Filmmusik-Oscars – Hätte, wenn und aber: 1950 – 1959

von Andi Süess und Phil Blumenthal

Es ist und war immer eine umstrittene Kategorie bei uns Fans, der Filmmusik-Oscar. Da lässt die Academy diesen und jenen Score einfach links liegen oder es gewinnt ein Score, der es doch eigentlich nie und nimmer verdient gehabt hätte. Wir drehen ein bisschen am Rad der Zeit und nehmen die Academy ins Gebet, was sie seit den 50er Jahren alles verbrochen hat und präsentieren unsere Favoriten, wobei die Wahl der Academy selbst uns überzeugte und es Gewinner in der Rubrik „Hätte gewinnen müssen“ geschafft haben. Starten wir also mit den Nominierten und Gewinnern 1950 – 1959.

1950

Winner:
SUNSET BOULVARD (Franz Waxman)

Nominees:
ALL ABOUT EVE (Alfred Newman)
THE FLAME AND THE ARROW (Max Steiner)
NO SAD SONGS FOR ME (George Duning)
SAMSON AND DELILAH (Victor Young)

Zweifellos ein verdienter Gewinner mit SUNSET BOULEVARD. Doch wie wäre es mit folgenden Scores gewesen, die es durchaus auch in den Nominationsregen hätten schaffen können:

A LIFE OF HER OWN von Bronislau Kaper, Leith Stevens DESTINATION MOON, Miklós Rózsas THE ASPHALT JUNGLE, Hugo Friedhofers BROKEN ARROW, CYRANO DE BERGERAC (Dimitri Tiomkin), Franz Waxmans NIGHT AND THE CITY.

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:


1951

Winner:
A PLACE IN THE SUN (Franz Waxman)

Nominees:
DAVID AND BATHSHEBA (Alfred Newman)
DEATH OF A SALESMAN (Alex North)
QUO VADIS (Miklós Rózsa) A STREETCAR NAMED DESIRE (Alex North)

Eine leise Überraschung, dass Waxman gleich nochmals die Trophäe abholte. Man hätte hier rückblickend nicht von unverdient reden können, wenn QUO VADIS oder aber auch A STREETCAR NAMED DESIRE gewonnen hätten. Ansonsten ein durchaus feines Quintett, obwohl DEATH OF A SALESMAN mit seinem kurzen Score eher eine ungewöhnliche Nomination für jene Zeit war und DAVID AND BATHSHEBA nicht zu Alfred Newmans grossen Scores zählt.

Also wie wär’s mit folgenden?
David Raksins ACROSS THE MISSOURI, Bernard Herrmanns THE DAY THE EARTH STOOD STILL ist sicher einer der ganz grossen «Vergessenen» 1951. Robert Farnons CAPTAIN HRATIO HORNBLOWER, noch ein bemerkenswerter Herrmann mit ON DANGEROUS GROUND, Waxmans ONLY THE VALIANT, Tiomkins THE THING FROM ANOTHER WORLD.

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:


1952

Winner:
HIGH NOON (Dimitri Tiomkin)

Nominees:
IVANHOE (Miklós Rózsa)
THE MIRACLE OF OUR LADY OF FATIMA (Max Steiner)
THE THIEF (Herschel Burke Gilbert)
VIVA ZAPATA! (Alex North)

Unser Favorit wäre VIVA ZAPATA! gewesen, aber Tiomkin hatte mit dem Song «Do Not Forsake Me, My Darling» ein gewichtiges Ass im Ärmel und Steiners und Gilberts Nominationen sind doch eher als Überraschung zu werten.

Wie wär’s mit folgenden gewichtigen Vertretern? THE GREATEST SHOW ON EARTH (Victor Young, der Film gewann, huch, Best Picture!), THE BAD AND THE BEAUTIFUL (David Raksin), THE SNOWS OF KILIMANJARO (ein Bernard Herrmann déjà-vu, das uns das Ganze und auch nächstes Jahrzehnt begleiten wird), THE BIG SKY (Dimitri Tiomkin), Alex Norths LES MISÉRABLES, THE CRIMSON PIRATE (William Alwyn), MY COUSIN RACHEL (Franz Waxman), Newmans PRISONER OF ZENDA und natürlich Victor Youngs wunderbarer SCARAMOUCHE.

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1953

Winner:
LILI (Bronislau Kaper)

Nominees:
ABOVE AND BEYOND (Hugo Friedhofer)
FROM HERE TO ETERNITY (Morris Stoloff & George Duning)
JULIUS CAESAR (Miklós Rózsa)
THIS IS CINERAMA (Louis Forbes)

Etwas aussergewöhnlich ist es schon, dass die Widescreen-Präsentation THIS IS CINERAMA eine Nomination holte. Nicht weniger überraschend der Sieg von Bronislau Kaper über den grossartigen ABOVE AND BEYOND und JULIUS CAESAR.

Und wie wär’s mit diesen?
Da fällt einem zuallererst THE ROBE (Alfred Newman) ein, aber auch Victor Youngs SHANE, HONDO (HUGO FRIEDHOFER) und ALL THE BROTHERS WERE VALIANT, YOUNG BESS sowie KNIGHTS OF THE ROUND TABLE von Rózsa. Ein weiterer Fanfavorit betraf wieder Bernard Herrmann mit BENEATH THE 12-MILE REEF.

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1954

Winner:
THE HIGH AND THE MIGHTY (Dimitri Tiomkin)

Nominees:
THE CAINE MUTINY (Max Steiner)
GENEVIEVE (Larry Adler)
ON THE WATERFRONT (Elmer Bernstein)
THE SILVER CHALICE (Franz Waxman)

Wahrlich ein Jahr der Überraschungen mit dem Gewinner THE HIGH AND THE MIGHTY und den Nominationen von GENEVIEVE (Adler war damals auf der «schwarzen Liste» und so erhielt Muir Mathieson die Nomination, das wurde in den 80er Jahren korrigiert) und THE SILVER CHALICE.

Wie wäre es ausserdem mit diesen in einem an Höhepunkten reichen Jahr?
Zweifellos eine der Filmmusiken des Jahres: THE EGYPTIAN (Alfred Newman, Bernard Herrmann), zum wiederholten Mal Bernard Herrmann mit GARDEN OF EVIL, Leigh Harlines BROKEN LANCE, DEMETRIUS AND THE GLADIATORS sowie PRINCE VALIANT (vielleicht der bessere Waxman als der Nominierte?), VERA CRUZ (Hugo Friedhofer), Alex Norths DESIRÉE, HELL AND HIGH WATER von Newman, Max Steiners KING RICHARD AND THE CRUSADERS, THE BAREFOOT CONTESSA von Mario Nascimbene.

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1955

Winner:
LOVE IS A MANY-SPLENDORED THING (Alfred Newman)

Nominees:
BATTLE CRY (Max Steiner)
THE MAN WITH THE GOLDEN ARM (Elmer Bernstein)
PICNIC (George Duning)
THE ROSE TATTOO (Alex North)

Niemand hätte was sagen können, wenn der junge Elmer Bernstein für THE MAN WITH THE GOLDEN ARM gewonnen hätte und Duning hatte bessere Scores, die nicht nominiert wurden.

Auf jeden Fall hätte es noch die ein oder andere Musik gegeben:
Leonard Rosenman wurde gleich drei Mal übergangen: EAST OF EDEN, REBEL WITHOUT A CAUSE und THE COBWEB. Oder Miklós Rózsas MOONFLEET beispielsweise, sicherlich Walter Schumanns THE NIGHT OF THE HUNTER und Bronislau Kapers THE PRODIGAL sowie UNTAMED von Franz Waxman. Weitere «contenders» wären gewesen: STRATEGIC AIR COMMAND oder THE TALL MEN (Victor Young), Bernard Herrmans THE KENTUCKIAN oder THE TROUBLE WITH HARRY, BAD DAY AT BLACK ROCK (André Previn), THE LEFT HAND OF GOD (Victor Young), Alex Norths «Unchained Melody» aus UNCHAINED wurde 35 Jahren später mit GHOST nochmals weltberühmt und mit VIRGIN QUEEN (Waxman), LAND OF THE PHARAOS (Dimitri Tiomkin) und Hugo Friedhofers THE RAINS OF RANCHIPUR wäre ein weiteres Trio parat gewesen.

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1956

Winner:
AROUND THE WORLD IN 80 DAYS (Victor Young)

Nominees:
ANASTASIA (Alfred Newman)
BETWEEN HEAVEN AND HELL (Hugo Friedhofer)
GIANT (Dimitri Tiomkin)
THE RAINMAKER (Alex North)

Doch eher überraschend gewann AROUND THE WORLD IN 80 DAYS den Best Picture Oscar und nahm auch noch gleich Victor Young mit ins Boot. Young hätte zuvor für die ein oder andere Musik gewinnen können oder sollen.

Wie man allerdings LUST FOR LIFE (Miklós Rózsa) auslassen konnte, ist ebenso wie die Nichtnominationen von Elmer Bernsteins THE TEN COMMANDMENTS und Saintons MOBY DICK eines der grossen und unverständlichen Academy-Rätsel. 1956 sah aber noch andere grossartige Musiken:

Nino Rota wäre gleich mit zwei Musiken nominierbar gewesen: LA STRADA und WAR AND PEACE, Young selber nochmals mit THE BRAVE ONE, Rózsa erneut mit DIANE und dem fabelhaften TRIBUTE TO A BAD MAN, RICHARD III (William Walton), WRITTEN IN THE WIND  (Frank Skinner), HELEN OF TROY (Max Steiner).
Erwähnenswert sicher George Auric für THE HUNCHBACK OF NOTRE DAME und Bernard Herrmann gleich doppelt mit THE MAN WHO KNEW TOO MUCH und THE WRONG MAN.

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1957

Winner:
THE BRIDGE ON THE RIVER KWAI (Malcolm Arnold)

Nominees:
AN AFFAIR TO REMEMBER (Hugo Friedhofer)
BOY ON A DOLPHIN (Hugo Friedhofer)
PERRI (Paul Smith)
RAINTREE COUNTRY (Johnny Green)

Bei aller Liebe zu David Leans Film, aber scoremässig hätte unter den Nominierten mit RAINTREE COUNTRY oder BOY ON A DOLPHIN ein komplexeres Werk ganz zuoberst auf das Treppchen gehört. Und kennt jemand heute noch PERRI von Paul Smith?

Unverzeihlich das Auslassen wenigstens einer der beiden Franz Waxman Kompositionen PEYTON PLACE und dem grandiosen THE SPIRIT OF ST. LOUIS, eine der Lieblingsmusiken vieler Waxmn-Fans.

Da wäre auch noch was mit folgenden Musiken gegangen:
3:10 TO YUMA (George Duning), THE ENEMY BELOW (Leigh Harline), Tiomkins GUNFIGHT AT THE O.K. CORRAL, George Antheils THE PRIDE AND THE PASSION, SAYONARA von Franz Waxman, LA NOTTI DU CABIRIA von Nino Rota und Elmer Bernsteins SWEET SMELL OF SUCCESS.

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1958

Winner:
THE OLD MAN AND THE SEA (Dimitri Tiomkin)

Nominees:
THE BIG COUNTRY (Jerome Moross)
SEPERATE TABLES (David Raksin)
WHITE WILDERNESS (Oliver Wallace)
THE YOUNG LIONS (Hugo Friedhofer)

Niemand hätte etwas gegen THE BIG COUNTRY einwenden können, oder? WHITE WILDERNESS ist eine grosse Unbekannte und SEPERATE TABLES auch nicht gerade Raksins stärkste Musik.

Wieder einmal übersehen wurde Bernard Herrmann, 1958 mit VERTIGO und THE 7TH VOYAGE OF SINBAD, da bleibt nur noch Kopf schütteln. Aber auch Bronislau Kaper wurde übel mitgespielt: AUNTIE MAME und THE BROTHERS KARAMAZOV.
Weitere Vergessene:
THE BRAVADOS (Hugo Friedhofer und Alfred Newman), THE BUCANEER (Elmer Bernstein), COWBOY (George Duning), THE PROUD REBEL (Jerome Moross), THE VIKINGS (Mario Nascimbene), A TIME TO LOVE AND A TIME TO DIE (Miklós Rózsa) sowie Henry Mancinis TOUCH OF EVIL.

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

1959

Winner:
BEN-HUR (Miklós Rózsa)

Nominees:
THE DIARY OF ANNE FRANK (Alfred Newman)
THE NUN’S STORY (Franz Waxman)
ON THE BEACH (Ernest Gold)
PILLOW TALK (Frank DeVol)

Unbestritten ein wohlverdienter Gewinner und endlich der Oscar für Rózsa.

Aber statt PILLOW TALK hätten ohne Zweifel NORTH BY NORTHWEST oder JOURNEY TO THE CENTER OF THE EARTH (Bernard Herrman) auf der Liste stehen müssen.
Weiters möglich wären gewesen:
ANATOMY OF A MURDER (Duke Ellington), LAST TRAIN FROM GUN HILL (Dimitri Tiomkin), THE SOUND AND THE FURY (Alex North), JONE PAUL JONES und A SUMMER PLACE (Max Steiner), WARLOCK (Leigh Harline), THE WORLD, THE FLESH AND THE DEVIL (Miklós Rózsa).

Hätte gewinnen müssen:Hätte wenigstens nominiert sein müssen:

 

14.4.2019