Empire of the Sun (La-La Land)

Empire Of The Sun hat schon immer ein seltsames Gefühl hinterlassen. Einerseits beinhaltet der Score wunderbare Melodien und Chor-Stücke, die für sich allein genommen sehr erbaulich zu hören und wunderbar durchkomponiert sind. Andererseits untermalen diese Melodien das Geschehen des zweiten Weltkrieges in Fernost. Jim, die Hauptfigur, verliert als Heranwachsender in all dem Chaos seine Eltern aus den Augen und wird von den Japanern verschleppt und in ein Gefangenenlager gesteckt. Keine Handlung, die auf erhebende Gänsehautmusik schließen lässt, wenngleich es aber auch dramatische und melancholische Passagen gibt. All das, die Musik an sich und vor allem im Zusammenspiel mit dem Film, hinterlässt einen eher surrealen

Eindruck und damit zwangsläufig ein seltsam unbeschreibliches Gefühl des Unbehagens.
Nach Jims Internierung im Gefangenenlager hören wir mit The Plane nicht etwa traurige oder gar deprimierende Musik, sondern im Gegenteil episch-melodische Musik, die Bewunderung und Begeisterung auszudrücken scheint, nämlich Jims Bewunderung des japanischen Bombers, den er sanft berührt und dann noch der herannahenden Besatzung des Bombers mit militärischem Gruß gegenüber steht. Eine Form der Bewunderung, wie sie in einem solchen Moment nur einem kindlichen Gemüt entspringen kann.

Spätestens bei Jim’s New Life kann man erkennen, welche Absicht hinter dieser Art der musikalischen Untermalung liegt. Jim sitzt inzwischen seit geraumer Zeit im Gefangenenlager und trotzdem ist Jim’s New Life als dazu gehörige Musik fröhlich, beschwingt und hoffungsfroh. Fast so, als würde diese Musik einer harmlosen Kommödie über Kinder in der Nachbarschaft entstammen. Aber was sie uns eigentlich sagen will: Jim hat gelernt, sich im Alltag des Gefangenenlagers zurecht zu finden. Seine Psyche, die eines Kindes, hat es geschafft, das Elend und Greuel zu verdrängen und das Beste aus der Situation zu machen. Und damit ist klar, dass wir nicht nur das Geschehen des Films durch Jims Augen sehen sondern auch die Musik durch seine seelischen Filter hören. Williams hat die Musik nicht für uns, das Publikum geschrieben, damit wir wissen, was wir empfinden sollen, sondern für Jim, damit wir wissen, was ER empfindet.

Dieses Konzept erreicht mit Cadillac Of The Skies seinen Höhepunkt, wenn das Lager von amerikanischen Bombern angegriffen wird, um es zu befreien. Trotz der Bomben und der Zerstörung um sich herum steht Jim auf dem höchsten Gebäude des Lagers und jubelt den Bombern voller Naivität und technischer Begeisterung zu, was sich in einer mystisch-heroischen Musik äußert, die sich immer weiter steigert, bis Jim endlich vom Dach in Sicherheit gebracht und so jäh aus seiner Begeisterung heraus gerissen und auch die Musik in eine völlig andere Tonart übergeleitet wird.

Abschließender Höhepunkt des Soundtracks, speziell der ersten Disc, ist natürlich das chorale Exsultate Justi, das die Befreiung aus der Gefangenschaft und die Wiedervereinigung mit dem Eltern feiert. Ob man angesichts der Ereignisse und aufgrund der Tatsache, dass Jim sich deretwegen verändert und von seinen Eltern entfremdet hat, von einem Happy End sprechen kann sei dahin gestellt.

Fest steht, dass Williams mit einem ungewöhnlichen kompositorischen Ansatz einen eindringlichen Score geschaffen hat, der zwar einerseits wunderbare Melodien enthält, aber eben dadurch auch die Diskrepanz zwischen Realität und deren Wahrnehmung durch die Augen eines Kindes einfängt und damit andererseits die bereits erwähnte Surrealität herausarbeitet.

Noch ein paar Worte zu dieser Edition des Soundtracks im Vergleich zum Original-Album von 1987: der Soundtrack selber ist um rund 20 Minuten länger als die alte Fassung und die Stücke sind in chronologischer Reihenfolge angeordnet. Am emotionalen Gesamteindruck ändert diese Verlängerung erstaunlicherweise nicht sonderlich viel. Wer allerdings einen abgerundeten und vollständigen Höreindruck bekommen und darüber hinaus die Alternativ-Versionen einzelner Stücke auf der zweiten CD analysieren möchte, sollte beherzt zugreifen, zumal die Liner Notes von Mike Matessino äußerst informativ aber auch sehr analytisch sind.

Klaus, 10.9.2014

 

EMPIRE OF THE SUN
(Expanded Archival Collection)

John Williams

La La Land LLLCD 1300

CD1: 76:05/21 Tracks 
CD2: 32:24/10 Tracks

 

 

 

 

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