Filmmusik-Oscars: Hätte, wenn und aber: 1970 – 1979

von Andi Süess und Phil Blumenthal

Ab in die 70er Jahre, Schlaghosen, lange Koteletten, VW Golf, der allmähliche Niedergang des Westernfilms, die Geburt des Blockbusters und ein Science Fiction Phänomen sowie die ein oder andere Schlagseite bei den Filmmusik-Oscars, aber auch Jahre in denen Filme mit Songs bestückt oder gänzlich ohne Musik auskamen! Und es war das Jahrzehnt von John Williams und Jerry Goldsmith.

1970

Winner:
LOVE STORY (Francis Lai)

Nominees:
AIRPORT (Alfred Newman)
CROMWELL (Frank Cordell)
PATTON (Jerry Goldsmith)
SUNFLOWER (Henry Mancini)

Filmmusikalischer Aufschrei der vehementen Art: Wie um des Himmels Willen kann ein Weichspülscore (LOVE STORY) einem PATTON oder CROMWELL vorgezogen werden? Aber die Mitglieder der Academy schienen scheinbar unheimlich berührt von Francis Lais Musik (und dem Film) und wenn schon PATTON den Hauptpreis holt, muss man LOVE STORY wenigstens den Musikoscar geben. Alfred Newman erhielt die Nomination posthum, eine grossartige Titelmusik ohne Wenn und Aber in AIRPORT!

Und da wären noch:
RYAN’S DAUGHTER von Maurice Jarre, Miklós Rózsas feines Alterswerk THE PRIVATE LIFE OF SHERLOCK HOLMES, abermals Goldsmith mit dem grossartigen TORA! TORA! TORA! und RIO LOBO, Dominic Frontiere mit CHISUM, THE HAWAIIANS und THE MOLLY MAGUIRES (Henry Mancini), A MAN CALLED HORSE (Leonard Rosenman), KELLY’S HEROES (Lalo Schifrin), WATERLOO (Nino Rota).

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1971

Winner:
SUMMER OF ’42 (Michel Legrand)

Nominees:
MARY, QUEEN OF SCOTS (John Barry)
NICHOLAS AND ALEXANDRA (Richard Rodney Bennett)
SHAFT (Isaac Hayes)
STRAW DOGS (Jerry Fielding)

Ein schwieriges Jahr für die Filmmusik, das sich ein wenig auch bei den Oscars widerspiegelt, aber ein Don Ellis, Schifrin oder Small hätten auf die Liste gehört!

Nicht ausser Acht lassen hätte man folgende Scores sollen:
THE FRENCH CONNECTION (Don Ellis), DIRTY HARRY und THX 1138 (Lalo Schifrin), LAWMAN (Jerry Fielding), THE ANDROMEDA STRAIN (Gil Mellé), WILD ROVERS (Jerry Goldsmith), KLUTE (Michael Small), THE OMEGA MAN (Ron Grainer), THE LIGHT AT THE EDGE OF THE WORLD (Piero Piccioni), RED SUN (Maurice Jarre), THE LAST VALLEY und WALKABAOUT (John Barry), THE NIGHTCOMERS (Jerry Fielding).

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1972

Winner:
LIMELIGHT (Charles Chaplin, Raymond Rasch, Larry Russell)

Nominees:
IMAGES (John Williams)
NAPOLEON AND SAMANTHA (Budy Baker)
THE POSEIDON ADVENTURE (John Williams)
SLEUTH (John Addison)

Das Skandaljahr, in dem Nino Rotas THE GODFATHER bereits auf der Nominationsliste stand und später disqualifiziert wurde, weil Rota ein Thema verwendete, dass er bereits zuvor für FORTUNELLA geschrieben hat. Interessanterweise gewann Rota zwei Jahre später aber doch noch…
Und dann wird auch noch LIMELIGHT gewählt. Gut, die Nominationsliste war mit SLEUTH und Walt Disneys NAPOLEON AND SAMANTHA nicht die Stärkste, aber mit zwei mehr als «nur wählbaren» John Williams Musiken bestückt, insbesondere bei IMAGES hätte sich der Filmmusikfan sicherlich mitfreuen können.

Wir hätten so oder so einige weitere Scores aufzubieten gehabt:
THE COWBOYS (John Williams), JEREMIAH JOHNSON (John Rubinstein), Jerry Fielding mit THE MECHANIC und CHATO’S LAND, Gato Barbieris THE LAST TANGO IN PARIS, Carlo Rustichellis AVANTI (???), Maurice Jarres THE LIFE AND TIMES OF JUDGE ROY BEAN, ROMA (Nino Rota), der tolle ANTHONY AND CLEOPATRA (John Scott) nicht zu vergessen.

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1973

Winner:
THE WAY WE WERE (Marvin Hamlisch)

Nominees:
CINDERELLA LIBERTY (John Williams)
THE DAY OF THE DOLPHIN (Georges Delerue)
PAPILLON (Jerry Goldsmith)
A TOUCH OF CLASS (John Cameron)

Doppelsieg für Marvin Hamlisch, der auch in der Kategorie Score Adaption gewann (THE STING).  Hamlischs Musik konnte den Langeweiler von Sydney Pollack jedoch auch nicht aufpolieren, umso spezieller der Originalmusik-Oscar, aber hier schimmerte ziemlich sicher Barbra Streisand durch. Jedenfalls wurde Jerry Goldsmith um einen hochverdienten Sieg gebracht, alleine die Sequenz bei den einheimischen Perlentauchern hätte dafür genügen müssen.

Bisschen was an toller Filmmusik in dieser Phase, in der Filme desöfteren ohne Score auskamen, gab es dennoch:
MAGNUM FORCE, CHARLEY VARRICK oder vielleicht ENTER THE DRAGON (Lalo Schifrin), DON’T LOOK NOW (Pino Donaggio), IL MIO NOME È NESSUNO (Ennio Morricone), THE PAPER CHASE (John Williams), SISTERS (Bernard Herrmann), THE THREE MUSKETEERS (Michel Legrand).

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1974

Winner:
THE GODFATHER PART II (Nino Rota & Carmine Coppola)

Nominees:
CHINATOWN (Jerry Goldsmith)
MURDER ON THE ORIENT EXPRESS (Richard Rodney Bennett)
SHANKS (Alex North)
THE TOWERING INFERNO (John Williams)

Wie es auch immer dazu kam, dass die Academy zurückruderte: Auch in GODFATHER PART II hat Nino Rota das Thema verwendet, wegen dem er zwei Jahre zuvor disqualifiziert wurde. Jetzt aber gewann er zusammen mit Carmine Coppola den Oscar…!
erry Goldsmith hätte es ganz sicher für den famosen CHINATOWN, den er in nur wenigen Tagen schrieb, mehr als verdient gehabt. Und Williams klopfte erneut mit einem tollen Score an die Pforten der Original Score Kategorie. Alex Norths SHANK zu nominieren, war mutig.

Ausserdem gab es auch in diesem Jahr weitere tolle Filmmusiken:
John Morris stand gleich mit zwei Filmen in den Boxoffice Top Ten: BLAZZING SADDLES und YOUNG FRANKENSTEIN, bemerkenswert aber kein Nominierungsgrund natürlich, EARTHQUAKE war Williams zweiter Katastrophenfilmscore in 1974 und THE SUGARLAND EXPRESS sein erster für Steven Spielberg.

Übersehen wurde zweifellos und gleich doppelt David Shire: THE CONVERSATION und THE TAKING OF PELHAM ONE TWO THREE.
Jerry Fielding mit BRING ME THE HEAD OF ALFREDO GARCIA, Lalo Schifrins THE FOUR MUSKETEERS, THE GOLDEN VOYAGE OF SINBAD (Miklós Rózsa), THE ISLAND AT THE TOP OF THE WORLD (Maurice Jarre), IT’S ALIVE (Bernard Herrmann), THE PARALLAX VIEW (Michael Small), THE WHITE DAWN (Henry Mancini), McQ (Elmer Bernstein).

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1975

Winner:
JAWS (John Williams)

Nominees:
BRIDS DO IT, BEES DO IT (Gerald Fried)
BITE THE BULLET (Alex North)
ONE FLEW OVER THE CUCKOO’S NEST (Jack Nitzsche)
THE WIND AND THE LION (Jerry Goldsmith)

Unbestritten ein Oscar für John Williams, über den es nichts zu diskutieren gibt! Überraschungen auf der Nominationsliste mit Gerald Fried und Jack Nitzsche.

Auch 1975 war kein schlechtes Filmmusikjahr mit:
THE STEPFORD WIVES und NIGHT MOVES (Michael Small), BRANNIGAN (Dominic Frontiere), THE EIGER SANCTION (John Williams), FRENCH CONNECTION II (Don Ellis), THE RETURN OF THE PINK PANTHER (Henry Mancini), THE HINDENBURG und FARWELL, MY LOVELY (David Shire), JOURNEY INTO FEAR (Alex North), THREE DAYS OF THE CONDOR (Dave Grusin), TAKE A HARD RIDE und BREAKHEART PASS (Jerry Goldsmith), THE MAN WHO WOULD BE KING (Maurice Jarre), THE KILLER ELITE (Jerry Fielding).

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1976

Winner:
THE OMEN (Jerry Goldsmith)

Nominees:
OBSESSION (Bernard Herrmann)
THE OUTLAW JOSEY WALES (Jerry Fielding)
TAXI DRIVER (Bernard Herrmann)
VOYAGE OF THE DAMNED (Lalo Schifrin)

Jerry Goldsmith gewinnt seinen einzigen Filmmusik-Oscar – für einen Horrorscore notabene – und im gleichen Jahr wird Bernard Herrmann mit zwei Nominationen posthum geehrt. Niemand hätte es ihm vergönnt für einen der beiden tollen Kompositionen geehrt zu werden; er, der wirklich nicht sonderlich verwöhnt wurde von der Academy.

In diesem Jahr haben wir ausserdem gefunden:
Bill Conti mit ROCKY, David Shire und ALL THE PRESIDENT’S MEN, John Barry mit KING KONG und ROBIN AND MARIAN, Jerry Fielding und THE ENFORCER, John Williams mit FAMILY PLOT, THE MISSOURI BREAKS und MIDWAY, Michael Small mit MARATHON MAN, 1900 (Ennio Morricone), CARRIE (Pino Donaggio), IL CASANOVA (Nino Rota), LOGAN’S RUN (Jerry Goldsmith), SWASHBUCKLER (John Addison), LE LOCATAIRE (Philippe Sarde), THE RETURN OF MAN CALLED HORSE (Laurence Rosenthal), THE SHOOTIST (Elmer Bernstein).

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1977

Winner:
STAR WARS (John Williams)

Nominees:
CLOSE ENCOUNTERS OF THE THIRD KIND (John Williams)
JULIA (Georges Delerue)
MOHAMMAD, MESSENGER OF GOD (Maurice Jarre)
THE SPY WHO LOVED ME (Marvin Hamlisch)

Wieder gewinnt John Williams sonnenklar einen Oscar – und mit CLOSE ENCOUNTERS war ein weiterer probabler Siegerscore aus seiner Feder nominiert. Hamlisch für seinen 007 zu nominieren ist speziell, da gab es zuvor ein paar Bessere aus der Reihe von John Barry. Auch der Jarre ist durchaus überraschend auf der Liste.

Und dann gab es noch:
ISLAND IN THE STREAM, MACARTHUR und DAMNATION ALLEY (Jerry Goldsmith), BLACK SUNDAY (John Williams), THE DEEP (John Barry), A BRIDGE TOO FAR (John Addison), THE DUELLISTS (Howard Blake), EQUUS (Richard Rodney Bennett), AUDREY ROSE (Michael Small), DAS EISERNE KREUZ (Ernest Gold), EXORCIST II: THE HERETIC (Ennio Morrione), THE GAUNTLET und DEMON SEED (Jerry Fielding), PROVIDENCE (Miklós Rózsa), THE EAGLE HAS LANDED und ROLLERCOASTER (Lalo Schifrin), SUSPIRIA (Goblin), BOBBY DEERFIELD (Dave Grusin), MORT D’UN POURRI (Philippe Sarde).

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1978

Winner:
MIDNIGHT EXPRESS (Giorgio Moroder)

Nominees:
THE BOYS FROM BRAZIL (Jerry Goldsmith)
DAYS OF HEAVEN (Ennio Morricone)
HEAVEN CAN WAIT (Dave Grusin)
SUPERMAN-THE MOVIE (John Williams)

Wirklich? Giorgio Moroders Musik diesem hochkarätigen Quartett vorziehen? Was für ein gewaltiger Fehlgriff, der heute noch Kopf schütteln hervorruft. Selbst im Film, eben als Filmscore, lassen wir mal das reine Hörvergnügen aussen vor, haben Goldsmith, Williams, Morricone und Grusin die Nase vorn!

Durchschnaufen und runterkommen, 1978 wären ansonsten noch bereit gestanden:
JAWS 2 und der hervorragende THE FURY (John Williams), HALLOWEEN (John Carpenter) – wenn schon ein Synthesizerscore, dann doch eher dieser -, 5x Goldsmith mit CAPRICORN ONE, MAGIC, THE SWARM, DAMIEN: OMEN II und COMA, John Barrys THE BETSY, THE BIG SLEEP (Jerry Fielding), COMES A HORSEMAN (Michael Small), F.I.S.T. (Bill Conti), BIG WEDNESDAY (Basil Poledouris), WHO’LL STOP THE RAIN (Laurence Rosenthal), DEATH ON THE NILE (Nino Rota), WATERSHIP DOWN (Angela Morley), THE LORD OF THE RINGS (Leonard Rosenman), LA CAGE AUX FOLLES  (Ennio Morricone), FEDORA (Miklós Rózsa).

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1979

Winner:
A LITTLE ROMANCE (Georges Delerue)

Nominees:
THE AMITYVILL HORROR (Lalo Schifrin)
THE CHAMP (Dave Grusin)
STAR TREK: THE MOTION PICTURE (Jerry Goldsmith)
10 (Henry Mancini)

Nicht unumstritten ist Georges Delerues Oscar, man mag ihm den zweifellos gönnen, wegen der Verwendung von Vivaldis Concerto für Laute, Streicher und Basso continuo in D-Dur. Ein Oscar für STAR TREK-TMP wäre sicher nicht falsch gewesen, auch und vor allem im Rückblick.

Plus einiges aus dem Jahr, das mindestens für die Nominationen gut gewesen wäre:
ALIEN, wo ums Himmels Willen waren ALIEN (Jerry Goldsmith) und DRACULA oder 1941 (John Williams) oder THE PRISONER OF ZENDA (Henry Mancini… anstatt 10?) oder TESS (Philippe Sarde)? MOONRAKER, HANOVER STREET und THE BLACK HOLE (John Barry), AN ALMOST PERFECT AFFAIR (Georges Delerue), BEAR ISLAND (Robert Farnon), BEYOND THE POSEIDON ADVENTURE (Jerry Fielding), THE BLACK STALLION (Carmine Coppola), I… COMME ICARE und BLOODLINE (Ennio Morricone), THE GREAT TRAIN ROBBERY (Jerry Goldsmith), NOSFERATU (Popol Vuh), OLD BOYFRIENDS (David Shire), TIME AFTER TIME (Miklós Rózsa), THE TIN DRUM (Maurice Jarre) und da wäre noch ZULU DAWN (Elmer Bernstein).

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

6.5.2019, Phil & Andi