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Music from the Edge of Darkness Print



Ein Vergleich von Original Score mit Rejected Score
von Klaus Post

 

Nun hat es sogar Gelegenheitsfilmkomponist John Corigliano erwischt: sein Score zu Edge Of Darkness wurde ersetzt. Wie man hört, liefen seinerzeit die Testvorführungen schlecht, weshalb „größere“ Änderungen am Film selbst vorgenommen wurden. Scheinbar schien es den Produzenten in diesem Zuge logischer zu sein, den Komponisten auch gleich zu ersetzen, anstatt Corigliano seine Musik anpassen zu lassen.
Immerhin wurde er hochkarätig ersetzt durch keinen geringeren als Howard Shore, der ebenso ein Händchen für düstere Musik hat.
Wir haben mittlerweile das Glück, uns beide Scores auf Tonträger anhören und uns selber ein Urteil bilden zu können, ob die neue Musik von Shore wirklich besser zum finalen Film passt, als Coriglianos Variante. Dieser Vergleich soll im Folgenden angestellt werden.

Was schon beim ersten Hinsehen auffällt, ist zum einen die sehr ähnliche Alben-Laufzeit (38 zu knapp 42 Minuten) und zum anderen, dass manche Stücke an ähnlicher Stelle im Verlauf des Scores sinngleich und z.T. sogar identisch betitelt sind, wie z.B.
Reflections = Mourning, Pursuit = Pursuit, Revenge = Killing oder Reunification = Reunited. Indizien dafür, dass die Struktur der beiden Scores sehr ähnlich ist. Und wie sich herausstellt, ist sie das in der Tat.

Die wichtigsten Meilensteine im Filmverlauf dienen bei beiden Scores als Aufhänger für die interessantesten Stücke. Gleich zu Beginn, wenn es darum geht, den Tod der Tochter der Hauptfigur zu vertonen, reißen uns beide Komponisten mit einem harten Stimmungswechsel herum, wobei Shore dies noch drastischer tut als Corigliano.
Danach folgt bei beiden Komponisten eine Phase, die Trauer und Wut der Hauptfigur verdeutlichen soll. Allerdings gibt es auch hier wieder seitens Shore etwas stärkere Neigungen zur Dramatik.
Der nächste musikalische Höhepunkt in beiden Scores ist
Pursuit. Während Shores Variante düsterer aber dennoch actionreich klingt, ist Coriglianos Version nicht nur musikalisch reizvoller, sondern auch intensiver und treibender.
Später sehen wir in einer Rückblende Erinnerungen der Hauptfigur an dessen Tochter als Kind (
Familiy Shave = Emma). Von beiden Komponisten hören wir hier zunächst zärtliche, melodische Klänge in Form des jeweiligen Hauptthemas (besonders Coriglianos spieluhrähnliche Variation des Themas sorgt für infantile Atmosphäre), bevor das Stück wieder ernst wird und die Hauptfigur in die Realität zurück holt.
Der Showdown (
Revenge = Killing) bietet dann subtile Unterschiede. Zwar sind beide Stücke sehr dramatisch und vollorchestral. Aber ausgerechnet Corigliano wird hier im Gegensatz zu Shore weit weniger dissonant und bietet vergleichsweise melodische Dramatik.

Der größte musikalische Unterschied findet sich dann schließlich im Finale bzw. Abspann des Films. Beide Scores nehmen sich hierfür mit 6 ½ bzw. 7 Minuten relativ viel Zeit. Shore unterteilt dieses Finale in 3 etwa gleich lange Stücke, wobei er musikalisch deutlich macht, wann der Film an sich endet und der Abspann beginnt. Er nutzt diese Zeit, das Hauptthema breit auszuarbeiten, lässt aber auch musikalisch die Stimmung des Films noch einmal Revue passieren, allerdings ohne neue musikalische Aspekte zu bringen.
Corigliano dagegen schließt den Film mit einem einzigen Stück ab, was ihm die Möglichkeit gibt, es in seiner musikalischen Entwicklung ganz anders aufzubauen. Und genau das nutzt er auch. Nicht nur, dass er das Hauptthema breit ausrollt, er erweitert es noch bis hin zum gesungenen, arienähnlichen Stück. Seine Absicht dahinter scheint zu sein, die Hauptfigur am Ende Frieden und Versöhnung finden zu lassen. Corigliano sucht also einen im musikalischen Sinne versöhnlichen Abschluss, was eine deutliche Wende darstellt. Shore dagegen sucht diesen Abschluss nicht, sondern begnügt sich damit, die Hauptfigur in ihrem Ableben mit der Tochter wiedervereint sein zu lassen und lässt dann im Abspann die düster-traurige Stimmung des Films erneut aufkommen.

Gerade der jeweilige Abschluss der Scores scheint der deutlichste Hinweis darauf zu sein, worauf es den Produzenten ankam: mehr Düsternis.
Denn in ihrer Gesamtheit betrachtet, ist Shores Variante die düsterere und beklemmendere. Die musikalischen Schwankungen zwischen Melodie und Dramatik fallen bei Shore weniger deutlich aus, als bei Corigliano, dessen melodische Abschnitte nicht so melancholisch klingen, wie die von Shore.

Dies kann einen zu dem Schluss verleiten, dass am Film selbst zwar Änderungen vorgenommen wurden, die aber weit weniger gravierend und in den Verlauf des Films eingreifend ausgefallen sind, als man es uns glauben machen will. Viel mehr schien man mit Hilfe der Musik noch mehr die Dunkelheit des Films betonen zu wollen.
Ob dies gelungen ist, lässt sich nur schwer beurteilen, da als fertiger Film nur die Shore-Variante zur Verfügung steht. Fakt ist aber, dass Shores Musik hervorragend im Film funktioniert. Sie arbeitet dort eher subtil und drängt sich nicht in den Vordergrund, auch wenn man dies anhand des Hörerlebnisses der CD nur schwer glauben kann. Shore tut damit, was er am besten kann: ohne, dass man es bewusst wahrnimmt, kriecht er mit seiner Düster-Musik unter unsere Haut und ist so sehr effektiv. Coriglianos Musik hätte man wahrscheinlich aufgrund ihrer konzertanten Kompositionsart bewusster wahrgenommen. Und da sie, wie schon erwähnt, weniger beklemmend klingt, hätte damit der Film möglicherweise wirklich eine weniger düstere Wirkung entfaltet.


27.8.2012, kp



 
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