King Kong (1976, Deluxe Edition)

Gemessen am grossen Trara, das Paramount anno 1976 rund ums King-Kong-Remake veranstaltete, durfte man sich mindestens auf das neunte Weltwunder gefasst machen. Dass der Film diese Erwartung dann nicht erfüllte, lag einerseits an den Spezialeffekten, die selbst für ihre Zeit schon ziemlich mau waren, denn oftmals war Kong nichts anderes als der altbewährte «man in a suit», und einige Szenen spielten in allzu künstlichen Studiokulissen. Dass es sich beim einzigen Riesenviech, das dem König sein Reich streitig machte, um eine Schlange handelte (war wohl leichter zu animieren als Saurier), und dieser Machtkampf kurz und relativ unspektakulär ausfiel, war eine weitere, leise Enttäuschung.

Während Jessica Lange in ihrem Filmdebüt wenig mehr als eye candy ist und Charles Grodin als gieriger Vertreter einer Ölfirma den Hang zum Überagieren hat, macht Jeff Bridges das Beste aus seiner Heldenrolle und deutet den künftigen Charakterdarsteller an, zumindest ähnelt er optisch bereits dem «Dude», seiner Paraderolle aus The Big Lebowski. Zählt man die grossartigen Naturaufnahmen Hawaiis, das Finale auf dem World Trade Center ‒ das dem verschwundenen Wahrzeichen New Yorks ein ehrendes Andenken bewahrt ‒ und John Barrys Musik dazu, dann ist der Streifen aus heutiger Sicht trotzdem ein kleinerer Semi-Klassiker, der zwar in keinster Weise an das Original heranreicht, sich aber zumindest hinter der aufgeblähten Peter-Jackson-Version nicht zu verstecken braucht.

Wer Barry auch nur ein bisschen kennt, der kann sich vorstellen, dass es sich bei King Kong um keine mit Schockmomenten durchsetzte, handelsübliche Monstermusik handelt. Der Komponist ist primär an der verhängnisvollen Beziehung von Kong und Dwan interessiert, und so sind dies denn auch die einzigen Figuren mit eigenen Themen. Für Kong gibt es sogar gleich fünf Motive, die seine Präsenz, seine Macht, seine Gefühle, sein Schicksal repräsentieren. Hiervon dürfte zunächst einmal «The Mystery of Kong» am Einprägsamsten sein, weil im Main Title von einer Kirchenorgel intoniert, deren mahnender Klang ahnungsvoll vom in der Ferne lauernden Unheil kündet.

Als Gegenentwurf zu den düsteren, mit Verderben behafteten Kong-Motiven haben wir das Thema für die warmherzige, gewinnende und vertrauensvolle Dwan. Barry benutzt es auf für ihn so charakteristische Art und Weise in breit angelegten, von Streichern und Holzbläsern getragenen Darbietungen in erster Linie als Liebesthema ‒ denn natürlich verguckt sich nebst dem Affen auch unser Held in die schutzbedürftige Schöne ‒, es durchläuft aber auch dramaturgisch bedingte Verarbeitungen.

Mit die spektakulärsten und eindrucksvollsten Passagen des Scores sind während der Ereignisse auf Skull-Island zu hören. Barry taucht in The Island und Waterfall die unberührte Natur des Eilands in warme Farben und bringt im zweiteiligen Night Wall einen Chor mit beschwörerischen, eindringlichen Kong-Rufen ein, der sich im Verbund mit Trommeln und archaischen Flöten, bedrohlichem Blech und scheppernden Rührschüsseln dem ekstatischen Ritual hingibt, mit dem die Eingeborenen ihrem Herrscher in Form einer neuen Braut huldigen. Snake Fight und Chase/Trap sind zwei markante Action-Stücke, die vom Rhythmus der Dschungeltrommeln beherrscht werden.

Beim Schauplatzwechsel nach New York gibt’s zunächst einen Aufmerksamkeit heischenden Marsch und in Presentation eine Rock-’n‘-Roll-Einlage à la Siebzigerjahre. Into a Bar und Alone in a Barverbreiten nächtliche, melancholische Grossstadt-Stimmung, bevor in World Trade Center die tragische Wendung der Geschichte immer grössere Ausmasse annimmt. Am Ende betrauert Barry die sterbende, bemitleidenswerte Kreatur in Kong’s Heart Beat mit angemessener Schwermut und flüchtet sich dann ins ein wenig Trost spendende, die Schlusstitel unterlegende Dwan-Thema.

Vielleicht weil John Barry produktionsbedingt chronologisch komponieren musste und dadurch eine in sich äusserst stimmige Erzählstruktur entstand, nimmt man die im Vergleich zur LP (die übrigens nicht nur mit ein paar alternativen Cues von der Filmfassung abweicht, sondern auch punkto Sequenzierung und Tracktitel) gute halbe Stunde zusätzlichen Materials der Deluxe-Edition sehr gerne, denn auch wenn diese vielleicht nicht unverzichtbar ist, vervollständigt sie doch auf anschauliche Weise die Intentionen des Komponisten.

Ship at Sea/Strange Tale/Hey look, Dwan Alone/Dwan & Jack, Prisonerund Super Tanker enthalten hübsche Varianten von Dwans Thema, beim klammen Fog Bank wird man sich der aufkommenden Gefahr bewusst, in Day Wall singen sich die Kong-Rufer schon mal warm, Petrox Marching Band zelebriert die neueste Attraktion des Big Apple, und in Church Organ wird nochmals Kongs unbehagliches «Mystery»-Motiv angespielt.

Klanglich zeigt sich die ebenso inspirierte wie engagierte Musik fein herausgeputzt, und in der Komplettfassung wurden die auf dem alten Album enthaltenen Sound-Effekte weggelassen; ich glaube kaum, dass sie jemand vermisst, ansonsten kann zu CD 2 gegriffen werden. Dort wird man nach dem LP-Programm (für viele Sammler wohl eine Doublette, da vom selben Label vor sieben Jahren schon einmal herausgebracht) noch mit einer Reihe Alternates versorgt. Alles in allem holt sich der Käufer mit dieser (zweitletzten) FSM-Veröffentlichung dann doch ein willkommenes Schmuckstück für die Barry-Sammlung ins Haus.

Andi, 21.11.2012

 

KING KONG (Deluxe Edition)

John Barry

FSM Vol. 15, No. 5

CD 1: 70:44 Min. / 29 Tracks
CD 2: 69:42 Min. / 22 Tracks

 

 

 

 

 

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