Judge Dredd (Intrada)

Danny Cannon war 26 Jahre alt als ihm der Deal seines Lebens offeriert wurde: Judge Dredd zu verfilmen. Die recht gewalttätig blutige Comicserzählung war stets ein Steckenpferd des Briten, doch erst nach The Young Americans (1993) konnte er die grossen Studios, die ein solches Unterfangen zu finanzieren im Stande waren, von seinem Vorhaben überzeugen und so rückte eine Realisation schliesslich näher. Hätte Cannon gewusst, was mit Judge Dredd alles auf ihn einprasseln würde, wer weiss ob er diese Erfahrung nicht lieber vermieden hätte. Eines ist Cannon heute aber klar: „Der Film lehrte mich, nie mehr mit einem grossen Hollywoodstar zu filmen.“ Der Star war Sylvester Stallone und der hatte nach Cliffhanger eine ganz nette Filmflaute eingefahren. The Specialist, Assassins und Demolition Man waren alles andere als die Hits, die er sich ausrechnete. Und so widerfuhr Cannon, was vielen jungen Filmemachern Hollywood zum Verdruss werden lässt: Das Drehbuch wurde zig Mal angepasst, aus einem Film nahe an den Comics wurden ein glatt gebügelter Superheldenfilm für Kids und Familie, Stallone stellte sich als wenig kooperativ heraus und der Film, der schlussendlich in die Kinos kam, war alles andere als das, was sich Danny Cannon vorgestellt hatte. Schliesslich floppte Judge Dredd und wurde trotz einigen feinen Spezialeffekten zu einem Mansch an Stallone-ismen, schlechten Drehbuchideen plus, verflixt, Leute, Judge Dredd zieht seinen Film nie aus. Nie! Es sollte bis 2012 dauern ehe sich wieder jemand an den Stoff des behelmten und vehementen „Ausführorgans von Recht und Ordnung“ wagen sollte. Dredd war denn auch eher das was Fans des Comics erwarteten.
Ein anderes Kapitel war Cannons Kampf David Arnold mit der Musik zu betrauen, was bei den Studioverantwortlichen auf keinerlei fruchtbaren Boden stiess. Einem Newcomer und Briten mit lediglich einem Titel in der Bio (The Young Americans) wollte man keinen Hollywood-Blockbuster überlassen.

Vorhang auf Alan Silvestri. Wenn man von einer „maskulinen“ Filmmusik sprechen kann, dann sicherlich im Zusammenhang mit Judge Dredd. Ausgestattet mit einer riesigen Orchesterbesetzung, einer ganzen Batterie an Schlagwerk und Blechbläsern, lieferte Silvestri das, wofür Goldsmith eigentlich vorgesehen war: Einen prima Actionscore mit einem starken Hauptthema. Wie sagt Silvestri doch: „Die Judges waren nicht unähnlich den Gladiatoren in dieser Kleidung und ihr Auftreten hatte etwas von römischen Legionären, sie waren so gut wie unantastbar, mähten alles nieder.“ Spektakulär und Testosteron geladen kommt sein Hauptthema daher, gross, gewaltig und doch prächtig anzuhören. Man vergleiche nur viele seiner späteren Genremusiken (The First Avenger, The Avengers, G.I. Joe etc.), die sich nicht zuletzt gegenüber heutigen Abmischungen völlig unterscheiden. Selbst wenn Judge Dredd laut ist, selbst wenn das Orchester massiv auftritt, so sind die einzelnen Register immer noch herauszuhören. Es herrscht eine Klarheit und Aufteilung, ein Spiel mit laut und leiser, wie es in aktuellen Musikmixes des Genres Action und SF fast völlig verloren gegangen ist.

Und so klingt Judge Dredd frisch, lebendig oft faszinierend und eben… anhörbar! Silvestris Themen sind eine feine Sache. Nebst dem stets präsenten Hauptthema, dessen man nie überdrüssig wird, (Silvestri: „Das Haupthema ist durchaus auf der „langsameren“ Seite angelegt, doch schliesslich rennen die Judges nicht in Gebäude voll mit den Bösweichtern. Sie gehen gemässigten Schrittes hinein.“) hören wir ein weiteres Thema, von Silvestri Dredds bösem Bruder zugedacht, einem ehemaligen Judge, gespielt von Armand Assante. Von Niedergeschlagenheit und Enttäuschung geprägt ist ein Motiv, dass der Komponist in Verbindung mit dem Verrat an Dredd und dessen Verurteilung bringt, welches Silvestri mit dem Bruderthema verbinden kann, ein Weiteres ist in Dredds Ort der Verbannung zu hören. Freilich ist ein nicht unverkennbarer Teil des Scores für die vielen Actionszenen reserviert, Silvestri aber bedient sich stets seiner Motive – und wenn Dredd schliesslich über das Böse obsiegt, erklingt sein Thema wie ein triumphierender Marsch.

Beendet wird CD 1 von Jerry Goldsmiths Trailermusik. Andere Verpflichtungen standen einem Engagement des Veteranen für Judge Dredd im Weg, doch fand er Zeit für den Trailer eine eigene Musik zu schreiben. Interessant, dass sich die Ansätze beider Komponisten, obwohl keiner von des anderen Musik gewusst hat, durchaus ähneln. Silvestri nahm übrigens zuerst in London auf, doch das was im Film zu hören ist, stammt zum allergrössten Teil von den Sessions, die später in Los Angeles getätigt wurden, nachdem der Film diverse Änderungen durchgemacht hatte.

Intrada präsentiert ein Doppelalbum, zunächst mit der Musik so wie sie, zumeist jedenfalls, im Film zu hören war, während CD 2 diverse Stücke zeigt, die nicht im Film enthalten sind, sowie vier „übrig gebliebene“ Tracks des alten Albums (das sich Silvestri mit fünf deftigen Songs teilen musste). Wie schon bei Return to Ozdarf man sich über ein 28 Seiten starkes Booklet freuen, schade dass nicht mehr auf die problematischen Dreharbeiten eingegangen wird, aber dazu gibt es sicherlich genügen Stoff um ein ganzes Buch füllen zu können. Und zu guter Letzt zur Frage ob sie sich denn also lohnt, diese Doppel-CD? Kurz und knapp, ja!

Phil, 10.7.2015

 

JUDGE DREDD

Alan Silvestri

Intrada Special Collection ISC 316

CD1: 68:22/26 Tracks
CD2: 71:00/21 Track

 

 

 

 

 

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