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Der Eisverkäufer - reloaded Print

 

von Manfred Schreiber

80er-Jahre-Kinosaal: Trailer gelaufen, Werbeblöcke durchgespult, sanft wird die Leinwand vom dicken, ausgefransten Vorhang verhüllt – nochmals hellen Wandstrahler unseren Kinosaal auf.

 


Ich sitze Mittelblock, Reihe 8, außen zum Gang – so bleibt wenigstens die rechte Flanke frei. Meinen voluminösen Daunenparka verstaue ich auf dem leeren Sitzplatz links von mir. Ein Ticket, zwei Plätze, super. Ältere entsinnen sich: Man hätte im heimischen Puschen-Kino die Hand gekritzelte Videokassetten-Liste durchstöbern können – aber hier auf dem Klappsessel, der echten Leinwand gegenüber, hier gehören Kinofilme hin!

Mit allerlei Hüftgold-Wegbereitern an Bord, scheppert der überladene Handwagen in den Kinosaal: „Noch jemand Eis?“ Animiert vom einzigen Vormucker, zücken immer mehr ausgehungerte Kinogänger ihre Geldbörsen und winken den Eisverkäufer zu sich. Die Uhr läuft – eigentlich ist man ja wegen Filmgucken hier drin. Dieses rätselhafte, radikale Verzögerungsszenario wird auch heute wieder zelebriert – kübelweise Zuckerplörre kommt unters’ Volk. Und plötzlich aus den maroden Boxen: „Ung-na-na-ung-na-na-ung-na-na-uuaahh-ung-na-na-ung-na-na...“ – die spielen jetzt echt
Santa Maria ein! Wahnsinn – das einzige Wort, was es richtig beschreibt (wie General Stilwell in Spielbergs 1941 analysiert). Eisverkäufer kassiert ab, Publikum hamstert Vorräte griffbereit auf den Konsolen mit diesen niedlichen Lampenschirmchen – massenhaft potenzielle Rascheltütenware ist dabei. Hoffentlich wird’s ein lauter Film.

Holla, die Waldfee – mein Sitznachbar zur Linken erscheint doch noch und präsentiert mir seine zwischen den Zähnen aufgeweichte Eintrittskarte. Verfrüht also habe ich naiv triumphiert, heute genug Platz um mich herum zu wissen, rolle den Daunenparka
gutmütig auf, quetsche ihn zwischen meine Beine und gebe links kostbares Terrain frei. Zwar hat der neue Nachbar nur ca. 49 Kilo, er balanciert aber einen 3,5-Liter-Coke-Eimer – randvoll. Diesem Gerippe gebe ich bis Filmminute 15, dann rennt der Typ zum Klo – und ich muss ihn nämlich durch lassen.

Mit Scannerblick filtert der Eisverkäufer mehr Kunden: „Sonst noch jemand?“ Ich hocke da und flehe grimmig bei mir: „Niemand, niemand! Los, raus, Tür zu, Ruhe, dunkel werds’! Und schmeiß’ den Projektor an!“ Auch der letzte, halb verhungerte Kinogast wird von unserem Mann hier drin mit Engelsgeduld bedient. Dann schiebt der Eisverkäufer ab, sein Handwagen rumpelt Richtung Ausgang, die Miniräder gurken über Popcornbrösel drüber – jetzt nur keine Panne! Foyer ist fast erreicht, ja, das sieht gut aus!

Da wagt es Einer aus Reihe 2, den Transport zurück zu beordern! Der Neukunde, Ivan Drago nicht unähnlich, hat wohl noch keine Chips. Eisverkäufer also retour. Produktauswahl dauert. Ich möchte rufen: „Mach schon, weg endlich mit dieser Grübel-Fratze! Greif hin, gib Ruh’ und iss’ das Zeug am besten erst nach dem Film!“ Traue mich das bei Drago aber nicht, pruste vor mich hin. Mein Sitznachbar, der dünne Strich, setzt zum ersten Schluck an. Um uns herum wird Eiskonfekt, Popcorn und Bier verteilt, irgendwie auch familiär. Ich schiele zur Uhr. Vorne in Reihe 2 hat Drago seinen Proviant komplett – mit feist freudigem Grinsen reißt er sofort die mächtige Tüte auf. Das wird hier noch ein Superabend! Jemand lässt eine Batterie Salzstangen über meiner Sitzreihe wirbeln.

Endlich zieht sich der Eisverkäufer zurück, Beleuchtung wird gedämpft, fieses Ohrwurm-Gedudel verstummt – es ist still und dunkel. Wenn jetzt einer nach Zigaretten fragt! Winzige Lämpchen unterhalb der Sitzreihen – wie Glühwürmchen schimmern sie auf die Auslegeware und spenden wohlige Kinostimmung. Einen friedlicheren Ort kann es nicht geben. Doch! Das Gerippe, mein direkter Sitznachbar, furzt wie ein Fernfahrer. Wäre ich bloß zuhause geblieben! Bei meinem Videorekorder! Gut, VHS-Qualität ist nicht das Gelbe vom Ei, einige Tapes sind mir auch schon zerpflückt worden, aber man kennt das nicht anders, es sind die 80er. Allerdings hat man zuhause die Option zu lüften, wann man will – hier drin nicht. Wieder ein Gerippe-Furz – leiser, schlimmer noch als die erste Verpuffung.

Vorhang gibt Blick auf Leinwand frei, Projektorlichtstrahl durchschneidet Finsternis, Staubpartikel tanzen im Schein auf und ab: Verleih-Logo, Soundtrack-Opening – dafür gibt es Kino! Kamerafahrt in Bodenhöhe durch wehendes Laub, Main Title entfaltet sich – so möge es weiter laufen, tolle Bilder! Inferno auf 6-Uhr-Position – dieser üble Soundeffekt gehört nicht zum Film: Kräcker-Alarm! Hundertneunzehneinhalb Minuten können hart werden: dümmliche Lacher an total falscher Stelle, von hinten durch Polster bohrende Knie, Krawall-Nieser, Fingerknochen-Knacker, tuschelnde Verräter, ihrer einzigen Leidenschaft schamlos frönend – detaillierte Vorhersage der folgenden 30 Filmminuten, manchmal auch mehr. Und: Snack-Schmatzer, jenes Pack, das ungehemmt mit Knistertüten hantiert, darauf los mampft und sauer aufstößt – Drago da vorn, ist nur einer von ihnen. Zu allem Überfluss: mein Sitznachbar hat seinen Coke-Eimer schon runter gekippt – man muss nicht speziell schwach auf der Blase sein, da war einfach zu viel Flüssigkeit im Spiel. Mit verkniffenem „Kann ich mal?“, klettert das Gerippe an mir vorbei.

Irgendwie endet dieser Spuk. Wenn der Filmvorführer hier seinen Job ernst nimmt, darf man die End Credits in voller Länge sehen und hören – ich mag besser nicht darauf wetten. Hastig springen die ersten Wilden aus ihren Sesseln, logische Folge: massive Auflösungserscheinungen. Nacho-Krümel hinten im Kragen erinnern mich an mein Schulhof-Trauma: als mir eine Handvoll Hagebutten-Juckpulver den Rücken runter rieselte. Ratsch – aus, Bild weg, Musik sowieso, Abspann abgehackt! Ich stehe auf – im Gedränge und Geschiebe walzt Drago dann alle raus ins Foyer. Also wieder Homevideo. VHS-Tape? Kannste knicken. Es wird hier Zeit für die Erfindung der DVD.

 
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