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Maurice Jarre: Ein Nachruf Print
Maurice Jarre (1924-2009)
 
Maurice Jarre war einer der letzten Gentlemen der Filmmusik. Der verschmitzte Franzose schrieb nicht nur mit Lawrence Of Arabia oder seinem wohl meist zitierten Stück „Lara’s Theme“ aus Doctor Zhivago berührende, kompositorisch ausgefeilte und daher hochinteressante Filmmusiken; sein Schaffen geht weit darüber hinaus.

Geboren wurde der Klangzauberer am 13. September 1924 in Lyon, entdeckte den Wunsch, Musiker zu werden, erst verhältnismäßig spät in seiner Jugend, um anschließend am Konservatorium im Fach „Schlagzeug“, „Komposition“ und „Harmonielehre“ unterrichtet zu werden. Frühe Konzertwerke von Maurice Jarre sind erst kürzlich auf einer CD von FSM herausgegeben worden. In allen seinen Filmmusiken ist seine einzigartige Experimentierfreude zu hören. Bedingt durch seine musikalische Ausbildung zum Schlagzeuger sind viele seiner früheren Werke wie z.B. The Train oder auch The Longest Day teils stark perkussiv angelegt, nicht selten griff Maurice Jarre auf nur wenige Musiker zurück und auch ohne großes Sinfonieorchester schaffte er es, den Bildern auf der Kinoleinwand das zu geben, was sie brauchten.
 
Nach seiner Ausbildung gelangte er zu Jean Vilar ans Theater und schrieb diverse Bühnenmusiken, ehe er zum Film kam und vorerst kleinere französische Filme vertonte, insbesondere seine Zusammenarbeit mit Georges Franju ist zu erwähnen. Den internationalen Durchbruch schaffte er 1962 mit der Produktion The Longest Day, die mit internationalen Stars aufwarten konnte. Kurz darauf bekam er das Angebot vom Produzenten Sam Spiegel, zusätzliche Musik zu David Leans’ Epos Lawrence of Arabia zu schreiben. Engagiert als Komponisten waren zu dieser Zeit ausserdem Aram Khatchaturian und Benjamin Britten, doch als beide aus verschiedenen Gründen diesen Auftrag nicht annehmen konnten, blieb alles an Maurice Jarre hängen, der innerhalb von kürzester Zeit eine ungeheure Menge an Musik für das Wüstenepos schreiben musste. Jarre löste seine Aufgabe mit Bravour, erhielt für seine Leistung seinen ersten Academy Award. Der zweite folgte drei Jahre später, als er für Doctor Zhivago preisgekrönt wurde. Längst bekannt geworden ist dabei folgende Geschichte: Bei der Verleihung sass eine Reihe vor ihm Filmmusik-Veteran Alfred Newman, der sich plötzlich umdrehte, sich dem Franzosen kurz vorstellte und sagte, dass er glaube, Jarre gewinne die Trophäe. Alfred Newman erläuterte dem verdutzten Komponisten, seine Enkelin habe ihm gesagt, er habe keine Chance gegen Doctor Zhivago.

Maurice Jarre zog in die Vereinigten Staaten, liess seine Familie und seinen 1948 geborenen Sohn Jean-Michel hinter sich, um auf dem fremden Kontinent die Karriereleiter weit hinaufzuklettern. In den 60er Jahren entstanden bemerkenswerte Filmmusiken wie Grand Prix (1966), kürzlich ebenfalls von FSM veröffentlicht, Night Of The Generals (1967) oder die französisch/amerikanische Is Paris Burning (1966) mit dem schwungvollen „Paris Waltz“. Jarre kam es zugute, dass Regisseur Alfred Hitchcock sich 1966 von seinem langjährigen Mitarbeiter Bernard Herrmann getrennt hatte, so wurde Maurice Jarre 1969 beauftragt, die Musik zu Hitchcocks schwächelndem Spionagethriller Topaz zu schreiben. Auch in dieser Filmmusik wird dem Hörer ein für Jarre typischer, knackiger, perkussiver Marsch präsentiert. 
 
In den 70er Jahren komponierte der Franzose, der kurze Zeit in einem Appartement über Jerry Goldsmith wohnte, auch einige Musiken zu Filmen, die schnell vergessen waren wie z.B. Plaza Suite (1971), Mandingo (1975) oder Crossed Swords (1978) aber auch zu Filmen, die mittlerweile Kultstatus erlangt haben. Zu nennen wären natürlich die weitere Zusammenarbeit mit David Lean bei Ryan’s Daughter (1970), der damals an den Kinokassen floppte und von der Kritik verrissen wurde, The Mackintosh Man (1973), den Jarre mit russischem Kolorit versah, Die Blechtrommel (1979), die Verfilmung des Bestsellers von Günther Grass. Eine charakteristische Filmmusik für den gelernten Schlagzeuger, da er sich hier perkussiv wieder richtig „austoben“ konnte. Oder für John Huston The Man Who Would be King, wo er seinen beiden Affinitäten, dem Marsch und ethnisch angehauchter Musik nachgehen konnte, sowie The Life and Times of Judge Roy Bean.

Die 80er waren für Jarre ein sehr erfolgreiches Jahrzehnt, er schrieb die Musik zu vielen Hollywood- Blockbustern und entdeckte hier auch seine Liebe zu elektronischen Instrumenten, die in dieser Phase oft zu hören sind, geschickt eingesetzt in Mad Max 3 – Beyond Thunderdome (1985) oder Gorillas In The Mist (1986), für die er das Orchester um Synths ergänzte und für letzteren eine Oscar- Nominierung erhielt. Weniger geschickt und oftmals unangenehm lärmend die synthetischen Musiken zu Mosquito Coast (1986) oder Fatal Attraction (1987), dafür sehr erfolgreich mit dem Stück „Building the Barn“ in Witness (1985).
 
1984 arbeitete er ein letztes Mal mit David Lean bei dessen Liebesepos A Passage To India zusammen, um seinen dritten und letzten Oscar zu bekommen. Die elektronische Phase fand bei Jarre in den 90er Jahren bereits wieder ihr Ende, seine Spätwerke bezaubern den Hörer durch vollmundige, orchestrale Romantik Le Jour et la nuit (1996), A Walk In The Clouds (1995) für den er spanisches Kolorit beisteuerte und der Filmmusikwelt ein bezauberndes Liebesthema schenkte. Nur noch selten griff er in die Tasten eines Synthesizers, um eine orchestrale Musik um effektive Töne zu ergänzen. Hierbei sei auf seine hervorragende, experimentell angehauchte Musik Shadow Of A Wolf (1992) hingewiesen, ebenso wie auf den Tophit Ghost (1990), die bewusste auf elektronische Dissonanzen setzt und Alex Norths „Unchained Melody“ sehr effektiv eingesetzt wurde.

Eine seiner schönsten Musiken schrieb Maurice Jarre 1999: Seine drittletzte Filmmusik Sunshine, basierend auf einem Klavierthema von Franz Schubert (Klavierfantasie in f-moll zu vier Händen), ergänzt um einen Militärmarsch und einen klangschönen Walzer.
Maurice Jarre ging 2001 in Rente, seine letzte Filmmusik blieb Uprising, ein Fernsehfilm mit Donald Sutherland. Die folgenden Jahre verbrachte er, ungewohnt vital und gesund für sein Alter, abwechselnd in der Schweiz und in Los Angeles.
Seinen endgültigen Abschied gab er mit seinem Auftritt bei der Berlinale 2009, wo er mit dem Goldenen Bären für sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Von Krankheit gezeichnet nahm der im Rollstuhl sitzende Komponist, sichtlich berührt seinen Bären entgegen. Am Sonntag, dem 29.3.2009 schloss Maurice Jarre in Los Angeles für immer die Augen. Der Krebs hatte ihn besiegt.
 
Im Laufe seiner erfolgreichen Karriere erhielt einer der letzten Gentleman der Filmmusik u.a. 3 Oscars bei 9 Nominierungen, 2 BAFTA Awards, einen European Film Award, 11 Golden Globe-Nominierungen und davon 4 Trophäen, 5 Grammy-Nominierungen und einen Stern auf dem Hollywood Walk Of Fame.
Seine Musik ist unsterblich.

se, 30.3.2008
 
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