Les témoins / Les oubliées

Music Box Records setzt seine Eric Demarsan Reihe mit einem Doppelalbum fort (zur Rezension von Les passagers). Der 1938 in Paris geborene Demarsan beschreibt sich als Autodidakt und hat zu Beginn seiner Karriere mit Michel Magne und François de Roubaix zusammengearbeitet ehe er für Jean-Pierre Melville komponiert (L’armée des ombres, Le cercle rouge) und sich somit einen Namen im Film machen können.

LES TEMOINS ist eine hochgelobte sechs teilige Mini-Series aus dem Jahr 2014 mit Thierry Lhermitte, die im Norden Frankreichs spielt und mit der Entdeckung eines Mords an einer Familie beginnt. Der ehemalige Polizeichef, dessen Foto bei den Opfern gefunden wird und der erst vor kurzem bei einem Autounfall seine Frau verloren hat, wird in den Fall verwickelt.
Demarsans Musik ist mysteriös, düster, oft von elektronischen Sounds geprägt, aber auch geschrieben für Klavier und Streicher und bietet weniger Platz für Melodien. Die rund 65 Minuten zeichnen ein nebulöses, manchmal diffuses und schaurig beklemmendes Bild. Keine einfach anzuhörende Musik.

LES OUBLIEES, ebenfalls eine Mini-Series fürs TV von Hervé Hadmar wie Les témoins gedreht; ein Thriller mit Jacques Gamblin als Polizist, der einem scheinbar vergessenen Verschwinden von sechs Mädchen nachgeht als neuerlich ein Fall mit unzweifelhaften Parallelen zu den sechs anderen geschieht.
Die Komposition Demarsans wurde vom Bulgarian Symphony Orchestra eingespielt, wobei in erster Linie Streicher und Holzbläser bedient werden. Sie ist Motiv bezogener und harmonischer als Les témoins, ja hie und da gar mit romantischen, schwelgerischen Momenten, zeigt aber auch finstere und traurige Seiten, die manchmal an Christopher Young gemahnen („Les oubliées – génerique début“). Um bei den Amerikanismen zu bleiben: Les oubliées strahlt hie und da das hypnotische eines Shore Thrillers aus: „Un homme solitaire“. Es findet sich gar ein verspielt angehauchtes Motiv für Holzbläser und Klavier: „La Belle sarrasine“, das Demarsan später in seine Musik einbauen wird.
Les oubliées war zuvor auf einer 47 minütigen CD von Play-Time erhältlich. Die vorliegende Disc von Music Box wurde um 18 Minuten erweitert.

Hier liegen zwei durchaus unterschiedliche Scores vor, wenn auch aus dem gleichen Genre. Rein als Hörvergnügen gibt Les oubliées eindeutig mehr her, auch weil er abwechslungsreicher ist und gegenüber dem eher kalten Les témoins zu mehrmaligem Anhören verführt, wobei letzterer möglicherweise besser funktioniert, wenn man diese Mini-Series gesehen hat.

Schön, dass sich Music Box Records, denen vor noch nicht allzu langer Zeit eine wunderbare Veröffentlichung mit Bernard Herrmanns Obsession gelang, weiterhin mit heimischen Komponisten beschäftigt und Kompositionen präsentiert, die noch gar nicht oder nur zum Teil herausgebracht wurden.

Phil, 19.5.2015

 

LES TEMOINS / LES OUBLIEES

Eric Demarsan

Music Box Records MBR-062

CD1: 65:04/23 Tracks
CD2: 65:07/26 Tracks

 

 

 

 

 

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