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Slumdog Millionaire: Ein Kommentar Print
Ein Film und seine Preise
 
Slumdog Millionaire hat im Jahr 2008 alle wichtigen Preise abgeräumt und seine Konkurrenz weit hinter sich gelassen. So viel Erfolg kann Neid schüren. Fakt ist, dass gerade in den Kreisen der Filmmusik-Fans fast unisono die Köpfe darüber geschüttelt wurden, dass die Musik zum Film unter anderem den Oscar, den Golden Globe und den BAFTA-Award einheimste. Ist das Neid, weil ein im Westen bislang vollkommen unbekannter indischer Komponist alle wichtigen Preise gewinnt und die geschätzten Kollegen, die so gerne gesammelt werden, leer ausgehen? Dazu kommt ja noch die Frage, ob ein Film, bei dem es im wesentlichen darum zu gehen scheint, dass ein junger Mann aus den Slums bei einer Quiz-Show gewinnt, all diese Preise wirklich verdient hat.

Ich beschloss, diesem Film unvoreingenommen zu begegnen, zumal mir mehr, als das Erwähnte nicht bekannt war. Nicht einmal die Musik selber, wenn man mal von dem absieht, was bei der Oscar-Show gespielt wurde. Da der Film nun endlich auch in unseren Landen läuft, stand einer Begutachtung nichts mehr im Wege.
 

 
Fest steht, dass Slumdog Millionaire ein starker Film ist. Denn es geht eben nicht nur um die Quiz-Show und um die Frage, ob der Junge betrügt, um zu gewinnen. Tatsächlich ist die Show nur ein Aufhänger, um die bewegende und bewegte Lebensgeschichte dieses Jungen zu erzählen, der in den Slums von Mumbai (ehemals Bombay) aufwächst und sich nur mit Kleinkriminalismus über Wasser halten kann, bis er doch noch halbwegs geregelte und legale Jobs bekommt. Denn für die Antworten auf die Fragen im Quiz erinnert er sich an eigene Erlebnisse, durch die sich die richtigen Antworten in sein Gedächtnis gebrannt haben. So sehen wir in Rückblenden, was er alles durchmachen musste.

Danny Boyle, der Regisseur, hat dafür Bilder erschaffen, die enorme Kraft ausstrahlen, die gleichzeitig schön und hässlich, faszinierend und abstoßend sind. Künstlerisch und handwerklich ist der Film hervorragend umgesetzt und inhaltlich geht es eben in erster Linie darum, das Leben in den indischen Großstadt-Slums zu zeigen und anzuprangern. Da werden die enormen Gegensätze Indiens sichtbar mit grellbunten Farben einerseits und furchtbarem Schmutz andererseits. Ob das Leben in den Slums authentisch wiedergegeben wird, kann indes nur jemand beurteilen, der es selbst erlebt hat.
 

 
Auch die Musik hat durchaus ihre Momente, in denen sie mit den Bildern eine aufregende Symbiose eingeht. Fetziger Indien-Pop (wenn man es etwas verallgemeinernd so nennen darf) mit für unsere Ohren fremden und ungewohnten Klängen wechselt sich ab mit Percussion-betonter, aber immer noch pop-lastiger Instrumentalmusik. Auch ein Liebesthema gibt es, was allerdings recht zurückhaltend ist. Nicht einmal auf die für Bollywood-Filme obligatorische Tanzszene muss verzichtet werden. Auf die muss man allerdings bis zum Abspann warten, wenn eigentlich schon alles vorbei ist.

Aber was bleibt von diesen Eindrücken? Sind sie bleibend genug, um so viele Preise zu rechtfertigen?

Es gibt wahrscheinlich drei Faktoren, die im wesentlichen diesen Preisregen ausgelöst haben. Erstens: ein westlicher Regisseur hat in einer westlichen Filmproduktion einen ziemlich exotisch aussehenden Film gedreht. Zweitens: die Exotik selber, die den wenigsten der westlichen Kino- und Filmliebhaber bekannt sein dürfte, da Bollywood in unseren Breiten nur eine sehr untergeordnete Rolle spielt. Drittens: die nicht unbedingt überragende Konkurrenz des Jahres 2008. Natürlich sind diese Konkurrenten sehr gut. Aber man überlege, ob Slumdog Millionaire in einem Jahr wie z.B. 1997 siegreich hätte sein können, als die Konkurrenz Titanic und L.A. Confidential hieß. Oder 2003, als der letzte Lord-Of-The-Rings-Teil Titanic und Ben-Hur nacheiferte. Diese Beispiele ließen sich zwar fortsetzen,  aber das ist sinnlos, denn Slumdog Millionaire lief eben 2008. Und in diesem Umfeld hat er in der Tat verdient gewonnen. Ein wenig zu blutleer war der Curious Case Of Benjamin Button, etwas zu kammerspielhaft waren Frost/Nixon und ein bißchen zu unspektakulär die Geschichte des Harvey Milk (trotz der genialen Leistung von Sean Penn).

Und was ist mit den Musikpreisen?

Da muss eindeutig gesagt werden, dass diese Preise nicht gerechtfertigt sind. Einzig vielleicht der Oscar für den Song, denn der fängt die Stimmung am Ende des Films und in der erwähnten Tanzszene fantastisch ein. Und wir sollten uns daran erinnern, dass Filmmusik in erster Linie dem Film dient und nicht dem Hörgenuss des Publikums und auch dementsprechend bei der Preisvergabe beurteilt werden sollte. Aber ein nettes Liebesthema und die wenigen wirklich interessanten Momente reichen nicht aus, um Preise für eine Musik zu vergeben, die an vielen Stellen über profanen Pop nicht hinaus kommt. Klar, es klingt anders, als der westliche Pop, es klingt exotisch. Aber das war es auch schon. Mit diesem Maßstab gemessen hätten viele andere Bollywood-Filme mit ihren mitreißenden Musical-Scores eher den Oscar verdient. Leider scheint aber dieses Unbekannte bei den Juroren schon auszureichen. Und dabei hätte es 2008 noch ganz andere Filmmusik gegeben, die den jeweiligen Filmen noch besser dient. Doch die sind größtenteils nicht einmal nominiert worden.

Aber wir haben es in der Vergangenheit schon oft erlebt, dass die Musik eines Films praktisch im Sog des Films selber auch noch einen Preis gewinnt. Und gerade bei den Oscars hat schon oft genug ausgereicht, dass die Musik einfach anders klingt, neu klingt. Das wird viel zu leicht mit wirklicher Originalität verwechselt. Ob sich das aber jemals ändern wird, darf bezweifelt werden.

kp, 25.3.2008
 
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