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Filmfest Braunschweig 2009 Print
 
Ein Tagesbericht vom Internationalen Filmfest Braunschweig 2009
von Stephan Eicke
 
 

Braunschweig in strömendem Regen. Freitag, der 13., 13 Uhr. Graue Wolken, große Pfützen. Ich kämpfe mir mit meinem Regenschirm den Weg frei. Um 15 Uhr sollte sie beginnen, die „Music Master Class“ des 23. Filmfestes Braunschweig. Geladen war Alexandre Desplat, den ich gerne einmal live erlebt hätte, doch der Maestro musste kurzfristig aufgrund von Aufnahmen in Lissabon absagen. Insider wie meine Wenigkeit wussten bereits kurze Zeit später, dass Dominique Lemmonier als Ersatz herhalten und sich den Fragen Siegfried Tesches stellen würde. Dass Desplat abgesagt hatte, wurde den meisten erst ein Tag zuvor kommuniziert, die Organisatoren des Filmfestes hatten wohl ein bisschen verschlafen, dies rechtzeitig bekannt zu geben.

Dominique Lemmonier arbeitet seit vielen Jahren eng mit Desplat zusammen, ist bekannte Geigerin, spielt in Kalifornien, Paris und an diesem Tag sogar in Braunschweig. Doch dazu später mehr. Sie spielte Violine bei Lust and Caution oder The Curious Case Of Benjamin Button und assistierte Vangelis bei dessen Musik zum Quasi-Historienfilm Alexander. Das sollte doch genügend Stoff zum Plaudern bieten, oder?

Das „Cinemaxx“ in Braunschweig war gerammelt voll, fast jeder der Anwesenden schien ein Presseschildchen um seinen Hals baumeln zu haben. Nicht viel anders als Michael Nyman im letzten Jahr erschien Dominique Lemmonier völlig unbemerkt, in dem sie ohne Begleitung und etwas gehetzt wirkend durch den Haupteingang kam. Sie schien fast verloren: Wo muss ich hin, wo ist die Master-Class, wo bleibt Herr Tesche? Siegfried Tesche moderiert die Master Class bereits seit mehreren Jahren, ist selber Filmmusikfan und v. a. anerkannter James Bond-Experte.

Die Menge im Foyer löste sich schnell auf und verschwand als große Gruppe in einem der Kinosäle. Wer blieb, das waren bekannte Gesichter: Annette Richter (ehemalige Autorin von The Film Music Journal), Mike Beilfuß und David Serong (Cinema Musica), Mike Rumpf (Filmmusik2000) und ich, Stephan Eicke, heute im Auftrag des filmmusicjournal.ch. Nach einer netten Plauderrunde im gemütlichen Kreis startete die Master Class recht pünktlich. Das Publikum war überschaubar: kaum 15 Leute hatten sich eingefunden, Madame Lemmonier zu lauschen. Hier muss gesagt werden, dass diejenigen, die nicht gekommen waren, nichts verpasst haben.

Dominique Lemmonier spricht kein Englisch und so stellte Siegfried Tesche seine doch recht belanglosen Fragen auf Deutsch, eine Dolmetscherin übersetzte ins Französische, Madame Lemmonier antwortete und es wurde dem Zuhörer wieder übersetzt. Das Konzept der Master Class hat sich durchaus bewährt: es werden Filmausschnitte gezeigt von Filmen, zu dem der anwesende (oder in diesem Fall nicht anwesende) Komponist die Musik beisteuerte und über eben diese wird dann geredet.
Die Filmausschnitte waren gut ausgewählt und beleuchteten auch Desplats weniger bekannte Arbeiten.
Gezeigt wurden: Un hero trés discret (1996), Nid de Guepes (2002), De battre mon coeur s'est arrêté (2005), The Queen (2006). Die Fragen, die kamen waren ernüchternd belanglos: Kam die Idee, keine zeitgenössischen Instrumente einzusetzen vom Regisseur oder vom Komponisten? Wir hören hier Klavier, Streicher etc. – ist es das Zusammenspiel der Instrumente, das aus dieser Musik etwas Besonderes macht?
Über die Arbeitsweise Desplats erfuhr man leider nichts. Ein Problem schien auch gewesen zu sein, dass die Dolmetscherin keine Ahnung von Filmmusik hatte und so einige Dinge bei der Übersetzung unter den Tisch fielen. Wenigstens schien die Dolmetscherin Gefallen an dem Klangbeispiel zu Le mépris gefunden zu haben, denn am Ende erkundigte sie sich noch, von wem sie stamme und machte sich eifrig Notizen.

Gesprochen wurde auch über Dominique Lemmoniers „Traffic Quintet“, bestehend aus zwei Violinen, einer Bratsche, Cello und Kontrabass. Desplat, den sie 1986 kennen lernte, hatte für dieses Quintett einige Filmmusikperlen arrangiert, die am Abend auch zu hören sein sollten.

Erwähnenswert ist noch, dass Monsieur Desplat sich die Mühe gemacht hatte, eine 5-minütige Videobotschaft aufzunehmen, die eingespielt wurde. Er sprach von seiner tiefen Verbundenheit zu Deutschland, wo viele Freunde (und Ex-Freundinnen) von ihm leben, erzählte kurz über Filmmusik allgemein und sendete liebe Grüße nach Braunschweig. Erstaunlich, dass er es allein durch eine Videobotschaft in Abwesenheit schaffte, die wenigen Zuschauer mit seinem verschmitzten Charme und Humor zu verzaubern. Vor allem die Damen waren hingerissen.

Nach der etwa anderthalb-stündigen Master Class und nach einem Schoppen Rotwein mit Kritikerkollege Mike Rumpf gab es noch L’armée du crime zu sehen, ein neuer Film mit der Musik von Alexandre Desplat, auf den ich jedoch dankend verzichtete und mich stattdessen in der Stadt umsah – mittlerweile bei angenehmen 13 Grad Celsius Lufttemperatur und ohne Regen.

 
("Traffic Quintet", Philippe Noharet am Kontrabass; Anne Villette an der Violine; Estelle Villotte an der Bratsche; Dominique Lemonnier erste Geige; Raphaël Perraud am Cello. Foto mit freundlicher Genehmigung von Mike Rumpf, filmmusik2000)
 
Das Konzert, für das wir – die Kollegen – uns wieder zusammenfanden, fand um 20 Uhr im Kleinen Haus des Staatstheaters statt. Dominique Lemmonier performte mit ihrem „Traffic Quintet“ Musiken aus der Nouvelle Vague und von Alexandre Desplat selbst, der ältere Filmmusiken nicht nur für die Streicherbesetzung transkribierte, sondern teilweise neue Stimmen hinzufügte oder andere Änderungen vornahm. Diesen Job hat er hervorragend gemacht: die dargebotenen Musiken klangen frisch, voller Verve, Dramatik und Energie. Negativ war, dass niemand einen Programmplan bekam, die gerade gespielten Stücke wurden auch nicht angesagt oder eingeblendet, so dass sich der Abend wie ein lustiges Rätsel-Raten gestaltete. Hinter dem Quintett auf der kleinen Bühne wurden auf einer Leinwand abstruse Videofilme eines Künstlers gezeigt, die in keinerlei Zusammenhang zu den Filmen standen und oft nur aus langweiligen, nichts sagenden Wiederholungen von verwirrenden Bildern bestanden. Wie Mike Beilfuß hinterher sagte, wäre es in der Tat besser gewesen, wenn man die Leinwand genutzt hätte, um die gerade gespielten Titel einzublenden. Was war nun das Programm?

Das erste Stück war Pierrot le fou von Antoine Duhamel (Gast beim Braunschweiger Filmfest 2003), es folgten drei wunderschön arrangierte Stücke vom französischen Exportschlager Georges Delerue: Le mépris, Jules et Jim (ich habe und werde wohl auch nie wieder solch eine schöne Bearbeitung dieses Themas hören) und der weniger bekannte Garde à vue von 1982. Des Weiteren bestand das Programm aus Stücken, die auch auf der erhältlichen CD des Traffic Quintetts enthalten sind (http://www.trafficquintet.com/cde.html).

Mittendrin eine geniale, harsche und beinahe gewalttätige Bearbeitung und Darbietung von Ennio Morricones Peur sur la ville und Alexandre Desplats neuer Musik zu L’armée du crime. Als Zugabe wurde Maurice Jarres A Passage to India Thema dargeboten.

Das Traffic Quintett schien an diesem Abend jeden Zuschauer überzeugt zu haben. Das Zusammenspiel war perfekt, die Freude beim Musizieren durch grinsende Gesichter häufig deutlich sichtbar, jeder Instrumentalist sprühte vor Energie und Spielfreude, die Arrangements waren ohne Ausnahme alle sehr gelungen. Der Geist und Charme des Originals wurde stets beibehalten.
Eine Enttäuschung gab es dennoch: Angekündigt wurde das Staatsorchester Braunschweig mit einer Suite zu Alexandre Desplats Musik für The Queen. Als das Traffic Quintett jedoch von der Bühne ging und die Zuschauer zehn Minuten warteten, erschien kein Orchester, kein Dirigent. Hatte man vergessen anzusagen, dass dieser Programmpunkt entfällt? Oder würde das Orchester erst nach einer halbstündigen Pause spielen? Keiner wusste irgendwas und so verließen die Zuschauer doch etwas verwirrt und vor allem enttäuscht den Saal.

Auch ohne Alexandre Desplat trotzdem ein sehr lohnenswerter Abend mit tollen Instrumentalisten, die hoffentlich der breiten Öffentlichkeit noch bekannter und uns mit weiteren tollen Konzerten beglücken werden. Das Filmfest Braunschweig hat nach wie vor mit kleinen Tücken und einer Organisation zu kämpfen, die noch etwas zu wünschen übrig lässt. Nichtsdestotrotz bin ich froh, dass es dieses zweifellos mit viel Engagement und Liebe zum Film und zur Musik veranstaltete Fest überhaupt gibt.

Ich bin gespannt auf den nächsten filmmusikalischen Gast beim Braunschweiger Filmfest. Ich spekuliere auf Philip Glass, wer weiss...

 
se, 15.11.2009
 
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