Kurz und knapp 28

HILLBILLY ELEGY
Hans Zimmer & David Fleming, Sony Music

Das Jahr 2020 hätte ein reich befrachtetes Hans-Zimmer-Jahr für die Filmmusik-Community werden sollen. Doch COVID hatte andere Pläne und so wurden die grossen Blockbuster mit neuer Musik von Hans Zimmer allesamt ins 2021 verschoben (Stand Dez 2020). HILLBILLY ELEGY, die achte Zusammenarbeit von Regisseur Ron Howard und Zimmer, war hiervon jedoch zum Glück nicht betroffen. Das Rostgürtel-Drama von Netflix, basierend auf dem 2016er Bestseller von J. D. Vance, ist bei den Kritikern zwar durchgefallen, doch in Sachen Filmmusik liefert er gute und berührende Unterhaltung, auch wenn mir persönlich das Zutun der E-Gitarre weniger gefällt.

Im Eröffnungsstück «Transformation (End Title)» präsentieren Hans Zimmer und David Fleming – letzterer ein Remote-Control-Kollege, der hier seinen ersten grossen Co-Komponisten-Credit erhält, wenn ich das richtig überblicke – das Hauptthema in einer berührenden und stetig an Kraft gewinnenden Version. Für mich klingt es, als ob hier Stilismen aus THE PLEDGE (2001) auf die Streicher- und Gitarren-Tempi aus THE HOLIDAY (2006) und die Perkussion aus SPIRIT (2002) treffen, auch wenn diese Arbeiten grundsätzlich nichts mit HILLBILLY ELEGY zu tun haben. Die Stücke «Rust» und «Kentucky 1997» spielen auf ähnlichem Ton und zu diesen Klängen kehrt das Album mit «Responsibility» und «Steel in Our Veins» zurück. Dazwischen präsentieren Zimmer und Fleming ein paar deutlich dunklere Musikmomente, welche die sich öffnenden Abgründe des Familiendramas ausloten. Hier wird der Hörgenuss nachvollziehbar geschmälert. «We Respect Our Dead» und «Suffocating» wenden sich in bedrohliche, beengende Atmosphäre-Sound-Welten ab – mit Synthi-Effekten, pulsierenden Rhythmen, dissonanten Clustern. Dazwischen gibt es melancholisches Klavierspiel («Resignation», «Old Wounds»), teils mit Echoeffekten versehen, wodurch effektvolle Einsamkeit erzeugt wird.

Trotz kleinem Ensemble gelang Zimmer und Fleming für HILLBILLY ELEGY eine facettenreiche Filmmusik, die ans Herz geht. Verglichen mit der anderen Zimmer/Howard-Arbeit REBUILDING PARADISE, die wenige Wochen zuvor veröffentlicht wurde und für die Zimmer mit Lorne Balfe zusammenspannte, bietet HILLBILLY ELEGY, wenn auch kein Überflieger, mit den Bluegrass-Elementen um einiges kurzweiligere Unterhaltung.
Basil



MUSSOLINI-THE UNTOLD STORY
Laurence Rosenthal, Intrada

Ein TV-Zweiteiler aus dem Jahr 1985 mit dem stets gerne gesehenen George C. Scott, David Suchet, Lee Grant, Raul Julia und einem jungen Robert Downey jr. über den Aufstieg, die Machtergreifung und den Tod des italienischen Faschisten und Diktators Benito Mussolini. Die Musik stammt von Laurence Rosenthal, der Mitte der Achtziger fast nur noch fürs TV tätig war. Arbeiten wie die famose Musik zum Kinofilm CLASH OF THE TITANS (1981) blieben die Ausnahme.

Rosenthals Stil ist im Titeltrack unverkennbar: Der Marsch erinnert unter anderem an ähnliche Stücke aus METEOR (1979). Der Score ist dramatisch und melodisch gehalten, hie und da taucht ein «richtiger» Marsch auf, der vermutlich im Bild gespielt oder unter verwendeter Stock footage eingesetzt wurde. Mandolinenmusik, falls das jemand erwartet oder befürchtet hätte, ist in MUSSOLINI-THE UNTOLD STORY nicht zu hören, dafür aber die Schwere, die die ernste, italienische Musik gerne umgibt – was sicherlich gut zur Thematik passt –, so zu hören im bewegenden Hauptthema des Scores.

Intrada präsentiert den Score auf zwei CDs mit einer Laufzeit von beinahe zwei Stunden. Hier wird also viel und vor allem wirklich tolle Musik geboten, inklusive einiger tollen Spannungstracks in der zweiten Hälfte der zweiten CD. Ergänzt ist das Ganze mit einem mit 12 Seiten etwas knapp bemessenen Booklet. Feine Sache alles in allem und ein Muss für Rosenthal-Fans!
Phil



THE HUNT
Nathan Barr, Backlot Music

Dank Reminiszenzen an Bernard Herrmann könnte man dazu neigen mehr im Score zu sehen als eigentlich da ist. Streicher-Staccato wie so oft, in ruhigeren Passagen allzu monoton; irgendwie kennt man das alles schon. Allerdings wissen einige der Cues spontan zu gefallen: Die „End Credits“ könnten von Jesper Kyd (BORDERLANDS 2) sein, und dürfen gerne öfter gehört werden. „Snowball Dominates“ ist narrativ ausgefallen, mit raschen Stimmungswechseln, scharfen Streicherglissandi und allerlei Motivik versetzt.

Im „Kitchen Fight“ hat Betty Gilpin ganz einfach Oscarpreisträgerin Hilary Swank unter den Tisch gespielt. Ja richtig, Hilary Swank hatte gegen den Schneeball keine Chance. Wer den Film mag, darf den Score gerne wegsnacken. 2,5 Scheiben ohne Herrmann-Bonus.
Oliver



KUARTETS
Kristian Sensini, Kronos Records

Mit KUARTETS legt der italienische Komponist Kristian Sensini sein erstes Soloalbum abseits seiner Filmmusik-Alben vor, wobei seine Filmmusik-Stilismen auch hier präsent sind. Für dieses Album, das u. a. dank Crowdfunding zustande gekommen ist, hat er neue und ältere Kompositionen für ein Streicherquartett umgeschrieben (sofern nicht bereits für vier Streicher komponiert). Das Ergebnis krankt leider an der Spieldauer, denn nach 65 Minuten kammermusikalischer Streichermusik stellte sich bei mir eine «Übersättigung» punkto Streicherklänge ein. Das eröffnende Stück «Bycicle Promenade» ist wirklich super gelungen – voller Bewegung und Verspieltheit. So lauscht man gerne auch den weiteren Stücken doch nach dem ersten Albumdrittel wünschte ich mir ein paar neue Klangfarben herbei. Interessant ist, dass Kristian Sensini auf seiner Website zu jedem Stück Gedanken, Überlegungen und Hintergrundgeschichten formuliert hat (leider nicht im CD-Package mit dabei, aber hier zu finden: http://www.kristiansensini.com/kuartets/). Diese Ausführungen machen das Hörerlebnis mehrdimensionaler und geben etwas Orientierungshilfe.

Unter anderem hörte ich mir das Stück «John & Jerry» mit erhöhter Aufmerksamkeit an, als ich gelesen habe, dass er hier Akkordabfolgen aus STAR WARS und STAR TREK aufgebrochen und miteinander kombiniert hat. Auch im Falle von «La Stanza di Vanni» – ein italienisches Wortspiel mit «Hans» und «Zimmer» –, mit dem er dem Hollywood-Komponisten Tribut zollt. Diese Wurzeln wirklich herauszuhören, gelang mir zwar nicht, wie ich etwas beschämt eingestehen muss, aber diese textliche Hinführung gab mir in diesem Falle sowie auch bei vielen der anderen Stücke eine spezifischere Sichtweise auf die Kompositionen, was ich sehr schätzte. Andere wollen sich indes allenfalls gänzlich unvoreingenommen auf die Musik einlassen.

In seinen Ausführungen schreibt Sensini auch, dass einige der Kompositionen ursprünglich für Soloklavier oder für ein 5-köpfiges Jazz-Ensemble geschrieben wurden. Wären die Originalversionen in dieses Album eingebunden worden, hätte das Album punkto Abwechslung meiner Meinung nach sicherlich gewonnen. Aber evtl. folgen hiervon zu einem späteren Zeitpunkt Einspielungen…
Basil



JACOB’S LADDER
Maurice Jarre, Quartet Records

JACOB’S LADDER (1990) kam im selben Jahr in die Kinos wie ein anderer von Bruce Joel Rubin geschriebener und von Maurice Jarre mit Musik unterlegter Film: Der weitaus erfolgreichere GHOST (1990) mit Patrick Swayze und Demi Moore. Auch LADDER verarbeitet Tod und Trauma, Verlust und Spirituelles, allerdings auf einer ganz anderen und weitaus Grauen erregenderen Ebene. Vom damaligen Hit-Regisseur Adrian Lyne inszeniert und mit einem jungen Tim Robbins besetzt, reichte der zweifellos schwierige Film nicht an die Erfolge von Lynes anderen Filmen wie FLASHDANCE (1983) und FATAL ATTRACTION (1987) heran.

Mit WITNESS (1985) beschritt Maurice Jarre damals für ihn neue Wege, indem ein komplett elektronischer Score entstand. Live aufgenommen in einem Studio mit mehreren Musikern an Synthesizern oder dem EVI, wurden Klänge und Klangfarben quasi ad hoc entwickelt. Nach dem Peter Weir Film mit Harrison Ford beschritt Jarre diesen Weg einige Jahre weiter und es entstanden hauptsächlich elektronische Scores zu Filmen wie THE MOSQUITO COAST (1986), NO WAY OUT (1987) und GORILLAS IN THE MIST (1988).

Der Score zu JACOB’S LADDER öffnet mit dem sentimentalen Klavierthema in «Copters In», einem der wenigen melodischen und ruhigen Momente der Komposition. Danach setzt Maurice Jarre fast gänzlich auf sein Elektronikensemble, bestehend aus Ian Underwood, Mike Fisher, Ralph Grierson, Michael Boddicker. Angereichert mit Solostimmen, einer Shakuhachi, Solovioline und dem fremdartig klingenden Kitka Eastern European Women’s Choir entsteht eine eindrucksvolle, aber nicht für jedermanns Ohren gemachte Klangcollage, die den Horror und die Bilder des Filmes wiedergibt. 

Quartet hat die Doppel-CD (auf Disc 1 ist die ursprüngliche Soundtrackpräsentation von Varèse enthalten, CD 2 ist für die Neupräsentation des Scores reserviert) mit einem tollen Booklet mit Liner Notes von Daniel Schweiger ausgestattet.
Phil



THE ROADS NOT TAKEN
Sally Potter, Sony Music

Mit THE ROADS NOT TAKEN (2020) liefert die 71-jährige Regisseurin Sally Potter ihren neunten Spielfilm und zugleich ihre fünfte Filmmusik ab. Der Film erzählt aus dem Leben des gealterten Leo (Javier Bardem) und dessen Tochter Molly (Elle Fanning). Leo geht im Geiste mehrere alternative Lebenswege, die er hätte einschlagen können, wenn er sich teils anders entschieden hätte. Er erzählt Molly hiervon, wobei alle Geschichten neben fiktiven Gegebenheiten auch reale Elemente enthalten. Diese «teils gelebten Leben» ihres geistig umnachteten Vaters bringen auch Molly ins Grübeln – was wäre, wenn sie andere Lebenswege eingeschlagen hätte oder einschlagen würde? Sie verspricht ihrem Vater, bei ihm zu bleiben, während sie sich in einer alternativen/gedanklichen Realität aus dem Zimmer stiehlt und selber andere Wege geht.

Diese Geschichte erzählt Sally Potter in ruhigen und intimen Bildern. Im Booklet-Text schreibt sie, dass sich die musikalischen Ideen über den Filmentstehungsprozess hinweg und insbesondere im Schneideraum auszugestalten begannen. Sie schrieb zwölf Stücke, die sie zusammen mit fünf befreundeten Musikern aufnahm, mit denen sie bereits frühere Filmmusikarbeiten einspielte. Sieben dieser Stücke seien im Film verblieben.

Wenn man sich THE ROADS NOT TAKEN anhört, wähnt man sich wie in einem «Songs Inpsired by»-Album, nur dass hier die Stücke durchgehend instrumental und nicht gesungen sind. Aber jedes Stück scheint ein Eigenleben zu haben, besitzt eine individuelle Note. Hier gibt es keine alles verbindende Leitmotive oder dominierende Klangfarben. Im Ergebnis klingt es wenig fokussiert und nach einmaligem Hören auch eher austauschbar, doch mit mehrmaligem Hören entwickeln manche Stücke einen eigenwilligen Charme – insbesondere «Rough Dancing». Während knapp 40 Minuten porträtiert die Musik psychodelische, melancholische, aufmüpfige und traumtänzerische Emotionen. Eine kleine Filmmusik, die keine hohen Wellen schlägt, aber zu unterhalten vermag.
Basil



RAWHEAD REX
Colin Towns, Silva Screen Records

Noch nie etwas gehört von RAWHEAD REX? Mir ging es gleich. Der Horrorfilm basiert auf einem Drehbuch von Clive Baker (HELLRAISER, 1987) und wurde 1986 unter der Regie des wenig bekannten George Pavlou, der zuvor mit UNDERWOLD (1985) einen weiteren Stoff Barkers verfilmte, auf die Beine gestellt.

Colin Towns machte sich unter Filmmusikfans einen Namen mit seinem gelungenen, orchestralen Score zu THE WOLVES OF WILLOUGHBY CHASE (1989), danach war er hauptsächlich im Fernsehen tätig und hat unter anderem die Musik zu über 60 Episoden der populären Serie DOC MARTIN (2004 – heute) geschrieben. Towns komponierte gar Folgen für den TATORT.  

Wer hätte gedacht, dass hinter einem wenig bekannten und kruden Titel eine durchaus gute Genre-Filmmusik steckt? Towns beginnt mit seinem die Absichten des Films nicht verhehlenden «Rawhead Rex Main Theme», mehr in die Vollen des Gruselfilms geht er in «Rawhead Appears» oder im hauptsächlich elektronischen «Boy Runs for his Life through the Wood». Ein Thema, das konträr zur Horrorstimmung läuft, ist das wunderschöne «Welcome to Ireland». Towns verwendet in RAWHEAD REX grossteils ein Orchester. Instrumenteneffekte und Tonverfremdungen, zum Beispiel durch Echo oder Hall und Synthesizer sind etwa in «Just you wait» zu hören, in dem Towns ausserdem eine Solostimme erklingen lässt. Auch eine Orgel, die mir aber doch eher vom Synthesizer zu stammen scheint, nimmt ihren Platz ein. Aufgenommen wurde in den CTS London Studios unter Leitung von Allan Wilson. Das Album enthält ein Booklet mit einem Interview mit dem Regisseur und nur einer kurzen Wortmeldung des Komponisten.
Phil


12.12.2020