Jaws (Decca)

Es gibt eine Welt des Kinos vor JAWS und danach. In nostalgischen Zeiten konnte man völlig unbeschwert durch das offene Meer planschen und u.a. die Strände Amity Islands (klingt im Film so nett) genießen. Das Image des Hais an sich geriet dann ziemlich übel – wohl einziger Negativ-Effekt vom Film und seiner nun 40jährigen Wirkung.

Simpel-genial, zeitlos: das Hai-Motiv – Komponist John Williams und diese zwei Töne stehen für Filmkulturerbe. Als Spielberg vom Projekt-Titel JAWS (Gebiss, Rachen) erfuhr, dachte er zunächst an eventuell die Story um einen Zahnarzt… Ganz frühes Blockbuster-Kino: JAWS – schlicht super inszeniert.

So mancher Bub blendet zurück: Im heimischen Bastelkeller wurde an der Sperrholz-Haiflosse rum gesägt und lackiert, dunkelgrau – man wollte sie etwa vor Sierksdorf aus den Fluten auftauchen lassen…

Steven Spielberg äußert im Making of, dass JAWS ihn stets an Mut und Dummheit erinnere – wie komplett unbefangen der frühe Filmemacher zu Werke ging. Herrlich, was alles schief lief beim Dreh – 1975 war an digitale Postpro-Zaubereien nicht zu denken. „Recht gut gelungen“ ist JAWS dann doch noch.

Der Killer-Hai wirkt durch Sekunden-Auftritte (Cutterin Verna Fields leistete tolle Arbeit) umso bedrohlicher. Gravierende Schwierigkeiten bei Hydraulik und Beweglichkeit vom Hai-Model – man merkt davon nichts. Um die dreißig war Spielberg als er einst ablieferte.

Die Dreharbeiten wären seitens Studio unterwegs fast abgebrochen worden – die Befürchtung: Ein Budget-Wassergrab (einst 9 Milliönchen). Heutzutage wäre es keine allzu große Sache, einen Großen Weißen für Panik sorgen zu lassen.

Ein geniales Cast-Händchen bewies Spielberg immer. Chief Brody (Roy Scheider), Ex-N.Y.C.-Cop – wasserscheu, seine erste Insel-Saison fängt gleich gut an. Hooper (Richard Dreyfuss), Meeresbiologe – unkonventionell, aus gutem Hause. Quint (Robert Shaw), Haijäger-Veteran – kumpelhaft, jähzornig, hart.

Die JAWS-Partitur von Williams ist nicht nur zwei dumpfe Noten wert, der komplette Soundtrack versprüht Vielseitigkeit. Das frühe 35-Minuten-MCA-Album machte schon Appetit. Jahrelang vergnügte man sich also mit 12 Tracks. Hier beim „Collector’s Edition Soundtrack“ sind 8 Tracks mehr an Bord. Besonders diese Info wärmt den Lautsprecher vor:

2x Includes unreleased music („Main Title And First Victim“, The Shark Approaches“), 5x Previously unreleased („The Empty Raft“, „The Pier Incident“, „Into The Estuary“, „Brody Panics“, „Barrel Off Starboard“), 4x Includes music not used in the film („Shark Attack“, „Father And Son“, „The Great Shark Chase“, „Three Barrels Under“, „Between Attacks“).

Track 1, „Main Title And First Victim“: Hier die „Filmversion“ (wobei das hämmernde, schreiende Opening ab 0:55 Sek. direkt überschwappt zur nächtlichen Schwimmerin – im Film lodert noch die Mundharmonika dazwischen). Interessant schon allemal, da Track 1 des MCA-Albums arg abgewandelt daher kam. Der „First Victim“-Part ist auch wieder nichts für zarte Ohren. Bei 2:34 Min. folgt das Auffinden der Überreste von Chrissie Watkins am Strand.

Track 6, „Ben Gardner’s Boat“: (MCA-Album: „Night Search“) Ab 1:00 Min. wird’s „unruhiger“, doch bis dahin baut sich leise Geheimnisvolles auf. Brody wurde von Hooper überredet, nachts mit raus zu fahren, um vielleicht den Hai mittels Hightech (Anno 1975) auf zu spüren – sie entdeckten ein demoliertes Fischerboot, der Rest ist Geschichte.

Track 7, „Montage“: Mächtige Urlauber-Fähren legen an – Amity Island wird von Touries gestürmt. Beschwingt, vorfreudig, könnte an so manchen Häfen zur Begrüßung der Gäste gespielt werden. (Beim MCA-Album findet sich die Track-Variante „Promenade (Tourists On The Menu)“ – dort in längerer Version).

Track 11, „Man Against Beast“: (MCA-Album: „Sea Attack Number One“) Mitreißende Präsentation so ziemlich aller Themes – fast schon magisch die Musik, wenn Brody, Hooper und Quint den Hai zum ersten Mal in voller Länge am Boot vorbei ziehen sehen. Das Feeling beider Tracks gegenübergestellt macht es einem nicht leicht – jede Version hat was.

Track 12, „Quint’s Tale“: Ein alter Bekannter. Ein düsteres Märchen. Seebär Quint lässt die Geschehnisse um die USS-Indianapolis-Bombenmission Revue passieren. Weshalb dieser Track (man kannte ihn aus MCA-Zeiten als „The Indianapolis Story“) umbenannt wurde – ein Rätsel für kommende Generationen.

Track 20, „End Titles“: Kann es etwas friedlicheres geben als Streicher, Glocken, Flöte und ein tapfer-trauriges Williams-Theme? Immer wieder gern lassen diese „End Titles“, ob Film, MCA-Relikt oder Collector’s Edition, den ganzen Horror-Trubel sanft ausklingen.

Hörspaß – sowieso garantiert, ist man dem Film gewogen. Kurz sei Joel McNeelys 2000er Neueinspielung des historischen Score-Materials erwähnt (auf CD erstmals film-chronologisch). Früher oder später klöppeln eigene Kids „Hai-Musik“ mit nackten Füßchen über die Keyboard-Tastatur – ein Stück Filmmusikgeschichte der dritten Art.

Manfred Schreiber, 6.3.2015

 

JAWS - The Anniversary Collector’s Edition 

John Williams 

DECCA 028946704523 

52 Min.

 

 

 

 

 

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