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DVD Rezensionen

DER VERDINGBUB

R: Markus Imboden

D: Katja Riemann, Stefan Kurt, Max Hubacher u.a.

Musik: Benedikt Jeger

Verleih: Ascot Elite


Für unsere Deutschen Leser: Ein Verdingbub oder Verdingkind waren Kinder, die aus einer armen, kinderreichen Familie oder etwa auch aus Familien stammten, die wegen eines Todesfalls einen Elternteil, zumeist den Vater, verloren, der Willkür der Behörden ausgesetzt. Sie wurden Bauern abgegeben, die ihnen mehr oder weniger anständige Kost und Logis gewährten. Meist weniger, was im Widerspruch dazu steht, dass die Bauern für ihren „Dienst“ gar Geld erhielten. Vielen Verdingkindern erging es schlecht. Sie wurden als Arbeitskraft missbraucht, mussten im Stall schlafen und waren Schlägen ihrer Besitzer ausgesetzt. In den Dörfern wurden sie von den Schulkollegen meist geschnitten. Ein solcher Verdingbub ist Max, der aus einem Heim stammt und an die Familie Bösiger im Emmental abgegeben wird. Dort rackert er von halbvier in der Früh (sonntags darf er eine Stunde länger schlafen!) bis in die Nacht, nebst dessen, dass er auch noch in die Schule gehen muss.

Der Sohn der Bösigers, gerade vaterländisch stolz aus dem Militärdienst zurück gekehrt, ist auf Max eifersüchtig, weil Vater Bösiger von dessen Arbeitsleistung beeindruckt ist, wird von Max‘ Lehrerin zurückgewiesen und vergreift sich an Beteli, dem anderen Verdingkind der Familie. Als sich die engagierte Lehrerin für das Schicksal der beiden Kinder einsetzt, stösst sie nur auf Tatenlosigkeit seitens der Gemeinde. Der Pfarrer, der gegen einen netten Obolus an Gemüse und Würsten den Bösigers die Kinder zuhält, sieht freilich nur die Kinder als Ursache.

Der Verdingbub hat in den Kinos (übrigens einer der erfolgreichsten Schweizer Filme in den heimischen Kinos) bei vielen ehemaligen Verdingkinder, die sich an ihre schwierige Kindheit erinnert sahen und so einiges wieder erlebten, das sie durchmachen mussten, für Tränen gesorgt. Auch löste der Film in der Politik eine neue Diskussion aus und führte schliesslich zu einer offiziellen Entschuldigung der Behörden für das Versagen von Ämtern und (wieder einmal) der Kirche.

Markus Imbodens (
Bella Block, Bingo, Katzendiebe) Film ist ein eindrückliches, stilles Drama um ein Stück Schweizer Geschichte, von dem nur wenige meiner und nachfolgender Generationen wussten. Wieder, wie so oft, wurde totgeschwiegen was nicht sein durfte und einmal mehr brauchte es einen Film (siehe auch Das Boot ist voll oder Kinder der Landstrasse) um ein Thema zu vergegenwärtigen und aufzuarbeiten. Das schafft Imboden nachhaltig, auch dank starken Schauspielern, insbesondere der älteren Riege, wie Stefan Kurt oder der Deutschen Katja Riemann, und ungeschönter Darstellung einer gar nicht so heimeligen Postkartenidylle. Bedenkt man, dass dies alles kaum 60 Jahre zurückliegt, überkommt einen ein Schaudern.

Der Verdingbub gehört ohne Umschweife auf die Liste der besten Schweizer Filme und könnte gut und gerne für eine Oscarnominierung für den besten fremdsprachigen Film sorgen, verdientermassen!


Musikalisch beschränkt sich Benedikt Jeger (
Anna Gölding, Klassengeflüster) fast gänzlich auf die Szenen in denen Max auf seinem Handörgeli spielt, die einzige Flucht aus dem trüben Alltag für den Bub. Hier erfährt er schliesslich auch Bestätigung und Anerkennung. Filmisch ist das Ganze dabei allerdings nicht so ganz stilsicher umgesetzt, ist doch gut zu erkennen, das Max Hubacher das Spiel auf der kleinen Ziehharmonika weniger gut beherrscht, als es die Musik weismachen will. Vom Komponisten (www.benjeger.ch) gibt es übrigens eine CD mit 23 Minuten Dauer als auch eine mit zusätzlichen 30 Minuten nicht verwendeter Musik, Filmskizzen genannt. Sehr gelungen sind die feinen Übergänge vom zünftigen Schottisch in den argentinischen Tango, den Max am Radio der Lehrerin lauscht.

Interessant, das "umfangreiche Schulmaterial" in der Bonusecke. Der Film ist ausserdem als Hörspielfassung für Blinde ausgestattet. Löblich!

 
Bewertungen

Film:

Musik im Film
1/2
Extras:
Technisch: 
 Bild:1/2
 Ton:1/2 

 phb, 5.8.2012

 


 
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