The Lord of the Rings (Trilogy, expanded)

Hätte man seinerzeit Shore einen derart epischen, opulenten, wuchtigen und markanten Score wirklich zugetraut? Zumindest durfte man gespannt sein, wie er die ultimative Fantasy-Geschichte musikalisch begleitet. Heraus kam eine Musik, die alles hat, was man sich von einer groß angelegten Filmmusik nur wünschen kann. Es gibt kräftige Choräle, treibende Actionpassagen, romantische, heldenhafte und, wenn auch nur kurz, fröhliche Musik. Letztere stellt sich in Concerning Hobbits in Form des Hobbit-Themas vor, das in Variationen immer wieder auftaucht. Es ist das wandlungsfähigste Thema und damit gewissermaßen das Hauptthema des Scores. In Concerning Hobbits verbreitet es ein wohliges Gefühl von Ruhe, Unbeschwertheit und Geborgenheit, wenn das Auenland und die Hobbits vorgestellt werden. Ein Gefühl, das aufgrund der Geschichte natürlich nicht lange vorhält. Zwischendurch spiegelt es immer wieder den Seelenzustand von Frodo und speziell seinen Hobbit-Freunden wider. Aber spätestens am Schluss des Films in The Breaking Of The Fellowship soll es sich genau in das Gegenteil seines fröhlichen Ursprunges verkehren, wenn es nämlich als das Stück In Dreams quasi das Klagelied auf die zerbrochene Gemeinschaft des Ringes bildet.

Sehr dominant und ständig präsent ist das Schlachtenthema mit seinem alles übertönenden Choral. Es taucht immer dann auf, wenn es zur Auseinandersetzung mit dem Bösen kommt. Hiermit wird der Film und so auch die CD (die Stücke sind chronologisch geordnet) eröffnet. Shore setzt dieses Thema relativ statisch ein, da er es immer mit voller Wucht präsentiert, vielleicht, um so immer wieder die Qualität des Bösen hervorzuheben, mit der es die Gefährten zu tun haben.
Nachdem sich im Hause Elronds die Gemeinschaft des Ringes gebildet hat, und gleich anschließend, wenn die Gemeinschaft zum Schicksalsberg aufbricht, stellt sich das Heldenthema bzw. Fellowship-Thema vor. Auch dieses Thema erfährt naturgemäß nur wenig Variation, soll damit doch nur Edelmut und erfolgreiches Handeln der Helden unterstrichen werden.
Bei diesen dreien handelt es sich um die wichtigsten Themen, die immer wiederkehren. Darüber hinaus gibt es noch weitere, beeindruckende Melodien, die aber nur kurz in Erscheinung treten.

Als besonders exquisites und auch innerhalb des Scores eigenständiges Stück ist The Bridge Of Khazad Dum hervorzuheben. Es beschreibt die Flucht der Gefährten vor dem riesigen Feuerdämon in den Minen von Moria, bei der auch Gandalf verloren geht. Zunächst ist es pure Dramatik, unterstützt durch einen tiefen Männerchor. Nach dem Absturz Gandalfs jedoch drückt ein eindringliches Knabensolo vor zurückhaltendem Chor die Trauer der Gefährten über den Verlust aus.
Die beiden von Enya beigesteuerten Songs Aníron und May It Be fügen sich übrigens erfreulich gut in die Struktur des Scores ein, nicht zuletzt, weil auch sie orchestriert sind. Da muss man den Produzenten wohl dankbar sein, dass sie nicht durch zu viel Verlangen nach Zeitgeist die musikalische Homogenität zerstört haben.
Zur Extended Edition ist ergänzend zu sagen, dass sie ein prachtvoll ausgestattetes Schatzkästchen ist. Der ganze Score ist aufgeteilt auf drei CDs. Obendrein gibt es auch noch eine DVD, auf der der gesamte Score in 5.1-Surround-Ton mit höherer Aufnahmeauflösung genossen werden kann. Dass die Klangqualität hervorragend ist, versteht sich fast von selbst. Dazu kommt ein üppiges Booklet von 44 Seiten, das in ausführlichen Analysen von Doug Adams auf die Musik eingeht. Leider analysiert er den Score sortiert nach Themen und nicht nach den Tracks, so dass etwas die Übersicht verloren geht. Dies stellt aber auch schon das einzige Manko dar.

Der zweite Teil steht in puncto Komplexität und Themenvielfalt dem Vorgänger in nichts nach, eher im Gegenteil. Denn Shore schafft den thematischen Spagat, klangliche Vertrautheit zu schaffen, ohne die Melodien des ersten Teils einfach nur aufzuwärmen, mit beispielhaftem Können. Natürlich finden sich hier und da Themen aus The Fellowship wieder, aber Shore übernimmt sie nicht einfach nur, sondern variiert sie sehr gekonnt. Beispielsweise klingt gleich zu Beginn das Fellowship-Thema an, gerade da, wo Legolas, Aragorn und Gimli versuchen, Merry und Pippin zu finden. Eine wunderbare Variation dieses Fellowship-Themas präsentiert uns der Komponist, indem eine eine Oboe allein vor dem Orchester dieses Thema erklingen lässt, als Aragorn die Mantelbrosche Pippins findet und so weiß, dass sie auf dem richtigen Weg sind. Eine andere Variation könnte als Musterbeispiel dafür dienen, wie sehr man allein durch Tempo und Arrangement den Charakter einer Melodie vollständig umkrempeln kann. In The Hornburg greift Shore das Lothlorien-Thema des ersten Teils (siehe dort Lothlorien) wieder auf. Was im ersten Film durch seine Langsamkeit, durch weibliche Stimmen und durch gedämpftes und ohne Rhythmusinstrumente spielendes Orchester sehr sphärischen und mystischen Charakter hat, bekommt im zweiten Film durch Trommeln, dominierende Blechbläser und beschleunigtes Tempo einen geradezu militaristischen Charakter. Nicht zu unrecht, schließlich geht es darum, die kurz vor Beginn der Schlacht um Helm’s Klamm eintreffenden elbischen Bogenschützen aus (natürlich) Lothlorien musikalisch vorzustellen. Das hervorstechendste neue Thema, das auch gleichzeitig am häufigsten auftritt, ist das Thema von Rohan. Schließlich spielen König und Volk von Rohan eine zentrale Rolle in The Two Towers. Vorgestellt wird es im Track The Riders Of Rohan, wo es von einer Solovioline (laut Booklet eine norwegische Hardinger Fiedel, passend zur nordischen Art Rohans) gespielt wird. Eine sehr schöne, eingängige und je nach Arrangement auch heroische Melodie.

Insgesamt wirkt The Two Towers mit seinen häufigen Choreinsätzen noch dramatischer und bombastischer als der erste Teil, vor allem mit der überwältigenden Schlachtenmusik. Aber bei dem gegenüber dem ersten Teil noch finstereren Handlungsverlauf dürfte das auch kaum verwundern. Dies und die beachtliche Themenvielfalt führen schon fast dazu, dass die Homogenität der Partitur leidet, aber eben nur fast. Wenn man nämlich erst einmal die Struktur und die einzelnen Themen erfasst hat und in Zusammenhang mit dem Film stellt, ergibt sich ein wunderbares Gesamtbild monumentalen Ausmaßes.
Aber nicht nur Dramatik bietet Shore, sondern auch, wie schon im ersten Teil, ruhige und beruhigende Gesangseinlagen. Besonders Gollum’s Song sticht hier hervor, da es u.a. durch die herrlich kratzige und gleichzeitig kindlich anmutende Stimme von Emiliana Torrini den zutiefst gespaltenen Charakter Gollums vorzüglich einfängt. Wobei man hier genügend Mut aufgebracht hat, auf charttaugliche Songs zu verzichten.
Alles in allem hat es Shore erfreulicherweise geschafft, die Musik auf dem selben hohen Niveau spielen zu lassen, wie beim ersten Teil. Es tritt kein Bruch auf und die angefangene Linie wird konsequent und dabei ohne Langeweile bravourös fortgesetzt.

Außerdem offenbart sich beim Hören dieses zweiten Teils der Lord Of The Rings Complete Recordings die Einsicht, wie gut es Shore gelungen ist, für die Lord Of The Rings Trilogie eine komplett eigenständige Klangwelt zu erschaffen. Jedes Stück ist von diesem ganz eigenständigen Klang erfüllt, der im wesentlichen auf das Arrangement und die Homogenität der Themen zurückzuführen ist. Bei einem einzelnen Score ist das sicher schon schwer genug. Das aber für ein Epos dieses Ausmaßes zu erreichen, ist dagegen etwas Einmaliges.
Übrigens ist auch die Klangqualität speziell der wieder enthaltenen DVD mit 6-Kanal-Sound beispielhaft. Überhaupt entspricht die Aufmachung der des ersten Teils, also 3 CDs, eine DVD und ein über 40 Seiten starkes Booklet mit Analysen der Themen und Beschreibungen einiger exotischer Instrumente.

Aufmachung inkl. dickem Booklet ist auch bei der dritten Extended Edition die gewohnte. Reichten aber bei den ersten beiden Teilen noch drei CDs und eine einseitig bespielte DVD, so sind es beim letzten Teil 4 CDs und die DVD muss zwischendurch umgedreht werden. Letztere ist übrigens wieder im 6-Kanal-Ton abgemischt und mit erhöhter Auflösung aufgenommen. Somit erreicht sie eine Klangqualität und Dynamik, die tief beeindruckt.

Aber nicht nur bei der Spieldauer, auch inhaltlich ist der letzte Teil den beiden vorangegangenen Complete Recordings noch einmal überlegen, da die Vollständigkeit dem Finale der Saga am besten bekommt. Die musikalische Entwicklung ist nun vollständig, denn die aus den ersten beiden Teilen bekannten Themen werden nochmals weiterentwickelt und natürlich kommen auch im dritten Teil neue Elemente hinzu.
Der Einstieg zum dritten und letzten Teil fällt etwas verspielter aus, als bei Teil 1 und 2. Doch schon ziemlich bald wandelt sich das Klangbild wieder und es wird stilistisch unüberhörbar, zu welcher Filmreihe diese Musik gehört.
Neu hingegen ist das Gondor-Thema, was am ausführlichsten in Minas Tirith und The White Tree erklingt. Es ist ein sehr dynamisches und majestätisches, aber wenig komplexes Thema.

Was die auch im dritten Teil wieder zum Einsatz kommenden Solisten angeht, schöpft Shore förmlich aus dem Vollen. Nicht nur, dass mit Viggo Mortensen als Aragorn und Billy Boyd als Pippin zwei Hauptfiguren eine Gesangseinlage bekommen, letzterer übrigens mit einer überraschend schönen und wohlgeratenen. Auch mit Renée Flemming gibt es einen fantastischen Neuzugang, denn mit ihrer herrlich samtigen Stimme verbreitet die Opernsängerin eine zauberhafte Atmosphäre. Besonders gut kommt sie in Twilight And Shadowzur Geltung.
Es seien noch zwei besondere Highlights erwähnt. The Black Gate Opens fängt die Situation unmittelbar vor der letzten Schlacht ein. Wenn hier die zarte, unscheinbar wirkende Flöte gegen das im Hintergrund düster brodelnde Orchester hält, scheint dies sinnbildlich zu sein für den kleinen Hobbit Frodo einerseits, der völlig erschöpft auf der Flanke des Schicksalsberges liegt und kaum noch in der Lage ist, seine Mission zu erfüllen und für den kleinen Rest des menschlichen Heeres andererseits, das sich zur gleichen Zeit am schwarzen Tor einer Übermacht von Orks gegenüber sieht, um mit dem Mute der Verzweiflung gegen diese zu kämpfen.

Kurz darauf folgt der musikalische Höhepunkt der gesamten Geschichte. Aragorn flüstert seinen Kameraden zu „For Frodo“ und stürmt mit ihnen in die allerletzte Schlacht, um Frodo die Erfüllung seiner Aufgabe zu ermöglichen. Eben hier ertönt noch einmal das Fellowship-Thema, diesmal mit Chor und Orchester in seiner edelsten Form (For Frodo). Kurz darauf ist es vollbracht, der Ring zerstört und Sauron vernichtet. Mit The Crack Of Doom erfährt dieser endgültige Sieg seine musikalische Entsprechung in einem Stück, das den Hörer mit urgewaltartiger Wucht packt und mit unvergleichlicher Kraft den Triumph verkündet.
Nach ausführlicher Schlussphase mit vielen Wiedersehen aber auch Abschieden wird uns auch beim dritten Teil der Abspann mit einem schönen Song schmackhafter gemacht. Dass sich Annie Lennox die Ehre gibt, mag mitverantwortlich dafür sein, dass hier der stilistische Kontrast zwischen Song und Score vergleichsweise groß ausfällt. Jedenfalls haben sich alle bisherigen Lieder besser ins Gesamtbild eingefügt.
Am Ende kommen einem die fast vier Stunden gar nicht so lange vor, denn der dritte Teil bietet deutlich mehr Abwechslung, als die ersten beiden Complete Recordings.

Howard Shore hat mit diesem Werk für die Trilogie, das sicher sein Magnum Opus ist, im Fantasy-Genre und weit darüber hinaus musikalisch einen neuen Maßstab gesetzt.
Seine Verpflichtung hat sich als riesen großer Glücksfall erwiesen. Zum einen für den Komponisten selbst, der damit einen ungeahnten Popularitätsschub erlebte, über Jahre hinweg ausgelastet war und letztlich drei Oscars für die Trilogie einheimsen konnte. Zum anderen für Produzent und Regisseur Jackson, dessen Filme durch Shores Musik enorm gewannen. Und zu guter Letzt natürlich für uns Filmmusik-Liebhaber, denn für das bis heute ambitionierteste Filmprojekt überhaupt hat auch Shore Anstrengungen unternommen, die ihresgleichen suchen.
Auch wenn dieses homogene und komplexe Gesamtwerk keine leichte Kost ist und Geduld und Zuhören fordert, so ist es doch ein herausragendes Mammutwerk, was noch lange unerreicht bleiben wird (sogar vom Meister selbst, wie die Hobbit-Trilogie zeigte) und was seinen Schöpfer über sich hinaus wachsen ließ.

Klaus, 2015

 

THE LORD OF THE RINGS – TRILOGY

Howard Shore

Special Extended Editions
Reprise Records

Fellowship Of The Ring 
(180:35/37 Tracks)

The Two Towers 
(188:18/45 Tracks)

The Return Of The King 
(229:12/53 Tracks)

 

Unsere Autoren stellten zum feuchtfröhlichen Anstossen (500 CD Reviews) ihre Lieblingsfilmmusik oder ein Werk, das ihnen besonders am Herzen liegt, vor. Prost!

 

 

 

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