Emma

Es war im Jahr 1997, da gewann Rachel Portman als erste Frau den Oscar für die beste Filmmusik. Ihre Gewinnermusik war der Score für die Jane Austen-Verfilmung Emma. Nun, im Jahre 2009, hat sich der britische Fernsehsender BBC zu einer neuen Verfilmung des beliebten Stoffes entschlossen und mit dem Komponisten Samuel Sim eine bislang recht unbekannte Stimme für die Vertonung gefunden. Eingespielt wurde dessen Musik immerhin mit dem Chamber Orchestra of London in den legendären Abbey Road Studios, veröffentlicht nun von dem schwedischen Label MoviescoreMedia.

Samuel Sim kann im Vergleich zu Portman nicht  mit einem derart starken Thema aufwarten, stattdessen komponierte er eine weitaus subtilere Melodie, die erst im weiteren Verlauf des Albums ihre Kraft entfalten kann, da Sim sie mehrmals variieren und als roten Faden durch das komplette Album wandern lässt. Zuerst vorgestellt wird sie sogleich im ersten Stück, gespielt von schwärmenden Streichern, kontrapunktiert von Desplat-ähnlichen Holzbläserpunktierungen. Dem Hauptthema stellt Sim mehrere unscheinbare Motive zur Seite, die zumeist von Holzbläsern intoniert werden. In den grazilen Cellosoli (Tracks 7 und 16 etwa) schwingt gar die europäische Ästhetik eines Philippe Sarde mit.

Europäisch ist hier auch das Stichwort, denn die gesamte Vertonung unterscheidet sich wesentlich von aktuellen Hollywoodmusiken. Dort, wo gerne mal übertrieben wird, was Kitsch anbelangt, hält sich Sim angenehm zurück. Sanfte, liebliche Streicherfiguren, Klavierostinati und immer wieder solistisch in den Vordergrund gesetzte Instrumentalstimmen machen das vorliegende Album zu einer hervorragenden Musik für einen Abend vor dem Kamin mit einem guten Rotwein. Ebenso wie ein Rotwein, wird auch diese Musik stets besser, je länger sie reift – das heißt in diesem Fall, je öfter man sie hört.

Das Thema, zu Beginn unscheinbar und vielleicht als arg belanglos empfunden, pflanzt sich langsam aber sicher in die Gehörgänge des Filmmusikenthusiasten, die transparente Orchestration vermag zu beeindrucken, motivische Einfälle oder seien es nur bestimmte Akkorde können aufgrund ihrer Eleganz bezaubern. So klingt diese Musik herrlich frisch und unverbraucht. Der große Pluspunkt ist außerdem, dass man über die gesamte Laufzeit prächtig unterhalten wird und das ist der Vorteil etwa gegenüber aktuellen Musiken Alexandre Desplats, der als ähnlich ästhetisch empfunden wird, abseits von einem netten Thema im weiteren Verlauf aber nicht viel Beeindruckendes bieten kann. Hier ist es die immer wiederkehrende Melodie, welche vor treibenden Streicherrhythmen ausgespielt wird oder von welcher nur kleine Fetzen fast unbemerkt eingebaut werden, was das Hören zusätzlich zu einem interessanten, anregenden Suchspiel macht. Auf sich aufmerksam macht zudem ein bezaubernder, von Sim komponierter englischer Tanz, ganz im Stil des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, welcher in „Cliff Tops“ erklingt. So hat Sim auch in anderen Tracks musikalische Stilmittel vergangener Zeit eingebaut, seien es nur als Beispiel Klaviertriller, mit welchen er das Hauptthema verziert.

Alles in allem eine kammermusikalische, sehr elegante, detailliert orchestrierte, frische englische Fernsehmusik, welche in all diesen Eigenschaften den meisten aktuellen Film- und Fernsehmusiken des letzten Jahres weit überlegen ist. Es ist eine Freude, dieser vielleicht nicht sonderlich komplexen, aber nichtsdestotrotz mit viel Herzblut komponierten, charmanten Filmmusik zu lauschen. Ganz klassisch, ohne Elektronik, verzichtend auf überbordenden Kitsch und angenehm zurückhaltend. Hoffentlich wird man von Samuel Sim noch viel hören. Weiter so!

Stephan Eicke, 14.3.2010

 

EMMA

Samuel Sim

Movie Score Media MMS-09028

51:11 Min. / 28 Tracks

 

 

 

 

 

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