Escape from L.A.

John Carpenters Escape from N.Y. (Deutscher Titel: Die Klapperschlange) hat wie die meisten seiner 70er und 80er Filme Kultstatus, etwas was Carpenter mit seinen letzten Filmen komplett verfehlte. Irgendwann in den 90ern hat es einen tiefen Schnitt gegeben und John Carpenter Filme wie Ghosts from Mars oder Vampires sind zu völlig verfehlten, filmischen Missbildungen mutiert. Zu letzteren zählt auch das Snake-Sequel Escape from L.A.
50$ Mio. Dollar standen Carpenter zur Verfügung und er hat daraus ein zünftiges Mischmasch gewerkelt, dem die kühle und unheimliche Atmosphäre des Vorgängers völlig abgeht. Zu viele übergedrehte Charaktere teilen sich die knapp 100 Minuten und so manche Szene, wie jene mit Peter Fonda als Surfer schoss den Vogel ab. Das war nicht nur schlecht gemacht sondern auch so durchdacht. Beim Publikum stiess der Film ebenfalls nicht auf das erwartete Interesse (für das Studio war er eine Enttäuschung) und die weltweiten Einspielergebnisse im Kino haben das deftige Budget nicht erreichen können. Mit Video, DVD und TV wird der Film inzwischen zwar in die Gewinnzone gekommen sein, aber für Carpenter war es das Aus mit den ganz grossen Budgets arbeiten zu können.

Carpenter (er als auch Walker haben ihre kompositorischen Anteile) hat Snake Plisken hier mit einem fetzigen Spaghetti-Western Thema für Gitarre, Schlagzeug, Bass und Mundharmonika bedacht. Sein eingängiges Originalthema aus dem Vorgänger lässt Walker jedoch nur gerade in „Escape from New York – Main Title“ ertönen, hier in einem knackig rockigen Kleid.

Ansonsten konzentrieren sich Walker und Carpenter sich – Walker hat zuvor bei Memoirs of an Invisible Man erfolgreich mit dem Regisseur zusammengespannt – zumindestens in den ersten zwei Dritteln des Scores auf das was Carpenter Musik lange ausgezeichnet hat: eine kühle, elektronisch hergestellte, minimalistische Atmosphäre, die gerade in den ersten fünf oder sechs Tracks spürbar ist (als Beispiel die ersten 1:30 Min. von „Weapons/Snake’s Uniform“). Ja, bei Walker klingt selbst das manchmal musikalischer als beim Autodidakten Carpenter, doch zum Gefallen des Filmemachers hat sie seine „Ideen“ weitergesponnen und mit ihren Synthieklängen für eine bedrückende Stimmung gesorgt, auch wenn Tracks wie „Snake Gets Scratched“ und „Defense Lab“ das eben erwähnt Minimalistische von Carpenter aufnehmen.

Wie der Film tanzt auch der Score auf mehreren Hochzeiten, von Spannung über Action, asiatischen Harmonien, urban funk und industrial sounds (davon gibt es recht viele, so quasi als Höhepunkt „Motorcycle Chase“), wie es so schön heisst, ja sogar emotionalen Momenten, lang aushaltenden Synthieflächen für Suspensemomente, „arabisches“, knackige Actionmusik, orientalische Klänge (eben… zu viel auf einmal in einem Film; zu viele Charaktere, die kommen und gehen). So ist es nicht immer leicht der Musik zu folgen und der rote Faden ist vielmehr in der Originalität (man höre „Beverly Hills Surgeon“) und Walkers adaptiertem „Carpenter-Stil“ sowie den Sounds als in Themen und Motiven an sich zu finden, auch wenn Plisken nebst seinem herrlichen, fast zu wenig zu hörenden Spaghetti-Thema („Snake’s Uniform“, als Variation mit Mundharmonika und Hackbrett: „Showdown“) ein Suspensemotiv („Snake’s Escort“) ebenso wie eine kleine Fanfare („Submarine Launch“, später auch vom Orchester gespielt – „Texas Switch“) erhält. Viel Augenzwinkerei nicht nur im Film.

Für den traditionellen Orchesterfan ist Escape from L.A. sicher alles andere als ein Reisser, anders als so viele von Walkers Arbeiten, denn hier setzt sie zum Grossteil eben auf Elektronik. Nyle Steiner (EVI), Mike Fisher, Michael Watts sind u.a. an den elektronischen Instrumenten tätig, ja sogar der bekannte Bassist Nathan East (Phil Collins, Toto) spielt auf.

Der Orchesterteil (Streicher, Blech) startet, erst im letzten Drittel des 75 minütigen Scores mit „The Black Box/Target L.A.“, dem Score eine weitere Dimension und sicher auch etwas mehr Tiefe gebend. Wie Carpenter in den hervorragenden Liner Notes von Daniel Schweiger betont, fand er es nötig einem Film, der ein grösseres Publikum erreichen sollte auch eine dementsprechende Musik zu geben, etwas was ich so nur bedingt teilen kann. Wie auch immer, Walker zieht einige ihrer Register in Tracks wie „Escape from the Coliseum“, „Queen Mary“, „Helicopter Arrival“ oder „Escape from Happy Kingdom“, hie und da übernimmt das Orchester auch die zuvor elektronisch gespielten Motive („Hang Glider Attack“) und tritt dabei noch deutlicher in den Vordergrund, stets aber von Synthesizern begleitet.

Escape from L.A. ist ein wirklich nicht schlechter, abwechslungsreicher Actionscore, mit viel Witz und Spritz versehen; und wer die durchaus etwas spezielle Mischung nicht scheut, dürfte daran seinen Spass haben. Tolle Präsentation von La-La Land Records, bitte mehr davon!

Phil, 22.3.2014

 

ESCAPE FROM L.A.

Shirley Walker & John Carpenter

La-La Land Records LLLCD 1285

31 Tracks / 78:58 Min.

Limitiert auf 1500 Stk.

 

 

 

 

Kommentar hinterlassen

Schreib einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*