Fat Man and Little Boy

Im September 1942 lancieren die USA in der Wüste New Mexikos das «Manhattan Project». Unter der Leitung des kompromisslosen Generals Leslie R. Groves (Paul Newman) haben J. Robert Oppenheimer (Dwight Schultz) und sein Team hochspezialisierter Wissenschaftler gerade mal 19 Monate Zeit, um den Nazis bei der Entwicklung der Atombombe zuvorzukommen. Als das Dritte Reich jedoch kapituliert und die Japaner kurz davor stehen, dies ebenfalls zu tun, geraten die Forscher ‒ auch weil sie je länger je mehr erkennen, dass sie Pandoras Büchse zu öffnen im Begriff sind ‒ in ein moralisches Dilemma und fordern die sofortige Beendigung des Projekts. Groves hat dafür aber kein Gehör, und der Rest ist (traurige) Geschichte.

Dass die Einspielergebnisse von Fat Man And Little Boy eher bescheiden blieben, verwundert ein wenig. Wenn auch bestimmt kein grosser Film, spricht doch einiges zu seinen Gunsten. Eine tolle Ausstattung mit dem Auge für’s Detail, vorzügliche Fotografie, straffe Dramaturgie und ein sehenswerter Cast, bei dem vor allem Paul Newman und Dwight Schultz in ihren zahlreichen Konfrontationsszenen brillieren. Neben realen treten auch fiktive Charaktere wie der junge Wissenschaftler Michael Merriman (John Cusack) und die sich in ihn verliebende Krankenschwester Kathleen Robinson (Laura Dern) in Erscheinung.

Das hervorstechendste Qualitätsmerkmal dieses Streifens ist indes zweifellos seine Musik. Ennio Morricone schuf für Regisseur Roland Joffé drei Jahre nach ihrem gemeinsamen Triumph The Mission abermals einen Score, der nachhaltig im Bewusstsein des Hörers verharrt. Wer könnte etwa General Groves‘ Marsch vergessen, der zwar harsch daherkommt, aber trotzdem jenes leise Augenzwinkern, das Newman seiner Figur verleiht, nicht ausser acht lässt. Oder das für Morricone so typische, berückend-wehmütige Thema für die untragbare Liaison des verheirateten Oppenheimer mit einer Kommunistin, das nicht nur als tragisches Liebesmotiv verstanden werden kann, sondern auch als eine Elegie, die sämtliche Opfer der nuklearen Kriegsführung umfasst.

Sehr anschaulich unterlegt Morricone die Arbeit der Wissenschaftler und die damit verbundenen Gefahren. Ein geheimnisumwittertes Motiv (Daniel Schweiger nennt es im Booklet Concern Theme) steht für die fieberhafte Suche nach der Lösung der sich stellenden Probleme und böse Vorahnungen, das furchterregende Danger Motive mit apokalyptischen Streichern und Elektronik für die Radioaktivität. Ein religiöses, von Streichern und Orgel vorgetragenes Thema unterstreicht Oppenheimers wachsende Zweifel über die Richtigkeit seines Tuns, die Komponenten der Bombe werden in Begleitung lullabyartiger Glöckchenklängen zusammengesetzt, so als sähe Morricone Kinder am Werk, die sich der Gefährlichkeit ihres Spielzeugs nicht bewusst sind. Schliesslich ist da noch das zart blühende Liebesthema für Kathleen und Michael, das leider kaum zum Einsatz kommt.

Der auf CD 1 präsentierte Score entspricht nicht ganz der Filmfassung, wo da und dort anderes zu hören ist als das, was Morricone im Sinn hatte. Das trifft zum Beispiel auf den Main Title zu; die ursprüngliche, hier reinstallierte Version setzt sich aus einem japanisch angehauchten Motiv und Groves‘ Marsch zusammen. Und beim davorgesetzten Above The Clouds handelt es sich um ein alternatives Finale mit einem unbenutzten, sowohl trauernden als auch hoffnungsvollen Thema. Dies ist einer von drei Tracks mit der engelsgleichen Vokalise Edda Dell’Orsos; keiner von ihnen fand jedoch schlussendlich Verwendung.

Auf CD 2 sind nebst Source-Cues aus der Feder Morricones ‒ zumeist Swing-Stücke und das barocke, im Film die ausgelassene Feier nach der Kapitulation Deutschlands begleitende Celebration ‒ einige ganz tolle Alternates enthalten. Hervorzuheben sind hier We Must Not Forgetmit einem gefühlsintensiven Violin-Solo, Higher And Higher mit Edda Dell’Orso und den End Credits in der Filmfassung, Innocent Love, das Kathleen-Michael-Liebesthema, wiederum mit Solo-Violine und in einem an Georges Delerue erinnernden Arrangement, sowie One Hope, wo nochmals die Stimme von Dell’Orso, eingebettet in verklärte und elegische Klänge, zu vernehmen ist.

Fat Man And Little Boy zählt für mich vorbehaltlos zu Morricones besten Hollywood-Arbeiten, deren Veröffentlichung ‒ die bei einem grösseren Erfolg des Filmes wohl bereits zu dessen Start Tatsache geworden wäre ‒ ich mir seit nahezu zwanzig Jahren gewünscht hatte. Mit dieser in praktisch jedem Bereich überzeugenden Doppel-CD hat La-La Land meine hohen Erwartungen noch übertroffen und sorgt damit definitiv für ein filmmusikalisches Highlight des Jahres.

Andi, 22.12.2011

 

FAT MAN AND LITTLE BOY

Ennio Morricone

La-La Land Records LLLCD 1196

CD 1: 63:40 Min. / 20 Tracks
CD 2: 40:29 Min. / 19 Tracks

Limitiert auf 3000 Stk.

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