den inneren Dämonen sowie zwischen Gut und Böse glaubhaft rüberzubringen, spielt die mehrfach ausgezeichnete Arbeit Michael Giacchinos, die der Serie ihre unverwechselbare musikalische Identität verleiht.

Mit J. J. Abrams als Mitschöpfer, Produzent und Regisseur des Lost-Piloten war es keine Überraschung, dass Giacchino die musikalischen Geschicke der Serie übertragen wurden. Überraschender ist dann schon eher, dass man sich entgegen dem Zeitgeist für einen rein orchestralen Score entschied. Dabei fällt als erstes auf, dass gänzlich auf Holzblasinstrumente verzichtet wurde. Ob dies aus kreativen oder finanziellen Gründen geschah, weiss ich nicht, aber intuitiv passt es natürlich zur Situation der Losties, denen auf dem Eiland so gut wie jegliches Vertraute fehlt.

In den Entstehungsprozess der Musik gab Giacchino einige interessante Einblicke. Um möglichst unverfälscht zu komponieren, arbeitete er nicht anhand der Scripts, sondern entschied beim Ansehen jeder Episode spontan, wo und wie Musik zum Einsatz kommen soll. Pro Episode blieben ihm zwei Tage fürs Komponieren und Orchestrieren, und die Aufnahmen erfolgten ohne vorherige Orchesterproben.

Angesichts dieser Praxis verwundert es kaum, dass die meisten Themen nicht sehr komplex und ein wenig austauschbar sind. Und Themen gibt es wahnsinnig viele: Schon jeder Hauptcharakter hat mehrere Leitmotive, es gibt darüber hinaus Themen für Lokalitäten, Stimmungen und Ereignisse, so dass Giacchino schon beinahe Tabellen führen musste, um den Überblick nicht zu verlieren.

Von den Personen wurde meines Erachtens John Locke thematisch am reichhaltigsten bedacht, kein Wunder, handelt es sich hierbei doch um eine zentrale Schlüsselfigur. Aber auch einige Themen für Benjamin Linus, Desmond Hume, Sun und Jin sowie Hugo «Hurley» Reyes gehören zu den einprägsameren. Und es ist auch Hurley ‒ einer der bodenständigsten und liebenswertesten Charakter ‒ der, oft mit Gitarre und Harmonika, gelegentlich ein wenig Humor in die Musik bringt. Bei Jack Shepard ist bemerkenswert, dass Matthew Fox eines seiner Leitmotive am Klavier einstudiert und in der Episode The Man From Tallahassee eigenhändig vorgetragen hat. Von den nicht personenbezogenen Themen seien die emotionalen Life And Death und Oceanic 6 sowie das abenteuerliche und entschlossene Voyage Theme 2 besonders hervorgehoben.

Viel Phantasie zeigt Giacchino im Percussions-Bereich: Er verzichtet bis auf ganz wenige Ausnahmen auf typisches Südsee-Getrommel, sondern verwendet zur Erzeugung roher, archaischer Klänge unter anderem Flugzeugwrackteile, Angklung (im Prinzip ein Bambus-Schlaginstrument aus Südostasien, hier aber aus Metall) Klavierboard und Waterphone.

Zu den auffälligsten Markenzeichen der Lost-Musik gehören die markanten Streicher- und Posaunenglissandi, die immer dann auftauchen wenn es gilt, Spannung oder Cliffhangermomente fast schon überzubetonen. Besonders die Posaunen wurden für Giacchino zu einem nicht bei allen Produzenten gerne gesehenen Running Gag, den er in jeder Episode mindestens einmal unterbringen wollte.

Mit gleich 10 CDs (Staffel 3 mit einem Doppelalbum und Staffel 6 gleich mit deren zwei, wobei The Last Episodes in Varèses Reihe limitierter Veröffentlichungen aktueller Filmmusik erschien), gehört Lost zu den am besten abgedeckten TV-Musiken. Allerdings geht hier die Quantität eindeutig zu Lasten der Qualität, denn sämtliche CDs leiden an einem nicht unbeträchtlichen Anteil rein funktioneller Musik, wo sich das Orchester in gleichförmigen Drohgebärden verliert, die auf sich allein gestellt wenig hergeben. Das ist schade, denn an sich sind die ruhigeren, getragenen Passagen mit Streichern, solistischen Einlagen von Violine, Cello, Klavier oder Harfe, sowie einige nicht zu verachtende Stücke im dramatischen Action- und Mysteriebereich schon sehr attraktiv. Für einen optimalen Hörgenuss bleibt also nichts anderes übrig, als sich eine eigene Kompilation mit den besten Teilen zusammenzustellen.

Wer sich jedoch nur ein einziges Album als Souvenir zulegen möchte, dem sei die Staffel 1 ans Herz gelegt. Hier gibt es mit Hollywood And Wines eine tolle Version des Voyage Theme 2, mit I’ve Got A Plane To Catch schwung- und humorvolle Hurley-Musik und vor allem mit Parting Worlds, das den visuellen und emotionalen Höhepunkt der Staffel untermalt, den wohl besten Einzeltrack der gesamten Serie. Verzichten muss man hier aber leider auf den kurzen, aber knackigen End Title mit seinen Flugzeugtriebwerke nachahmenden Streichern. Der wurde nur bei Staffel 2 und 3 mitveröffentlicht.

Was man sich jetzt noch wünschen könnte, wäre eine Einspielung der 2007 vom Honolulu Symphony Pops Orchestra uraufgeführten «Lost Symphony», die musikalisch zweifellos besser strukturiert sein dürfte als die existierenden Soundtracks. Die vermögen zwar die einzigartige Atmosphäre der Serie durchaus zu vermitteln, sind aber im Bildbezug in weiten Teilen besser aufgehoben. Allein schon dank Giacchino wird Lost in guter Erinnerung bleiben, und für ihn ist diese Produktion, von der er sagt, sie sei «eines der besten Dinge, an denen ich mitwirken durfte» möglicherweise das Werk seines Lebens.

Wertvolle Informationen nicht nur zur Serie, sondern auch über die Musik mit zahlreichen Hörproben findet man übrigens im Internet unter «lostpedia.wikia.com».

Andi, 19.11.2010

 

LOST

Michael Giacchino

SEASON 1
Varése Sarabande
302 066 721 2
64:08 / 27 Tracks

SEASON 2
Varése Sarabande
302 066 759 2
64:38 / 26 Tracks


SEASON 3
Varése Sarabande
302 066 822 2
CD 1: 78:16 / 30 Tracks
CD 2: 76:29 / 37 Tracks

SEASON 4
Varése Sarabande
302 066 964 2
78:18 / 26 Tracks

SEASON 5
Varése Sarabande
302 067 025 2
78:21 / 23 Tracks

THE FINAL SEASON
Varése Sarabande
302 067 040 2
CD 1: 75:08 / 25 Tracks
CD 2: 74:20 / 26 Tracks

THE LAST EPISODES
Varése Sarabande
302 064 207 2
CD 1: 64:08 / 20 Tracks
CD 2: 79:10 / 24 Tracks
Limitiert auf 5000 Stk.

 

 

 

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