Ghost of Tsushima

Als Michael Giacchino im Jahr 1999 mit einer gelungenen Orchestermusik für das Videospiel MEDAL OF HONOR aufwartete, kam das einigermassen überraschend. «Seriöse» Musik abseits von Midi- und Synthi-Klängen für ein Videospiel?! Ebenso überraschend für die Filmmusik-Community war die Meldung im Jahr 2006, dass Howard Shore eine orchestrale Musik für das japanische Online-Videospiel SOUL OF THE ULTIMATE NATION (SUN) komponieren werde. Inzwischen ist jedoch hinlänglich bekannt, dass auch im Zusammenhang mit Videospielen hervorragende Kompositionen entstehen – nicht selten stehen Komponisten in dieser Sparte sogar grössere Produktionsbudgets zur Verfügung als bei Kino- und TV-Produktionen. Jüngere Arbeiten wie REND (2018, Neal Acree), GOD OF WAR (2018, Bear McCreary) und ORI AND THE WILL OF THE WISPS (2020, Gareth Coker) erhielten viel Lob auch seitens Programmmusik- und Filmmusik-Fans. Zudem finden Game Scores inzwischen auch den Weg auf die Konzertbühnen – u.a. mit dem Programm «Game On!» für Sinfonieorchester und optionalen Chor. Für das Videospiel GHOST OF TSUSHIMA begaben sich die Komponisten Ilan Eshkeri und Shigeru Umebayashi – normalerweise im Film- und TV-Musikbereich anzutreffen, wobei Eshkeri 2014 bereits für «The Sims 4» Game-Musik komponiert hat – in die Welt der Videospiele und das Ergebnis ist hervorragend.

Weshalb die Macher von GHOST OF TSUSHIMA aus der Videospiel-Schmiede «Sucker Punch» zwei Komponisten anheuerten, konnte ich selbst nach längerer Recherche nicht vollumfänglich herausfinden. Es soll von Anfang an so angedacht gewesen sein. Eine Zusammenarbeit im eigentlichen Sinne soll gemäss Interview-Aussagen von Ilan Eshkeri jedoch nicht stattgefunden haben: «We didn’t directly collaborate on this game, we spent some time in the studio together and I’m really proud to share a credit with him», sagte er gegenüber dem Online-Magazin «Mid-Life Gamer Geek» (Eshekri und Umebayashi hatten bereits 2007 für die Filmmusik zu HANNIBAL RISING zusammengearbeitet). Die Kollegen von «Sucker Punch» hätten von Anfang an eine klare Aufteilung der Arbeit vorgesehen gehabt: Umebayashi solle sich um die Musik für die Game-Momente in den weitläufigen Aussenräumen/-welten kümmern, während sich Eshekri mit seiner Musik allem voran an die Fersen der Figuren und damit an die Spiel-Action heften und spezifische Themen zu den Schlüsselcharakteren komponieren solle.

Eshkeri hat sich für diese Arbeit während Monaten und auch mehrmals vor Ort in Japan mit Recherchen zur japanischen Musikkultur auseinandergesetzt. Dies sei einer der Aspekte gewesen, weshalb er sich für dieses Projekt entschieden habe. Ein anderer war, dass die Macher des Videospiels auf Eshkeri zugegangen sind, weil sie seine Musik für den Film CORIOLANUS (2011) mochten. Eshkeri: «[CORIOLANUS] was directed by Ralph Fiennes – we ended up making a really unusual score that’s unlike anything you’ve ever heard. Very few people have ever said anything to me about it, but these guys said ‘hey, we really loved that score.‘ That’s the reason I was sitting in the room with them.» Damit schien ihm die Möglichkeit gegeben zu sein, dass er für GHOST OF TSUSHIMA ebenfalls Spielraum für experimentelle Ansätze erhalten würde. Das Ergebnis ist meiner Meinung nach dann aber doch viel leichter zugänglich als Eshkeris Musik für CORIOLANUS. Wofür ich jedoch ehrlich gesagt dankbar bin, gelang es mir doch bis heute nicht, mich mit dem Musikansatz für CORIOLANUS anzufreunden.

Zuerst zur CD 1 mit der Musik von Ilan Eshkeri. Das Samurai-Thema ist für Eshkeri nicht gänzlich neu. 2013 vertonte er den Film 47 RONIN. Seine Musik für das Videospiel GHOST OF TSUSHIMA kommt indes organischer und «geerdeter» daher, mit deutlich weniger und diskreter eingesetzten Synthi-Elementen. Zudem gefallen hier die stärker präsenten fernöstlichen Klangfarben sehr. Das Arsenal an japanischen und fernöstlichen Spezialinstrumenten, das für diese Aufnahmen aufgefahren wurde, ist beachtlich. Es füllt eine ganze Seite im Booklet. Die vielen Instrumente und Gesänge – von unzähligen Taiko-Trommeln über Koto, Biwa, Shamisen und die bekannte Shakuhachi bis hin zu mongolischem Kehlkopfgesang – wurden in verschiedenen Studios in London, Tokio, Nashville und Los Angeles aufgenommen. Doch der westliche Musikansatz, eingespielt mit dem London Metropolitan Orchestra, kommt ebenfalls nicht zu kurz und stellenweise fühlt man sich in Sachen Dramatik und cineastischem Sound deutlich an Scores wie THE LAST SAMURAI (2003) von Hans Zimmer erinnert – insbesondere im Einsatz der kriegsgesangsähnlichen Elemente in Stücken wie «The Way of the Samurai» (da werden sogleich Erinnerungen an «Red Warrior» aus LAST SAMURAI wach). Das Stück «Sacrifice of Tradition» steigert sich gar in LORD OF THE RING’sche Epik. Kontrastiert werden diese Momente hingegen sehr effektvoll von den mystischen, von Gesang angeführten Stücken «Forgotten Song» und dem abschliessenden «The Way of the Ghost» mit Gesang von Clare Uchima. Eshkeri verwebt während gut 60 Minuten zahlreiche Themen und Motive zu einem fein gearbeiteten Gesamtkunstwerk, das man sich gerne mehrmals anhört und das weniger im Einzelnen begeistert, als gesamthaft in eine andere Welt entrückt.

Auf der zweiten CD eröffnet sich dem Hörer die Musik von Shigeru Umebayashi. Dieser porträtiert die Welt des Samurais Jin Sakai im feudalen Japan im Rahmen einer 5-teiligen Suite mit einer Laufzeit von knapp 50 Minuten. Dabei fängt er die Optik des Videospiels vortrefflich ein – zumindest, wenn man die Bilder im CD-Booklet und auf der CD-Hülle betrachtet. Umebayashis Musik wohnt durchgehend eine mystische, dunkle Stimmung inne, in die Emotionen wie Demut, Auflehnung und Noblesse einfliessen. Dies Suite ist nicht nur konzeptionell hervorragend und vielfältig ausgefallen, sondern vermag auch musikalisch zu begeistern. Klanglich harmonieren die Beiträge von Eshkeri und Umebayashi sehr gut – sprich, man wähnt sich mit dem Einlegen der zweiten CD nicht plötzlich in einer anderen Welt, sondern vertieft Themen und Gefühle von der ersten CD. Die Zusammengehörigkeit ist nahtlos gegeben, wobei sich die Musik bis auf wenige markante Statements – bspw. dem Gesang aus «The Way of the Samurai» – nicht einfach wiederholt. Das 2-CD-Set von GHOST OF TSUSHIMA kann nur wärmsten empfohlen werden. Eshkeri und Umebayashi liefern hier ein Karriere-Highlight, das selbst nach mehrmaligem Hören und über die ganze Länge hinweg nicht langweilig wird.

Basil 29.11.2020

GHOST OF TSUSHIMA

Ilan Eshkeri & Shigeru Umebayashi

Sony Music

109:18 Min.
22 Tracks