kurz und knapp 24

VIOLIN CONCERTO: ELEVEN ELEVEN
Danny Elfman, Sony Classical

Ein überraschendes Konzertwerk von Danny Elfman wurde kürzlich auf Sony herausgebracht, das Violin-Konzert „Eleven Eleven“, welches er im Auftrag des Prager Orchesters für die Violinisten Sandy Cameron geschrieben hat. Herausgekommen ist eine listige, energetische und erstaunlich kompakte Komposition, die irgendwie zwischen Barber, Mendelsohn und Elfmans „hauseigenem“ Stil hin und her tanzt. Hervorragend anzuhören und nicht völlig entrückt von dem was man auch die Elfman-Magie nennen kann. Als zweites Werk ist das „Piano Quartet“ enthalten, etwas verspielter und sicherlich humorvoller rüberkommend als „Eleven Eleven“, das titelgebende, dramatischere Werk qualitativ aber nicht erreichend.
Eingespielt wurde „Eleven Eleven“ vom Royal Scottisch National Orchestra mit Sandy Cameron und unter der Leitung von John Mauceri. Das Klavierstück spielte das Berlin Philharmonic Piano Quartet ein.
Phil


POKÉMON: DETECTIVE PIKACHU
Henry Jackman, Sony Music

Auch das noch, ein POKÉMON-Film… POKÉMON: DETECTIVE PIKACHU (2019) von Regisseur Rob Letterman mischt Live-Action-Film mit den animierten, durchgeknallten Pokémon-Figuren. Das Ergebnis ist dann jedoch unterhaltsamer, als man nach dem ersten Trailer befürchtet haben könnte. Aber über lockeren Popcorn-Spass hinaus reichts dann auch nicht, was aber natürlich nicht kleingeredet werden soll.
Die Musik stammt von Henry Jackman und dieser wandelt hier auf ähnlichen Spuren wie damals für WRECK-IT RALPH (2012) und RALPH BREAKS THE INTERNET (2018). Er liefert eine verspielte Filmmusik mit Orchester und analogen Synthesizer-Klängen. Wenn diese Gameboy-Zeitalter-Synthis überhandnehmen, wird die Musik nervtötend. Daneben ertönen bekannte Action-Tuttis für Orchester und ab und an etwas mysteriöse Dramatik und Melancholie. Ein bewährter Mix aus der Feder von Henry Jackman. Alles schon mal dagewesen, wobei die PIKACHU-Musik auch nicht dank eines starken Hauptthemas individuellen Charakter erhält, worin das grosse Versäumnis Jackmans liegt. Das Album klingt nach einer reinen Fingerübung für den Comedy-Jackman – nicht schlecht, aber im Gesamtwerk des Komponisten gesehen schlicht unoriginell.
Basil


THE SENTINEL
Gil Mellé, La-La Land Records

1977 versammelte Michael Winner eine ansehnliche Besetzung aus vertrauten Veteranen und frischen Gesichtern, denen die Zukunft gehören sollte, um sich und inszenierte einen ganz ordentlichen, grösstenteils im Haunted-House-Genre angesiedelten Gruselschocker. Für die Musik war John Williams sein Wunschkandidat, nach dessen Absage sprang Gil Mellé in die Bresche, und sein Score kann sich wahrlich hören lassen. Bei seiner Mischung aus grossem Orchester und Elektronik (auch ein Chor ist synthetischen Ursprungs, was man nicht ohne weiteres erkennen würde) bedient er sich verschiedenster Techniken, die von thematisch-tonal für Romantik und trügerische Idylle bis avantgardistisch-experimentell reichen. Erwähnenswert sind für das Genre nicht alltägliche, im Brass-Band-Bereich angesiedelte Passagen, und auch Mellés Jazz-Hintergrund macht sich hie und da bemerkbar. Im Film wirkt die Musik zuweilen, weil auch recht laut abgemischt, ein wenig dick aufgetragen, aber da auch Winner oftmals alles andere als zurückhaltend ist, passt das dann wieder. Als reines Hörerlebnis hingegen ist THE SENTINEL eine ausgesprochen stimmungsvolle Sache und beste Werbung für einen Komponisten, der in Sachen Veröffentlichungen bisher leider eine sehr untergeordnete Rolle spielt.
Andi


70 BIN LADENS
Fernando Velázques, Quartet Records

Manchmal sind die obskuren Titel, von denen man eigentlich kaum was erwartet, die grossen Überraschungen. So geschehen mit 70 BIN LADENS des Spaniers Velázques, einem der richtig starken Filmkomponisten einer ganzen Riege von der iberischen Halbinsel, die in Europa und im bestem Fall auch in Hollywood tätig sind. Den spanischen Thriller von Koldo Serra (GERNIKA) unterstützt der Komponist mit einer rohen, manchmal brutalen Musik, die man am ehesten mit der Jazzsprache eines Lalo Schifrins oder Jerry Fieldings in Verbindung bringen kann. Der kurze, knackige Score ist gelinde gesagt eine sackstarke Sache und mit etwas vom Besten was das Jahr 2019 bisher hervorgebracht hat. Diese Musik hebt sich qualitativ und von seiner Originialität her ganz deutlich Spannungseinerlei so vieler anderer Komponisten hab, die immer öfter in unendlichen Orchestertiraden oder ethnisch-sphärischem Gefrizel versinken.
Phil


SHOOTER
Mark Mancina, Otis Taylor, Lakeshore Records

Scharfschütze Bob Lee Swagger hat sich nach einer misslungenen militärischen Operation in die Wildnis zurückgezogen. Nach einigen Jahren wird er von einem Regierungsmitarbeiter aufgesucht, der ihn als Berater anzuheuern möchte. Mit seinen Kenntnissen soll ein Attentat auf den Präsidenten verhindert werden. Das Attentat findet statt, wird aber Swagger in die Schuhe geschoben. Der Scharfschütze muss nun alles daran setzen die Tat aufzuklären, seine Widersacher auszuschalten und seine Unschuld zu beweisen. Regisseur Antoine Fuquas Rache-Spektakel funktioniert bestens. Plausibel geschnitten, tolle Naturaufnahmen und ein Darsteller-Ensemble das den Zuschauer mitnimmt. Löblich ist auch das Fehlen nerviger CGI. Alle Stunts und Effekte sind quasi handgemacht. Wenn gegen Ende mal ein Hubschrauber explodiert, noch bevor dieser am Boden zerschellt, kann man darüber hinwegsehen und dies sogar spaßig finden. Nun zum Scoring. Über die Musik von Mark Mancina kann man nicht viel Gutes sagen. Die Musik läßt vornehmlich den Bildern den Vortritt. Losgelößt vom Film wird nicht ganz klar worum es geht. Spielt der Film unter Wasser, in der Wüste oder im Weltraum? Mancina findet keinen rechten Zugang zum Filmplot. Kaum eingängig, aber durchaus atmosphärisch brodelt die Musik vor sich hin, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Wer am Film – wie ich – großen Spaß hatte und einfach mal in den Score reinhören möchte, der wird staunen, wie nichtssagend die Arbeit ausgefallen ist. Auch Otis Taylors Song gegen Ende ändert nichts daran; im Gegenteil. Fazit: Mark Mancinas Musik zum sehenswerten SHOOTER funktioniert im Film, ist als Höralbum aber kaum zu gebrauchen. Die Produzenten hätten den ohnehin schon guten Film mit einem stylischen Orchsterscoring weiter aufwerten können. Interessanter fällt übrigens Bobby Krlics Vertonung der gleichnamigen Serie aus. Der ein oder andere Schnipsel von Mancina wurde aufgegriffen und zum wummernden Elektro-Pop verkocht. Leider gibt es diese Serienmusik nicht zu kaufen. Augen und Ohren offenhalten!
Oliver


ULTIMATE SUPERHEROES – MUSIC TO SAVE THE WORLD TO 
Various, Sony Music

Aus dem Album ULTIMATE SUPERHEROES – MUSIC TO SAVE THE WORLD TO (2019) wird man nicht so ganz schlau. Hinter dem Album stecken das Czech Philharmonic Orchestra, die London Voices, Dirigent Robert Ziegler und Aufnahmeleiter Simon Rhodes – alles bekannte Namen in der Branche. Mit Sony ist das Album bei einem etablierten Label erschienen. Die CD kommt in netter Aufmachung daher und präsentiert an sich gesehen ein unterhaltsames Programm, bestehend aus einigen der bekanntesten Superhelden-Themen. Soweit nichts auszusetzen. Aber das Album enthält gewichtige Fehler: was als «Theme» aus THE DARK KNIGHT RISES, komponiert von Hans Zimmer und James Newton Howard (sic!; JNH war in RISES nicht involviert), deklariert wird, ist eigentlich Danny Elfmans BATMAN-Thema vom 1989er-Film. Zudem wird nicht Brian Tylers Super-Thema für IRON MAN 3 (2013), sondern jenes von Ramin Djawadi für IRON MAN (2008) gespielt, jedoch unter Falschnennung des Komponistennamen. Wie kann so etwas passieren? Da drängen sich juristische Auseinandersetzungen ja fast auf… Die Komponisten selbst scheinen jedenfalls nicht in diese Produktion involviert gewesen zu sein. Solche Fauxpas müssen Soundtrack-Interessierte irritieren und egal wie unterhaltsam die Zusammenstellung letztlich tatsächlich ist, behält die CD einen «fake»-Eindruck, zumal einzelne Arrangements auch «eingedampft» wirken… Hier bleibt man besser bei den Originalaufnahmen.
Basil


GHOSTBUSTERS
Elmer Bernstein, Sony

Stolze 35 Jahre hat es gedauert, ehe Elmer Bernsteins Score zum Megahit GHOSTBUSTERS (das Ivan Reitman Original, nicht das politisch korrektere Remake von 2016) unlimitiert erschienen ist (Varèse schickte den Score davor schon ins Clubrennen). Zum Kinostart musste sich der Komponist mit 2 Stücken auf der damals überaus erfolgreichen Song-CD oder der ein und anderen Konzertsuite begnügen. GHOSTBUSTERS war eine Herausforderung für Bernstein. Hier hatte er es mit Übernatürlichem, Komikelementen und einer Liebesgeschichte zu tun. Das alles unter einen Hut zu bringen war kein leichtes Unterfangen und so fühlt sich denn auch die Musik an (erstaunlicherweise nicht bei einem der üblichen Filmmusiklabels, sondern bei Sony erschienen). Das Ganze erweist sich als Eintopf, dem die letzte Prise Salz fehlt. Das witzige Thema hat er später in THE GRIFTERS abermals aufgegriffen, dem Paranormalen gibt er mit elektronischen Beigaben Untersatz während das eigentliche Liebesthema ziemlich verloren gegen alles ankämpft. GHOSTBUSTERS ist sicher eine Notwendigkeit für die Fans des Komponisten, doch trotz der Tatsache, dass hier so einiges enthalten ist, was nicht den Weg in den finalen Film fand, so richtig zünden mag der Score schlussendlich doch nicht. Doch im Zuge vieler einstiger Songs-Veröffentlichungen aus der Zeit wie BACK TO THE FUTURE, THE GOONIES und Co., die ebenfalls Jahrzehnte später ihre Filmmusik-Releases erhielten, sollte man Sony für diesen Griff ins Archiv dankbar sein.
Phil


THE HIGHWAYMEN 
Thomas Newman, Sony Music

THE HIGHWAYMEN (2019) erzählt eine weitere Geschichte rund um das berüchtigte Verbrecherduo Bonnie & Clyde. Regisseur John Lee Hancock und der Cast – u.a. Kevin Costner, Woody Harrelson und Kathy Bates – haben einen recht unterhaltsamen «Public Enemy Ära»-Film geschaffen. Costner und Harrelson verkörpern die wenig zimperlichen Texas Rangers, die nach guter alter Methode Jagd auf Bonnie & Clyde machen, nachdem die forensischen Möglichkeiten des FBI keine Erfolge herbeigeführt hatten.

Die Musik stammt von Thomas Newman und das hört man ihr während jeder Sekunde an. THE HIGHWAYMEN klingt wie ein Zusammenzug aus seinen Arbeiten für THE SHAWSHANK REDEMPTION (1994), THE GREEN MILE (1999) und ROAD TO PERDITION (2002) – um nur die mehr oder weniger genreverwandten Beispiele zu nennen. Damit ist das lange Album eine eigentliche Newman-Rundumschau geworden (75 Minuten Spielzeit, davon 70 Minuten Score), doch fehlen der Musik zu THE HIGHWAYMEN markante, melodiöse Highlights sowie eigenständige, neue Ideen. Hier hallt leider nichts nach, was bei den anderen genannten Newman-Werken definitiv anders ist. Hingegen eignet sich THE HIGHWAYMEN bestens als Hintergrundmusik für Arbeits- und Lesestunden (bis auf die zwei Source-Stücke, die den ruhigen Fluss von Newmans-Musik störend unterbrechen). Für kurzweilige, thematisch interessantere Unterhaltung greift man besser zu Thomas Newmans fast zeitgleich erschienen Musik zu TOLKIEN (2019).
Basil


TOLKIEN
Thomas Newman, Sony Classical

The Lord of the Rings Autor J.R.R. Tolkien war kein einfacher Mitmensch, aber das sind Künstler und kreative Leute eigentlich nie – und das ist auch recht so. Erstaunlich ist auch die Musik von Thomas Newman, die ein Viel an Ethnik mit Chorgesängen und Newmans Stil mischt, ohne Zweifel einer mit dem grössten Wiedererkennungswert der tätigen Komponistengilde. Das hat seine guten und schlechten Seiten, bei Thomas Newman kann es auch zum «ich höre hier nichts, was ich nicht schon in anderen Newman Scores gehört habe» führen. TOLKIEN gehört eher zu den gelungenen Sachen des Komponisten, zuletzt mit FINDING DORY sehr erfolgreich, die Musik ist ein weitfassendes Gebilde, das zwar keinen grossen Wiedererkennungseffekt innehat, aber durch die Dramatik und besondere Farben anspricht.  Gespannt sein darf man, so man ein Faible für biographische Filme hat, wohl auch auf den Streifen mit Benedict Cumberbatch.     
Phil


HELLBOY – CALL OF DARKNESS 
Benjamin Wallfisch, Sony Music

Mit HELLBOY – CALL OF DARKNESS (2019) von Regisseur Neil Marshall gibt sich der rothäutige Teufelskerl zum dritten Mal die Ehre – blutig, laut, sarkastisch bis geschmacklos. Doch dieses Mal schien kaum jemand Feuer und Flamme zu sein. Der Film floppte an den Kinokassen und die Kritiker liessen kein gutes Haar an ihm. Die Filmmusik stammt von Benjamin Wallfisch. Er entfesselt eine regelrechte Wutkakophonie. Elektronik und harte Perkussion sind beinahe im Dauereinsatz. Dissonanzen durchstechen einem das Trommelfell. Hier liefert Wallfisch einen regelrechten Metal-Score ab. Kurze ruhige Momente mit mysteriösem Unterton wie stellenweise in «A New Eden» und im letzten Drittel von «Cathedral Fight» sind selten.
Diese Filmmusik ist wirklich strapaziös – selbst mit verhältnismässig kurzer Spielzeit (knapp 45 Minuten Score) – und daher abseits der Bilder wohl nur für eingefleischte Metal-Crossover- und Wallfisch-Fans interessant. Von den facettenreicheren Vorgänger-Filmmusiken von Marco Beltrami (für HELLBOY (2004)) und Danny Elfman (für HELLBOY – THE GOLDEN ARMY (2008)) sind hier keine Spuren auszumachen. Diese HELLBOY-Musik ist abseits der Bilder unangenehm und penetrant – im Film zweckdienlich. Da will man den CD-Spieler doch schnell wieder für den weitaus spassigeren SHAZAM! (2019) von Wallfisch freigeben.
Basil


CAMILLE CLAUDEL
Gabriel Yared, Music Box Records

Ein weiteres Highlight dieses Filmmusikjahres ist Yareds wunderschöne Komposition zu CAMILLE CLAUDEL. Geschrieben für den 1988er Film mit Isabelle Adjani (als Camille Claudel) und Gérard Depardieu (als Auguste Rodin) besticht Yareds Musik mit packenden, expressiven Streichern ohne Holzbläser und Blech, hauptsächlich um zwei Themen drehend und mit Harmonien und den Streichersektionen spielend. Der Komponist fand sich in der schwierigen Situation die von Regisseur Bruno Nyutten verwendete Musik Bruckners und Benjamin Brittens zu ersetzen, dieses fast unmögliche Unterfangen hat er meisterhaft umgesetzt und eine seiner feinsten Filmmusiken geschrieben. Die Music Box CD präsentiert ein Stück mehr als die 2005 erschienene Cinéfonia Disc und sechs zusätzliche Bonustracks.
Phil


19.7.2019