Duel in the Sun

Mit DUEL IN THE SUN schwebte David O. Selznick Grosses vor, denn der Film sollte nichts weniger werden als eine Texas-Version von GONE WITH THE WIND. Dieses Vorhaben missglückte dem erfolgsverwöhnten Produzenten indes und spätestens, als wenig schmeichelhafte Bezeichnungen wie LUST IN THE DUST die Runde machten, musste ihm klar sein, dass er übers Ziel hinausgeschossen war.

Denn die Geschichte vom feurigen Halbblut Pearl Chavez, das nach dem Tod seiner Eltern von der Familie einer Jugendfreundin väterlichseits aufgenommen wird, wo es das Blut der männlichen Mitglieder aus verschiedenen Gründen in Wallung bringt, wirkt beim Versuch, die Grenzen des von der Zensur Tolerierten auszuloten, vor allem in der Darstellung der Pearl ‒ verkörpert von Selznicks damaliger Lebensgefährtin Jennifer Jones ‒ manchmal doch etwas arg plakativ.

Auch Dimitri Tiomkins Blut geriet in Wallung, als es darum ging, ein paar vorab komponierte Themen von Selznick absegnen zu lassen und seinem egomanischen Arbeitgeber «Orgiastic» selbst beim dritten Versuch noch nicht leidenschaftlich genug war. «Dimi, that is not the way I make love», musste sich der Komponist anhören lassen, worauf er zornig entgegnete: «But is the way I make love». Damit war die Sache gegessen.

Ein Schelm, wer jetzt denkt, in DUEL IN THE SUN gehe es nur um Fleischeslust, denn weder Film noch Musik lassen sich auf Pearls ‒ wenn auch handlungsbestimmende ‒ Erotik reduzieren, handelt es sich doch um einen prachtvoll fotografierten Western von epischen Proportionen. Ein «bigger-than-life»-Feeling verströmen daher bereits die ersten Takte des «Prelude», das in der Roadshow-Präsentation dem Film vorangestellt war; ein beeindruckender, über neunminütiger Reigen aller wichtigen Themen.

Tragische menschliche Verstrickungen, Landschaftsbeschreibungen und Volksmusik, das alles bringt Tiomkin im stimmungsvollen Wechselspiel meisterhaft zu Gehör. Natürlich haben alle Hauptfiguren ihre Themen, im Fall von Laura Belle McCanles (Lillian Gish) greift der Komponist zu «Beautiful Dreamer» von Stephen Foster, das ‒ bearbeitet für Streicher und Klavier ‒ als Stimme der Vernunft, Harmoniebedürftigkeit und Wehmut dient, wenn jahrelang unterdrückte Gefühle und Familienkonflikte, insbesondere zwischen dem selbstherrlichen Rinderbaron Jackson McCanles (Lionel Barrymore) und den völlig gegensätzlichen Söhnen Jesse und Lewt (Joseph Cotten und Gregory Peck), wegen Pearl schliesslich zum Ausbruch kommen.

Nebst zwischenmenschlich bedingter, bedeutungsschwerer Dramatik ist Tiomkin auch um andere Akzente besorgt. Den ekstatischen «Casino Dance», den Pearls Mutter zu Beginn des Films darbietet, schrieb er zwar ursprünglich für die Tanzgruppe seiner ersten Frau, die Zweckdienlichkeit rechtfertigt jedoch diesen Eigenklau. Während sorgloser Momente wie in «Horse Tricks» gibt’s schon mal Platz für Spässchen wie Hufgeklapper und trompeten-erzeugtes Pferdewiehern. Und während der Konfrontation zwischen McCanles und einer Eisenbahngesellschaft kommt nicht nur das majestätische Thema für die Ranch «Spanish Bit» prächtig zum Einsatz, sondern die Musik wird auch durch heroische Kavallerie-Fanfaren und «The Bonnie Blue Flag» für eine kurze Weile recht martialisch.

Der Score steuert auf ein unausweichliches, fatales Finale zu, das das Schicksal von Pearl und Lewt besiegelt. In «Treck to the Sun / Squaw’s Head Rock» beschwört ein orchesterbegleitender Chor nicht nur die sonnendurchtränkte Prärie herauf, sondern auch die Mystik einer alten Indianer-Kultstätte, was der sich anbahnenden Tragödie sowohl auf der Bild- als auch auf der Klangebene Tür und Tor öffnet zur überzeichneten Verklärung. Die logische Steigerung folgt dann im von Selznick mit Wagners «Tristan und Isolde» verglichenen «Duel and Transfiguration / Love ist Eternal». Brennendes Verlangen noch im Angesicht des Todes oder ultimativer Liebesakt, vieles ist interpretierbar bei diesen Klängen überbordender Leidenschaft.

Die vorliegende Komplett-Einspielung von DUEL IN THE SUN beschreibt Frank K. DeWald in seinen informativen Liner-Notes als «idealisiert». Da Tiomkin einige Cues bis zu fünfmal umschrieb, entschied man sich für die jeweils besten Versionen, und das sind nicht zwangsläufig jene, die auch für den Film verwendet wurden. Ein paar Tracks ‒ beispielsweise «The Sump» ‒ enthalten indes zwei Versionen des jeweiligen Cues.

Die Prager Philharmoniker unter Nic Raine spielen gewohnt souverän, ihre Interpretation ist höchstens da und dort ein klein wenig zu brav geraten. Bei Tiomkin kann man kaum übertreiben, denn gerade seine Musik mag das Überkandidelte gut vertragen. Während man für David O. Selznick da also vielleicht nochmals hätte über die Bücher gehen gehen müssen, will der Reszendent nicht so kleinlich sein. Viel zu gross ist die Freude darüber, dass Tiomkins erster bedeutender Westernscore endlich in seiner ganzen Pracht genossen werden kann.
Andi

 

DUEL IN THE SUN

Dimitri Tiomkin

Prometheus Records XPCD180

CD 1: 53:38 Min. / 15 Tracks
CD 2: 57:11 Min. / 13 Tracks

 

 

 

 

 

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