Historia de una chica sola

Das neue spanische Label Quartet Records, das sich im vergangenen Dezember mit der etwas dubiosen und klanglich verpfuschten CD-Ausgabe von Mancinis Santa Claus eine ziemliche Negativ-Mundropaganda innerhalb der weltweiten Filmmusik-Szene einhandelte, hat nach seinen Waldo de los Rios-Ausgrabungen nun noch etwas tiefer in spanischen Soundtrack-Archiven geforscht und mit Historia de una chica sola von 1969 eine der allerletzten Arbeiten von Angelo Francesco Lavagnino fürs Kino ans Tageslicht befördert, die selbst eingefleischten Fans des Komponisten bislang völlig unbekannt war.

Da es sich bei diesem etwas von Michelangelo Antonionis Filmen beeinflußten Beziehungsdrama um eine Co-Produktion mit Italien handelte, mußte ein bestimmter Prozentsatz des Teams italienischer Herkunft sein, weshalb die Wahl des Produzenten auf Lavagnino fiel und auch die Musikaufnahmen mit Carlo Savina am Dirigentenpult in den Fono-Studios in Rom stattfanden. Kurioserweise feierte das Werk dann aber erst 1972 seine Premiere in spanischen Kinos, während es in Italien gar nicht erst zum Einsatz kam.

Immerhin bietet das Booklet einige englischsprachige Infos zum Film selbst, der vom dramaturgischen Aufbau und der Personenkonstellation wohl auch gewisse Ähnlichkeiten zum im selben Jahr in Frankreich gedrehten berühmten Liebesfilm Les choses de la vie von Claude Sautet hat. Außerdem liefert Regisseur Jordi Grau ein paar ganz nette persönliche Erinnerungen an den Komponisten, über die Musik selbst hingegen finden sich leider keine näheren Erläuterungen.

Die Trackliste mit vielen Piano Sources, einem Chanson von Jacques Brel und einem eher in die Stummfilmzeit passenden Stück wie Stan & Olie läßt zunächst einen rechten Mischmasch befürchten, weshalb man umso mehr überrascht wird, wenn man die Scheibe tatsächlich in den Player legt. Sicherlich hätte man die Tracks etwas geschickter sequenzieren können, aber mehr als 25 Minuten der CD lassen sich nicht anders denn als betörender Ohrenschmaus bezeichnen. Ein herrlich getragenes, öfters in Walzerform eingesetzes Thema zieht sich in fein abgestuften Varianten durch den Score und erinnert mal ein wenig an Goffredo Petrassis barocke Albinoni-Hommage in Cronaca familiare von 1962 und mal an Bacalovs fast zeitgleich entstandenes Hauptthema aus Cuori solitari (übrigens gerade bei Saimel auf CD erschienen) von 1969.

Für mich persönlich eines dieser unglaublich satten und sehnsuchtsvollen romantischen Themen aus Italien, an dem ich mich regelrecht stundenlang delektieren könnte. Einfach wunderbar dabei wie die Streicher voller Pathos hochgezogen werden und wie zauberhaft die satt ausgekosteteten Melodiewendungen daherkommen. Der melodische Einfall ist so geschemidig und biegsam, daß sich damit das ganze Gefühlsspektrum von aufrauschendem Jubel bis zu bitterer Einsamkeit und Desolation musikalisch abdecken läßt. Immer wieder neue Varianten und Ableitungen dieses Themas mit zudem anderen und abwechslungsreichen Instrumentierungen bringt Lavagnino hier zu Gehör. Diese Stücke – und für mich sind es in der Tat genügend davon – sind so intensiv auskomponiert, daß man als romantisch veranlagter Filmmusikhörer einfach dahinschmelzen muß.

Neben diesen sehr elegischen Stücken gibt es ein bißchen Kirmesmusik in zwei Stücken, eine von Armando Trovajoli komponierte groovige Shake-Einlage im typischen Sixties-Stil und die besagten Piano Source-Musiken,die ebenfalls von Trovajoli am Klavier gespielt werden. Da Lavagnino so etwas wie der fast 5-minütige Shake-Track kompositorisch weniger lag, hatte er sich dafür eben mal wieder wie schon bei früheren Gelegenheiten seinen alten Freund Trovajoli geholt, dem so was selbstverständlich in den 60ern stets sehr locker von der Hand ging.

Bei den insgesamt fünf Piano Source-Cues (Track 13-17) handelt es sich hauptsächlich um etwas leichtere, manchmal auch ein wenig jazzig angelegte, aber oft doch sehr angenehm und durchaus reizvoll zu hörende Improvisationen im Salonmusik-Stil, bei denen gelegentlich auch das romantische Hauptthema apart mit verarbeitet wird. Im Prinzip daher durchaus auch ganz akzeptabel und nett anzuhören.

Die lange Suite Barcelona Kaleidoscope in Track 18 ist dagegen durchweg experimentell geraten mit allerlei exotischen Gongs, Glocken- und Orgelkängen und rein auf atmosphärische Effekte getrimmt. Ab und zu kommt dabei sogar interessanterweise nochmals ein klein wenig die Stimmung der Tempelsequenz aus Continente perduto auf, aber autonom gehört stellen diese ausgefallenen minmalistischen Klangfresken über mehr als 8 Minuten schon einen recht herben musikalischen Brocken dar.

Allein die rund 25 sinfonischen Minuten – eigentlich die Hälfte der CD – sind für meinen Geschmack derart gelungen, daß es sich bei dem Silberling eigentlich um einen absoluten Pflichtkauf handelt. Eine wirkliche Überraschung und melodisch deutlich abesser und inspirierter geraten als etwa die diversen Spaghetti-Western-Scores von Lavagnino aus der Zeit Ende der 60er. Vor allem das Cembalo, Klavier, die von Lavagnino so geliebte Viola, Orgel und hohe Streicher werden in den elegischen Stücken geradezu hinreißend und absolut ausdrucksstark eingesetzt. Das dabei in unterschiedlichstem Gewand erklingende Hauptthema geht mir im übrigen mit seiner Eleganz schon gar nicht mehr aus dem Ohr und kann regelrecht süchtig machen. Zwar ist die komplette Musik nur in Mono erhalten geblieben, was aber das große Hörvergnügen nicht beeinträchtigt, auch wenn leichtes Bandrauschen bei manchen Stücken wohl nicht ganz zu verhindern war.

Stefan, 28.5.2010

 

HISTORIA DE UNA CHICA SOLA

Angelo Francesco Lavagnino

Quartet Records QRSCE008 

54:20/19 Tracks

Limitiert auf 500 Stk.

 

 

 

 

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