Gunfight at the O.K. Corral

Nur 30 Sekunden dauerte er, jener schicksalshafte Showdown vom 26. Oktober 1881 in Tombstone, Arizona, der als Gunfight at the O.K. Corral in die Geschichtsbücher einging und seinen Protagonisten Wyatt Earp und Doc Holliday einen Ehrenplatz im Pantheon der Westernhelden sicherte.

Dies war zweifellos ein filmreifes Szenario, und entsprechend oft rief Hollywood in mal mehr, mal weniger gelungenen Filmen die Geschehnisse rund um dieses Ereignis in Erinnerung. Zu den nach wie vor besten Umsetzungen gehört ‒ auch wenn man es mit den Fakten nicht allzu genau nahm ‒ diese 1957-Version von John Sturges (der 10 Jahre später mit Hour of The Gun ein Sequel dazu drehte); zu verdanken ist dies nicht zuletzt dem charismatischen Leader-Duo Burt Lancaster und Kirk Douglas, das an der Spitze einer kompetenten Besetzung steht.

In Sachen Musik war für Produzent Hal B. Wallis Dimitri Tiomkin erste Wahl, was wenig überrascht wenn man bedenkt, dass Tiomkin zu jener Zeit als erfolgreichster Filmkomponist Hollywoods galt und insbesondere für Western sehr gefragt war. Sein Stern war 1952 mit Hight Noon und dem damit verbundenen Gewinn von gleich zwei Oscars so richtig aufgegangen, und er greift hier auf dessen Erfolgsrezept zurück, indem er wiederum einen Vokalisten einsetzt, der gelegentlich ‒ einem Griechischen Chor gleich ‒ das Geschehen auf der Leinwand kommentiert, und der Underscore thematisch im Wesentlichen auf der Ballade basiert.

Vokal geht es im Unterschied zu High Noon, wo Tex Ritter seine Ballade Do not forsake me relativ sachlich darbringt, mit Frankie Laine in Gunfight at the O.K. Corral dramatischer zur Sache, was nicht nur an der für diesen Interpreten charakteristischen Artikulation liegt, sondern auch an einem sich zu ihm gesellenden, mal singenden, mal sprechenden, mal flüsternden Männerchor. Diese Kombination führt zu nachhaltig wirkenden Eindrücken, etwa wenn während der Textpassage «Boot Hill, Boot Hill, so cold, so still» gemeinsam mit heulenden Holzbläsern eine gespenstische Atmosphäre erzeugt wird.

Nach einer dramatischen Fanfare mit typischen Tiomkin-Flattertrompeten erklingt in Gunfight at the O.K. Corral das einzige Mal die komplette Ballade, die übrigens wie schon Do not forsake me von Ned Washington getextet wurde. Sie wird von Pferdehufgeklapper begleitet und besteht aus fünf mehr oder weniger kurzen Motiven: eine gepfiffene Einleitung, zwei aufsteigende Quinten zu Beginn des Gesangs, die damit verbundene Melodie, eine B-Sektion und eine Coda.

Mit diesen unabhängig voneinander einsetzbaren Motiven verschafft sich Tiomkin viel Spielraum (den er denn auch meisterlich zu nutzen weiss), sie wie Bausteine in seine Musik zu integrieren und auf narrativer Ebene weiterzuentwickeln, ohne Gefahr zu laufen, dass der Score seinen unverkennbaren Charakter verliert. Und wenn sich der Komponist in seltenen Fällen mal nicht auf diese Motive beruft, dann meist bei romantischen Momenten, wie in The Love Scene, Men And Their Women, James Earp’s Death.

Für die Schiesserei selbst gibt es keine Musik, aber dafür demonstriert Tiomkin zuvor in A Walk To Eternity, wie man mustergültig Spannung aufbaut, und er lässt danach in End Of Gunfight in seiner Direktheit und seinem Temperament, für die er bekannt ist und wofür man ihn liebt, das angestaute Adrenalin abfliessen, bevor eine kurze Reprise der Ballade und ein triumphales Orchesterfinale die Überlebenden der Auseinandersetzung feiern.

Der komplette Score präsentiert sich in Mono und ist analog zum Film in drei Akte unterteilt, die jeweils von Frankie Laine beschlossen werden. Daneben finden sich ein paar Stereo-Tracks ‒ die auch zwei kurze, unverwendete Cues enthalten, die nur hier zu finden sind ‒ sowie Source Music Cues und Demo Recordings.

Bei Gunfight at the O.K. Corral handelt es sich um eine der letzten, wichtigen Westernmusiken Tiomkins, die bisher noch nie auf angemessene Weise veröffentlicht wurden (das lausige, direkt vom Film aufgenommene Bootleg war ein einziger Frust, und bei neu aufgenommenen Auszügen wie jenen von Elmer Bernstein oder Erich Kunzel fehlt mit dem Männerchor ein wichtiges Element), daher darf man diese CD zweifellos als historisch bedeutsam einstufen. In einem Fall wie diesem sollte denn auch der Klang zweitrangig sein, der natürlich nicht heutigen Standards entspricht, aber keinesfalls schlecht ist. Dafür kriegt man endlich «the real deal» und darüber hinaus erst noch ein Booklet auf FSM-Niveau.

Andi, 21.1.2014

 

GUNFIGHT AT THE O.K. CORRAL

Dimitri Tiomkin

La-La Land Records
LLLCD 1280

73:32 Min. / 39 Tracks

Limitiert auf 2000 Stk.

 

 

 

 

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