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Heaven's Gate: Megaflop, Kunstwestern, Musik
Seite 2 - Startschuss
Seite 3 - Der Hit
Seite 4 - Alles in Butter?
Seite 5 - Das Schiff sinkt
Seite 6 - Die Musik von Heaven's Gate
Seite 7 - Interview David Mansfield
Seite 8 - Interview Teil 2
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? Dem Film entsprechend, viele der Grundbesitzer sind ja osteuropäischer, oftmals jüdischer Abstammung, ist ein spürbar „russischer Anstrich“ zu hören…

David Mansfield: Ein Grossteil der Musik beruht auf Volksliedern aus Russland, der Ukraine, Litauen, die im Film von den Schauspielern gesungen werden. Als Cimino und Carelli die kleineren Rollen besetzten, gab es zwei wichtige Kriterien: Die Schauspieler mussten eine Zweitsprache beherrschen und sie sollten eine Ahnung von osteuropäischen Volksliedern haben.

? Dein Hauptthema hat einen sehr melancholischen Charakter. Es ist gleichzeitig recht simpel und eingängig, hinterlässt aber ein Gefühl der Leere. Deutlich wird das insbesondere nach dem Tod von Ella Watson und während der Schlusstitel.

David Mansfield: Das ist genau die Essenz des Films. Ich glaube mich zu erinnern, dass Michael folgenden Satz auf die Titelseite des Drehbuchs schrieb: „What one loves about life are the things that fade“. Selbst die Höhepunkte wie Champions Tod und die Schlacht sind musikalisch umgeben von Melancholie.

? Wann war für Dich klar, dass Du den richtigen Ton für Heaven’s Gate getroffen hattest und dem Film etwas Besonderes beitragen würdest?

David Mansfield: Das war der Fall, als ich die Main Title Musik schrieb. Ich fühlte, dass ich die Seele und das Herz der Story getroffen habe mit diesem Stück.

? Erinnerst Du Dich noch, wo die Musik aufgenommen wurde und wie lange das dauerte?

David Mansfield: Die kleinen Besetzungen für die Folkstücke wurden in Los Angeles in einem kleinen Indie-Studio namens Paramount, das nichts mit dem gleichnamigen Filmstudio zu tun hat, von Larry Hirsch aufgenommen. Das verteilte sich über den langen Schneideprozess hin. Ich war mit Larry über einen Zeitraum von mehreren Monaten im Studio, aber nicht regelmässig oder etwa mehrmals hintereinander. Mit nur einem Musiker, nämlich mir, gab es keine Budgetprobleme – die Musik war zweifellos einer der Posten, der grosszügig unter dem Budget blieb!

? Vielleicht liessen Dich auch deshalb die Studiochefs in Ruhe…

David Mansfield: Möglicherweise. Aber wohl eher, weil sie ansonsten genügend zu tun hatten mit dem Film…

? Wieviele Musiker hatte die grösste Besetzung?

David Mansfield: Es gab zwei Aufnahmesessions mit einem Streichorchester, ungefähr 40 Musiker. Einmal in Los Angeles und einmal in München.

? Gab es Stücke, die Du umschreiben oder ändern musstest?

David Mansfield: Ja, eine ganze Menge sogar, aber es war mehr im Rahmen von: „Lass uns das in einer langsameren Version versuchen...“ usw.

? Wie schon angesprochen, die Presse hatte damals einiges über den Film zu schreiben. Dann kam das miserable Ergebnis an den Kinokassen. Hat Dich das damals in irgendeiner Weise betroffen?

David Mansfield: Nachdem der Film startete, suchte ich einen Agenten, der mich repräsentieren würde und erhielt nur Absagen. Einer liess mich wissen, dass Heaven’s Gate in meiner Filmographie schlimmer sei als gar keinen Film aufweisen zu können!

? In jedem anderen Fall, mit einem derart grossen Studiofilm, hätte Dich wohl jeder Agent mit Handkuss genommen.

David Mansfield: Es war für eine Weile wie ein Fluch. Das änderte sich erst nach und nach, als die Kritiker begannen den Film mit anderen Augen zu sehen und die ganzen Umstände rund um die Produktion sich langsam verzogen hatten.

? Gab es eine Zeit nach Heaven’s Gate, in der Du fast bereut hast , den Film gemacht zu haben?

David Mansfield: Es war sehr frustrierend keine Arbeit zu finden, aber bereut habe ich es nie an diesem Film gearbeitet zu haben – ganz im Gegenteil.

? Wie hast Du den Neustart von Heaven’s Gate im sogenannten Director’s Cut in Erinnerung, als dieselben Kritiker, die ursprünglich dieselbe lange Version nicht ausstehen konnten, den Film plötzlich mochten?

David Mansfield: Jeder, der am Film beteiligt war, fühlte sich irgendwie bestätigt, eine Art der Genugtuung. Aus rein künstlerischer, kreativer Sicht fanden wir die ausufernden Reaktionen damals völlig übertrieben und nicht zu vertreten, trotz der Schwächen (und Stärken!) des Films.

? Alles in allem: Gibt es etwas, was Du nach Heaven’s Gate so nie wieder getan hättest bzw. daraus gelernt hast?

David Mansfield: Ironischerweise nicht, nein. Ich war ein Anfänger in Sachen Filmmusik, wurde an sich von allem, was nicht die Musik betraf, abgeschirmt. Und was ich noch zu lernen hatte, lernte ich im Laufe der Zeit und mit jedem neuen Projekt.

? Es folgten noch drei weitere Filme mit Michael Cimino: Year of the Dragon, The Sicilian, Desperate Hours. Wie ist es, mit ihm zu arbeiten und hast Du nach Heaven’s Gate gezögert, wieder für einen Cimino Film die Musik zu schreiben?

David Mansfield: Absolut nicht. Ich war ausser mir vor Freude und sehr dankbar, als Michael mir anbot bei Year of the Dragon wieder dabei zu sein.
Je mehr er mir zu vertrauen lernte, desto erfüllender wurde für mich die Arbeit mit ihm. Am befriedigendsten für mich war The Sicilian. Michael verhielt sich da sehr respektvoll, ermutigend und inspirierend.

? Inwiefern zeigte sich das?

David Mansfield: Nun, ich merkte, dass er mit dem Resultat sehr zufrieden war, vom Moment an, als er das erste Stück hörte. Seine Zuversicht mir gegenüber war zu spüren und das war enorm befreiend für mich - und wir hatten die selben Vorstellungen was die Musik anbelangte.
Ich erinnere mich noch gut an die Aufnahmen in Budapest, das fühlte sich wie eine grosse Party an. Er und Françoise Bonnot (die für den Filmschnitt verantwortlich war) brachten Kaviar mit ins Tonstudio – wir hatten einfach eine tolle Zeit.

? Ich nehme an, er war auch dankbar, dass Du vor und nach Heaven’s Gate stets zu ihm gehalten hast?

David Mansfield: Gut möglich, allerdings war eher ich der Dankbare, immerhin ist er stets zu mir gestanden.

? Worin liegen die Unterschiede der vier Scores für Michael Cimino? Und gibt es eine Verbindung musikalischerseits?

David Mansfield: Heaven’s Gate war durchwegs von ethnischer Volksmusik geprägt und für mich, da ich zum grössten Teil die Musik ja selber intonierte, hinsichtlich der Einspielung etwas ganz Besonderes. Es war mehr ein Musizieren als ein Komponieren. Year of the Dragon war meine erste Erfahrung mit einem traditionellen Orchester, obwohl es da auch einige zeitgemässe Synthesizerstücke gab. Hinsichtlich Komposition und Orchestration war das allerdings ein intensiveres Erlebnis, ausserdem dirigierte ich bei diesem Film zum ersten Mal. Das war der Film, bei dem ich mir wirklich meine Sporen als Filmkomponist abverdiente.
Bei The Sicilian hatte ich mehr Selbstvertrauen, fühlte mich sicherer und hatte einfach ein Riesenerlebnis, an diesem Film zu arbeiten. Ich habe es richtig genossen. Desperate Hours war der erste Film, bei dem Michael und ich nicht die gleiche Meinung hatten, kreativerseits. Ich hatte etwas Mühe mit dem grossen, orchestralen Ausdruck und den Emotionen, die Michael wollte. Wir mühten uns damit ab und ich habe das Gefühl, dass sich der Score auch nicht wirklich bewährte.

Das Bindeglied all dieser Filme ist Michaels Sinn für Melancholie, etwas was uns beide verbindet. Das ist stets eine Art roter Faden und ein Diskussionsstrang in allen unseren gemeinsamen Arbeiten gewesen. Was die Beziehung mit ihm als Filmemacher anbelangt, war er für mich eher ein Mentor als ein Regisseur. Ich war ja bloss ein junger Popmusiker, als ich mit ihm zu arbeiten begann und entwickelte mich dank ihm zu einem Filmkomponisten. Dafür werde ich ihm, ebenso wie Joan Carelli und Françoise Bonnot immer dankbar sein.

? Was ist bei Dir in Sachen Musik aktuell?

David Mansfield: Vor ein paar Jahren bin ich ins Westerngenre zurückgekehrt und habe gemeinsam mit meinem alten Freund Van Dyke Parks die Musik für eine Miniseries von Walter Hill geschrieben, Broken Trail. Für Helen Hunt [die Oscarpreisträgerin in der Sparte Beste Hauptdarstellerin für As Good as it Gets, phb] habe ich Then She Found Me vertont, eine Musik an der mir sehr viel liegt. Und ich bin wieder vermehrt zu meiner Tätigkeit als Musiker zurückgekehrt, kürzlich für Sting und dessen neuem Album „If on a Winter’s Night“.


? David, vielen Dank für das Gespräch.

Infos zu David Mansfield: www.david-mansfield.com

Dank an Stefan Schlegel für's Gegenlesen und David Mansfield, der sich die Zeit nahm auf meine Fragen zu antworten.

phb, 19.7.2009

 



 
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