kurz und knapp #23

BAD TIMES AT THE EL ROYALE
Michael Giacchino, Milan

Nein, es war nicht still im vergangenen Jahr um Michael Giacchino, machte er doch immerhin die zwei Blockbuster JURASSIC WORLD: FALLEN KINGDOM und THE INCREDIBLES 2, aber im Vergleich mit vorangegangenen Jahren, war es vielleicht „etwas ruhiger“. BAD TIMES AT THE EL ROYALE scheint eine besondere Wahl, rein thematisch, weiss man aber um Goddards Werk zu CLOVERFIELD oder LOST (nicht als Regiesseur sondern Autor), so passt das doch ganz gut auch zum Komponisten. Sicherlich ist dies keine Filmmusik, die die meisten Giacchino Fans mit offenen Armen empfangen haben, aber hört man sich alleine «The Suite at the El Royale» oder die finalen Tracks an, ist das dieser gelungenen, düsteren Komposition gegenüber nicht ganz gerecht. Giacchinos Orchestrierung kommt ohne Violinen (dafür mit einer grossen Bratschensektion), ohne Holzbläser, ohne Trompeten aus. Unter dem Strich ein Giacchino, den ich durchaus ähnlich gerne wie den eingangs erwähnten FALLEN KINGDOM angehört habe. Von Giacchinos Musik ist im Film übrigens deutlich weniger enthalten als die CD repräsentiert, Songs beherrschen die Szenerie – immerhin spielt eine Musikbox eine gewisse Rolle.

Phil

 

HOLMES & WATSON
Mark Mothersbaugh, Sony Music

HOLMES & WATSON (2018) von Regisseur Etan Cohen ist eine Satire über das weltberühmte Detektiv-Duo Sherlock Holmes und Dr. John Watson. Am Ergebnis liessen die Kritiker jedoch kein gutes Haar – fast «unterirdische» 10% auf RottenTomatoes! Die Filmmusik hingegen ist ganz nett geworden. Komponist Mark Mothersbaugh liefert einen ordentlich abwechslungsreichen Score. Dabei präsentiert er im ersten Stück, «The New Kid», ein eingängiges Hauptthema, das Spass macht. Mit «Mosquito Fight» und «Dutch Jig» erklingen kurze, rasante, verspielte Orchester-Tutti. In «Main Titles» und «Cutting the Cake» werden ein paar Pop-Beats in den Orchester-Mix geworfen. In «Birthday Party Source» und «Men’s Club Source» erklingen klassizistische Töne – wobei aus dem Booklet nicht klar hervor geht, ob diese auch von Mothersbaugh komponiert wurden, oder von einem anderen Komponisten – und in «Watson Hailed As Hero» wird’s noch melodramatisch. Die «End Credits Suite» präsentiert dann alle Ideen nochmals hübsch und knackig zusammengefasst. Mit gut 40 Minuten ein kurzweiliger Hörspass, wobei interessanterweise Orchestrations-Stilismen von Hans Zimmers Hauptthema für die SHERLOCK HOLMES-Scores von 2009 und 2011 stellenweise durchschimmern. Zufall oder Temp-Track-Hinweise? Sei’s drum, das Ergebnis ist unterhaltsam.

Basil

 

A SHOW OF FORCE
Georges Delerue, Varèse Sarabande Encore

Für den wenig bekannten, in Puerto Rico spielenden Politthriller A SHOW OF FORCE mit Amy Irving, Andy Garcia und Robert Duvall, komponierte Delerue 1990 diesen dynamischen, robusten Score mit leichten hispanisch/karibischen Anklängen. Bleibende Bestandteile jedoch bilden die Thrillerelemente mit ihren schweren, düsteren Harmonien, die kraftvollen Blechbläsereinsätze, die für einen Delerue ungewohnt nur wenige Momente der Ruhe lassen. Freilich sind auch diese vorhanden, Oboe, Flöte und Bandoneon setzt Delerue dafür ein. Für den Franzosen, der unzählige Komödien und romantische Filme vertonte, war A SHOW OF FORCE man kann es sich gut vorstellen, eine willkommene Abwechslung.
Varèse hat das längst ausverkaufe Colossal Album von 1990 in seiner Encore Reihe in einer Limitierung von 1000 Stück neu aufgelegt.

Phil

 

THE LAST KINGDOM
John Lunn & Eivør, Sony Music

2015 startete die TV-History-Serie THE LAST KINGDOM. Letztes Jahr wurde die dritte Staffel mit zehn Folgen in England ausgestrahlt. Nun hat Sony Music ein Album mit Musik aus allen drei Staffeln veröffentlicht, wobei die Musik für das Album extra neu in eigenständige Suiten zusammengestellt und arrangiert wurde. Die Musik zu dieser Serie stammt vom DOWNTON ABBEY-Komponist John Lunn und der färöischen Sängerin und Komponistin Eivør Pálsdóttir. Dabei handelt es sich um einen Score, der gänzlich auf Synthi und Gesang baut. Der Fokus liegt auf experimentellen Klangschöpfungen, was ein schwieriges Hörerlebnis vermuten lässt, doch das Album kommt überraschend kurzweilig und mystisch-hypnotisch daher. Die kühlen Synthi-Klänge kombiniert mit dem stets präsenten Gesang, vereinzelten Zupfinstrumente-Klängen und mal treibenden, mal leicht pulsierenden Rhythmen ergeben ein oftmals klangschönes Ethnopop-Album, zu dem sich gar gut entspannen lässt. Wie das in der TV-Serie wirkt, kann an dieser Stelle nicht beurteilt werden, aber auf CD ist es schön anzuhören.

Basil

 

THE WICKER MAN
Paul Giovanni, Silva Screen Records

Auf einer kleinen schottischen Insel forscht Sergeant Howie (Edward Woodward) nach einem vermissten Mädchen und hegt schon bald den Verdacht, dass die von den unkooperativen Bewohnern praktizierten, heidnischen Fruchtbarkeitsrituale etwas mit dessen Verschwinden zu tun haben. Als er realisiert, dass er in ein teuflisches Spiel von Lord Summerisle (Christopher Lee) geraten ist, bleibt ihm als streng gläubigem Christen nur noch Beten.

Silva Screen veröffentlichte die WICKER MAN-Musik 2002 schon einmal und bringt sie nun in unveränderter Form wieder auf den Markt. Der Silberling ist in einen «Song»-Block und einen «Incidental Music»-Block unterteilt. Die Songs aus der Feder von Paul Giovanni, der zum Teil auf schottische und irische Volksweisen zurückgreift, werden von ihm und seinen Mitmusikern unter dem Namen «Magnet» eingespielt, es kommen Blockflöten, Maultrommel, Harmonika, Bassgitarre, Geige, Concertina, Fagott, Klavier, Octavia und Nordic Lyre zum Einsatz. Unter die Sängerinnen und Sänger mischt sich auch Christopher Lee mit seinem sonoren Bass. Beim Hören der an sich harmlosen Folklore und teils mittelalterlich anmutenden Prozessionsmusik mit Blaskapelle und Dudelsäcken kann einem im Kontext mit dem Film zuweilen durchaus ein mulmiges Gefühl beschleichen. Das gilt auch für die teilweise mit Geräuschen und Dialogfetzen unterlegte «Incidental Music». Hierbei handelt es sich um eine Mischung aus Gesängen, idyllischen und elegischen Klängen sowie ein wenig Rock.

Insgesamt ist dies für einen Horrorstreifen gewiss ein ungewöhnlicher und interessanter musikalischer Ansatz, aber von der «möglicherweise besten je in einem Film gehörten Musik» zu sprechen wie Christopher Lee im Booklet, wäre dann doch etwas gar übertrieben.

Andi

 

RALPH BREAKS THE INTERNET
Henry Jackman/Alan Menken, Walt Disney Records

Mit WRECK-IT RALPH gelang Disney 2012 ein Überraschungshit – originell, witzig und rasant. Mit der Fortsetzung RALPH BREAKS THE INTERNET konnte 2018 hieran angeknüpft werden. Für die Filmmusik zeichnete in beiden Fällen Henry Jackman verantwortlich. Ihn haben die erzählten Geschichten und die durchgeknallten Ideen und Animationen zu einem wilden Orchester- und MIDI-Potpourri inspiriert – als Reminiszenz auf den titelgebenden 8-Bit-Spielkonsole-Charakter Ralph. Seine RALPH-Scores sind indes nicht für jedermann, denn man muss viel Mickeymousing hören und die MIDI-Sounds werden für’s Ohr von heute nach anfänglich kurzem Amüsement zusehend zur Strapaze. Bei RALPH BREAKS THE INTERNET kommen zudem etliche Themen-Zitate beliebter Filme hinzu – STAR WARS, MOANA, FROZEN, POCAHONTAS, BEAUTY AND THE BEAST, um nur einige zu nennen. Diese Themenzitate steigern den Unterhaltungswert zwar ungemein, machen aber einen bereits äusserst abwechslungsreichen Score noch knalliger und sprunghafter. Dazu noch zwei neue Songs von Alan Menken und eine eröffnende Pop-Nummer der Gruppe Imagine Dragons und fertig ist das überdrehte Resultat, präsentiert auf einem fast 75-minütigen (!) Album.

Jackmans Kompositionen für die RALPH-Franchise sind beachtlich, aber die meisten HörerInnen müssen sich dem Ergebnis wohl in homöopathischen Dosen annehmen. Sonst droht ein auditiver «Prozessor Overload».

Basil

 

THE OTHER SIDE OF THE WIND
Michel Legrand, La-La Land Records

Es war Orson Wells unvollendetes, experimentales Projekt mit John Huston in einer Hauptrolle, von dem immer wieder gemunkelt wurde und das Wells vor seinem Tod nicht vollenden konnte. Hie und da sah man Ausschnitte daraus, doch dauerte es bis 2018 ehe die Produzenten Frank Marshall und Filip J. Rymsza dieses mysteriöse Stück Film zu einem Ende brachten. Der Film feierte in Venedig seine Premiere und war auf Netflix zu sehen und ist, ja, man kann es sagen, sicher eine spezielle Sache. Wells, nach CITIZEN KANE vor allem in Hollywood auf Grund seines nicht ganz einfachen Charakters kaum mehr der Liebling der Filmnation, hat immerhin der Filmwelt doch noch ein Schnippchen geschlagen. Sein Mokumentary THE OTHER SIDE OF THE WIND mit John Huston, Peter Bogdanovich, Oja Kodar, Lili Palmer, Susan Strasberg u.a. ist von der Kritik gut aufgenommen worden und premierte nach Querelen mit Cannes wegen seines Netflix-Status später in Venedig.

Wells wollte damals, dass Legrand die Musik zu seinem Werk, dessen Nicht-Fertigstellung sich über Jahre hinzog, schreiben würde. So sollte es sein, Marshall und Rymsza kontaktierten den damals 88 jährigen, der sich bereit erklärte die Musik zu schreiben. Nebst wunderschönen orchestralen Stücken bestimmen Jazz und Big Band den Score, ein Feld in dem sich Legrand immer gerne tummelte. Quasi als Dessert legte Legrand einen 15 minütigen Bolero (Chapter 26) aufs Parkett.
Eine wirklich tolle CD zum Abschluss einer langen Filmmusikkarriere.

Phil

 

ROBIN HOOD
Joseph Trapanese, Sony Music

Mit ROBIN HOOD (2018) liefert Hollywood eine weitere Version des Rächers der Enterbten. Doch unter der Regie von Otto Bathurst musste der Stoff entstaubt und ans zeitgenössische Popkorn- und Actionkino herangeführt werden. Dies ist auch der Filmmusik von Joseph Trapanese anzuhören. Grundsätzlich hat er eine Orchestermusik geschrieben und diese wird auch von einem Hauptthema für Robin Hood angeführt. Dieses Hauptthema ist durchaus eingängig und unterhaltsam, doch wird es in Stücken wie «Rob Inspired», «Becoming a Thief», «Becoming a Hero» (Robin auf Steroide; eher anstrengend anzuhören), «Money to the People» und «Becoming the Hood» in immergleicher Weise gespielt, womit es abgegriffen wird.

Der Rest der Musik ist leider über weiteste Strecken ein anonymer und daher austauschbarer Orchester-Synthi-Mix, wie man ihn aus etlichen anderen Soundtracks kennt. Leicht auf den Ohren, aber auch schnell vergessen. Für Fans des Films und des Komponisten dürften «Money to the People» und «Becoming the Hood» in einer Best-of-Playlist absolut ausreichend sein.

Basil