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WHITE BUFFALO

Ennio Morricone
David Shire

Quartet Records
QR267

73:27 Min.
37 Tracks


DVD:
22 Min.

 


  

Was geschieht wenn sich ein Filmmogul mit speziellen finanziellen Arrangements an ein monströses Filmprojekt wagt, zeigte sich 1976 mit King Kong. Es entstand ein megateueres Spektakel mit vielen Fragezeichen, einem Monsterroboter, King Kong, der immense Summen verschlang und keine 2 Minuten im Film zu sehen ist, einem Make Up-Mann, der sich ins Affenkostüm wagte und ein Schlangen-Affen-Kampf, der so manchem japanischen Godzilla-Werk in nichts nachstand. Doch Dino De Laurentis liess es sich nicht nehmen und produzierte mit Orca ein Jahr später gleich ein Jaws rip-off und mit White Buffalo die Story eines riesigen Albinobüffels, der Wild Bill Hickok (Charles Bronson) in seinen Träumen verfolgt und Amok läuft – der Büffel, nicht Bronson. Erstaunlicherweise durfte nach dem Kong Debakel hier Carlo Rambaldi wieder ran, der später die Aliens in Close Encounters of the Third Kind und unvergesslich E.T. konstruierte. Hier war er nun verantwortlich für den weissen Büffel. Wen wundert es, es lag sicher nicht an Rambaldi, dass der Film zum Flop geriet?

Als erstes durfte David Shire sich als Komponist versuchen, frisch nach seinem Erfolg mit
All the President's Men. Er ging J. Lee Thompsons Verfilmung völlig anders an, als es die Macher erwarteten (so ist es in Shires Auszügen im Booklet zu lesen) und berief sich teilweise auf die 12-Ton Technik, mit der er in The Taking of Pelham One Two Three erfolgreich war. Sein Score zu White Buffalo hat durchaus Anklänge, die mehr an Krimis oder Thrillers erinnern, mit einer Spritzer Wild West-Note versehen. Auch die Action dominierteren Tracks wie „Part 7“ haben diesen unverkennbaren Shire-Thrillertouch.

Anders als John Barry verwendet Shire weder Streicher (ausgenommen von den „Saloonmusiken“ am Ende der CD) noch Blechbläser, das ist ohne Zweifel einer der ganz markanten Unterschiede. Sein Drei-Noten-Hauptmotiv, dem Shire viel Platz einräumt, wird von einer E-Gitarre gespielt über dem eine Oboe und eine zweite Oboenstimme erklingen. In „Part 1“ übernimmt schliesslich das Fagott und leitet eine Kaskade an Klängen der Holzbläser, Windchimes und Synthesizer ein.
Leichtfüssiger wird die Musik zu Beginn von „Part 3“, eine Mischung aus bluesigen, modernen Klängen, angeführt von der Paarung Klarinette/Querflöte und einer dynamischen Rhythmussektion. Eine weitere up-tempo Nummer eines Hauptthemas ist in „Part 10“ zu hören (Hackbrett?, E-Bass, Drums, Klavier, Harfe, Gitarren...). Auch den einheimischen Einschlag, der durch Will Sampson (
One Flew over the Cuckoo's Nest) vertreten wird, lässt Shire nicht aus: „Part 11“, perkussives in „Part 15“ und indianische Flötensounds in „Part 16“. Ausserdem kriegen wir wie erwähnt Instrumente zu hören, die durchaus das Etikett „Wilder Westen“ vertragen (Piano mit Saloon- und Jazzeinschlag in „Part 5“, Akustikgitarren...), aber nicht unbedingt in diesem musikalischen Umfeld zu erwarten sind. Umso interessanter macht dies jedoch Shires Komposition: Sie ist eben so schön anders.

Nun wäre es natürlich spannend, uns auch mit anderen Musiken Shires zu überraschen, die beim finalen Film ersetzt wurden:
Kramer vs. Kramer zum Beispiel oder was Shire mit Apocalypse Now machte, das wüsste der Fan doch zu gerne. Wer weiss was die Zeit bringt?

John Barrys Musik ihrerseits, für De Laurentis bereits bei
King Kong tätig, beschreibt rein stimmungsmässig zwar eine ähnliche Herangehensweise. Sicher ist das was Barry geschrieben hat traditioneller, dennoch geht auch der „Obermelodist“ hier atonale Wege, was gleich zu Beginn in „Main Title“ zu hören ist, dem er eine brodelnde Atmosphäre verleiht. Kontrabässe, Tuba, Posaunen (das Blech spielt das eigentliche Gefahrenmotiv), umgeben von Perkussion, Windmaschinen ähnlichen Effekten (elektronisch?) etc. Aus diesem kurzen Motiv macht Barry schliesslich in „Charlie One-Eye“ sein sechs Noten Hauptthema, doch immer wieder sind es Gefahr und Spannung, die die Komposition bestimmen. Rar bei Barry, dass der emotionale Aspekt fast stiefmütterlich behandelt wird; zu hören ist ein romantisches Thema in „Jenny Weed“, „Eatin' Cow/Snow Walk“ und wirklich kurz (und abrupt ausgeblendet) in „Lost my Bet“, ausserdem stimmt er eine kurze Melodie (Querflöte) am Ende von „Buffalo Bones/DeadMiners/Fetterman“ an. Beim eingangs erwähnten 2-Noten Motiv (eben jenes gleich zu Beginn) ist man versucht zu sagen: à la Jaws, der Vergleich soll erlaubt sein (weisser Hai, weisser Büffel). Hinzu kommt ein leicht indianisch angehauchtes Element und das durchaus traurige Wild Bill Hikock Motiv. Unterdessen vergisst der Engländer nicht die Grösse der Landschaft in seiner Musik erklingen zu lassen, so wie wir es später und deutlich ausufernder, das ist durchaus positiv gemeint, in Out of Africa und Dances with Wolves hören sollten.

Es verwundert kaum, dass
White Buffalo nicht sonderlich erfolgreich war, insbesondere wenn man dieses „Werk“ gesehen hat. Es war die Zeit, in der man nach Jaws aus Tier-dreht-durch-Filmen versuchte Blockbustergold zu machen. Meistens misslang das.

 
 phb 29.5.17